Hermann Kersting

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Afrikaforscher Hermann Kersting. Für den Maler siehe Hermann Karl Kersting.

Hermann Kersting (* 30. Januarjul./ 11. Februar 1863greg. in Riga; † 23. August 1937) war ein deutscher Arzt, Afrikaforscher und Kolonialbeamter.

Leben[Bearbeiten]

Kersting war der Sohn von Richard Kersting, einem Chemiker aus Riga, und Enkel des Malers Georg Friedrich Kersting. Er studierte Medizin, Nationalökonomie und Landwirtschaft an den Universitäten Königsberg und Dorpat. 1893 wurde er zum Doktor der Medizin promoviert.

Afrikadurchquerung[Bearbeiten]

In den Jahren 1893 und 1894 nahm er an einer Reise durch Afrika mit Gustav Adolf von Götzen und Georg von Prittwitz und Gaffron von Ostafrika zur Kongomündung teil.

Mit der Absicht, Zentralafrika zu erforschen, brachen sie am 21. Dezember 1893 von Pangani an der deutsch-ostafrikanischen Küste auf und marschierten durch die Gebiete der Massai, Nord-Uniamwesi und Usuwi. Am 2. Mai 1894 überschritten die Expeditionsteilnehmer den Kagera und gingen nach Ruanda hinein, das bis dahin nur von Oscar Baumann 1892 am Ostrand berührt worden war. Sie bestiegen einen der höchsten Gipfel der Kirungaberge, den Msumbiro und den noch tätigen Vulkan Kirunga-tscha-gongo. Am 29. Juni entschloss sich Götzen, westlich durch den Urwald von Uregga vorzudringen. Nach großen Strapazen erreichten sie am 21. September den Kongo bei Kirundu und am 29. November Matadi die Mündung des großen Stroms in den Atlantik.

Kolonialbeamter[Bearbeiten]

1896 nahm er im Auftrag des Auswärtigen Amtes an der Expedition von Karl Lauterbach teil, deren Ziel die Erforschung des Hinterlandes von Neuguinea war.

Im Mai 1897 trat er in den Kolonialdienst und war zunächst Leiter der Station Misahöhe in Togo, dann Verwalter des Bezirks Sokode Sokodé. Dort gab Kersting sich als der „Herr im Lande“ und ließ sich eine Station „mit den Ausmaßen eines kurländischen Adelssitzes bauen“.[1] In den Jahren zwischen 1897 und 1902 leitete Kersting 16 militärische Operationen zur Unterwerfung des Bezirks. Peter Sebald charakterisierte Kersting als einen kaltberechnenden Beamten, der wenig von Verhandlungen hielt, sondern militärische Gewalt bevorzugte.[2] In den Jahren 1902 und 1903 bereiste er die Südstaaten der USA, Brasilien und Argentinien.

In Zusammenhang mit dem Kolonialskandal von 1905 wurde Kersting beschuldigt, mehrere minderjährige Afrikanerinnen vergewaltigt zu haben. Die Anschuldigung wurde von Kerstings Vorgesetzten als Verleumdung zurückgewiesen und blieb für ihn ohne Folgen, obwohl zumindest eine Vergewaltigung von dem Stationsassistenten Friedrich Wilhelm Martin Schröder bestätigt wurde.[3]

Von 1910 bis 1914 war er Vize-Gouverneur der Karolinen, Marianen und Marshallinseln, 1910 wurde er Bezirksamtmann auf Yap, 1911 auf Ponape. Während dieser Zeit kam es in Zusammenhang mit dem Aufstand der Sokehs zur größten Militäraktion der deutschen Kolonialmacht im Pazifik. Unter beträchtlichem Einsatz der Marine (die Schiffe Emden, Nürnberg, Cormoran und Planet) versuchte Kersting, der etwa 200 Aufständischen Herr zu werden, was ihm aber nicht gelang, da die Aufständischen sich verschanzten bzw. einen Guerillakrieg führten. Schließlich konnte er durch Anwendung der Taktik der „verbrannten Erde“ die Gegner aushungern und so in die Knie zwingen. 17 Aufständische wurden erschossen, das ganze Volk der Sokeh wurde nach Babelthuap deportiert und die Männer wurden zur Arbeit in den Phosphat-Minen von Angaur gezwungen. Nach dem Ende des deutschen Kolonialreichs im Pazifik konnten die Sokeh zurückkehren.

Im Mai 1914 unternahm Kersting eine Studienreise nach China und Japan, auf der er vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht wurde. Nach einer kurzen Kriegsgefangenschaft kehrte er 1914 nach Deutschland zurück. 1915 arbeitete er für die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft, 1916 und 1917 für das türkische Kriegsministerium. Von 1917 bis 1920 war er Referent für Land- und Forstwirtschaft im Reichskolonialamt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Garzke: Der Aufstand in Ponape und seine Niederwerfung durch S.M. Schiffe Emden, Nürnberg, Cormoran, Planet. In: Marine Rundschau. Wissenschaftliche Zeitschrift für Marinefragen. Hrsg. vom Nachrichtenbureau des Reichs-Marine-Amts. 22. Jg., 6. Heft 1911, S. 703–738.
  • Karl Baumann, Dieter Klein, Wolfgang Apitzsch: Biographisches Handbuch Deutsch-Neuguinea: 1882–1922. Kurzlebensläufe ehemaliger Kolonisten, Forscher, Missionare und Reisender. 2. Auflage. Baumann, Faßberg 2002.
  • Ralph Erbar: Ein Platz an der Sonne? Die Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte der deutschen Kolonie Togo 1884–1914. Stuttgart 1991.
  • Thomas Morlang: Grausame Räuber, die wir waren. In: Die Zeit. Nr. 39, 23. September 2010, S. 22 (online).
  • Thomas Morlang: Rebellion in der Südsee. Der Aufstand auf Ponape gegen die deutschen Kolonialherren 1910/11. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-604-8.
  • Peter Sebald: Togo 1884–1914. Eine Geschichte der deutschen „Musterkolonie“ auf der Grundlage amtlicher Quellen. Berlin 1988.
  • Bettina Zustrassen: „Ein Stück deutscher Erde schaffen.“ Koloniale Beamte in Togo 1884–1914. Campus, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-593-38638-6 (Unter dem Titel Die Steuerung und Kontrolle der kolonialen Verwaltung und ihrer Beamten am Beispiel des „Schutzgebietes“ Togo. Dissertation. Universität der Bundeswehr, München 2005.)
  • Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch. Herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft. Bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1912 – Rückblick auf die Entwicklung der Südsee-Schutzgebiete im Jahre 1911 (online).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Erbar: Ein Platz an der Sonne? Stuttgart 1991, S. 50.
  2. Sebald: Togo 1884–1914. Berlin 1988, S. 218f.
  3. Zustrassen: Ein Stück deutscher Erde schaffen. Frankfurt am Main 2008, S. 216f.