Kantönligeist

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Kantönligeist ist ein Synonym für Föderalismus, das heute meist mit negativer Konnotation (Kirchturmpolitik, Lokalpatriotismus) verwendet wird. Der Begriff wird auch ausserhalb der Schweiz, in Österreich und Deutschland („Kantonismus“) verwendet.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Begriff entstand aufgrund der Vielfalt und vielschichtigen Identität der souveränen Schweizer Kantone. Dazu gehört die kulturelle Vielfalt der verschiedenen sprachlichen und kulturellen Gruppen (deutscher, französischer, italienischer und rätoromanischer Kulturkreis), der städtisch und ländlich geprägten Kantone und zwischen Mittelland- und alpinen Kantonen. Er beschreibt das Bedürfnis aller Kantone, ihre Eigenständigkeit zu pflegen und zu wahren. Das Kulturleben der Schweiz wird massgeblich von der Selbständigkeit der Kantone und der Mehrsprachigkeit geprägt.

Kantönligeist wird auch zur Beschreibung der Einstellungen der Kantonsbewohner zueinander verwendet und hat dabei eine positive Bedeutung, da der Pluralismus eines der konstituierenden Wesensmerkmale der Willensnation Schweiz ist. Im Schweizer Dialekt deutet die Endung «-li» bei Substantiven auf etwas hin, das man besonders gern hat[1].

Zur Gewährleistung eines konfliktfreien Zusammenlebens dieser Gruppen in der Willensnation Schweiz wurden bei der Gründung des heutigen Bundesstaates staatspolitische Instrumente wie die direkte Demokratie und der Föderalismus eingeführt sowie die grösstmögliche Autonomie der Kantone beibehalten. Jeder Kanton besitzt weitgehende Souveränität bei Verfassung, Kultur, Schulwesen, direkte Steuern, Gerichtswesen, Polizeiwesen, Bauwesen, Naturschutz, Heimatschutz und Strafvollzug.

Der Kanton Jura, der 1979 als jüngster Kanton durch eine eidgenössische Volksabstimmung entstanden ist, ist ein Beispiel einer erfolgreichen Kantonisierung, die zeigt, dass der Föderalismus ein zukunftsfähiges Friedensmodell ist, um religiösen oder kulturellen Minderheiten grösstmögliche Souveränität und Selbstbestimmung zu ermöglichen.

Heutige Verwendung[Bearbeiten]

Der Föderalismus wird heute vor allem von Vertretern des zentralistischen Staatsverständnisses oder der Supranationalität auf den sogenannten «Kantönligeist» reduziert. Damit werden die historisch gewachsenen, subsidiären Regelungsunterschiede zwischen den Kantonen oder auch Gemeinden als überholt oder gar diskriminierend hingestellt[2]. Oft wird von Anhängern des Zentralstaates behauptet, der Kantönligeist bremse die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz. Nachteile von aufwändigeren Verfahren bei gemeinsamen Anliegen, werden jedoch dadurch aufgehoben, dass gemeinsam erarbeitete Lösungen von allen mitgetragen werden.

Nicht selten wird die Bezeichnung abwertend für engstirniges und provinzielles Denken verwendet, um die Kritik an mangelnder Kooperation und zu wenigen Bundeszuständigkeiten zu unterminieren. Der Begriff ist allerdings schwammig, da es nun einmal zum Wesen eines föderalistischen Staatswesens gehört, dass die Teilstaaten über eine grössere Autonomie verfügen.

Der Ökonom und Glücksforscher Bruno S. Frey konnte aufgrund seiner Studien nachweisen, das Kantönligeist - im Sinne von mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten - glücklich macht. In Kantonen mit weitergehenden Mitbestimmungsmöglichkeiten sind die Menschen unter sonst gleichen Lebensbedingungen glücklicher als in solchen mit weniger Mitbestimmungsrechten[3].

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Universität Zürich: Spracheinstellungen zu sechs Schweizer Dialekten
  2. Universität Fribourg: Föderalismus 2.0 – Mehr als Kantönligeist
  3. Tagesanzeiger vom 3. Januar 2012: Der Kantönligeist macht Menschen glücklich