Kishōtenketsu

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Kishōtenketsu (jap. 起承転結) bezeichnet eine rhetorische und erzählerische Struktur in japanischen Texten (Essays, wissenschaftliche Texte, Romane, Manga[1], usw.) und Reden.

Seinen Ursprung hat sie in den Jueju, vierteiligen Gedichten der klassischen chinesischen Literatur. Im Chinesischen wird eine derartige Struktur qǐ chéng zhuǎn hé (chinesisch 起承轉合 / 起承转合) genannt.

Kishōtenketsu bezeichnet eine Struktur aus vier gedanklichen Abschnitten:

  • Ki, die Einleitung als Darstellung des Themas,
  • Shō, die Entwicklung zur Weiterführung des Themas,
  • Ten, die Wende als überraschendes Element, das nur indirekt einen Bezug oder eine Verbindung mit dem Thema hat,
  • Ketsu, der Schluss der alle Elemente zusammenführt und eine Schlussfolgerung zieht.

In der japanischen Rhetorik bedeutet dies, dass die Kernthese erst am Ende genannt wird, das Vorhaben des Redners verzögert dargestellt wird, zwischendurch Informationsstücke auftauchen, die nur lose mit dem allgemeinen Thema zu tun haben und das Schlusswort am Ende einer Kette von Aussagen steht, die nicht streng einer Richtung folgen. John Hinds bezeichnete dies als quasi-induktiven Diskurs.[2]

Als einfaches Beispiel für diese vier Phasen wird oft folgendes Volkslied (俗謡, sokuyō) von Rai San’yō gegeben:

Kanji[3] Transkription Übersetzung
大阪本町糸屋の娘 Ōsaka Honmachi itoya no musume In Honmachi in Ōsaka leben die Töchter eines Garnhändlers,
姉は十六妹は十五 ane wa jūroku, imōto wa jūgo. die Ältere ist 16, die Jüngere 15.
諸国大名は弓矢で殺す Shokoku daimyō wa yumiya de korosu. Die Fürsten der Länder töten mit Pfeil und Bogen.
糸屋の娘は目で殺す Itoya no musume wa me de korosu. Die Töchter des Garnhändlers töten mit den Augen.

Im ersten Vers, Ki, werden zuerst die Töchter des Garnhändlers als Thema eingeführt und dann im zweiten Vers, Shō, Details über beide geliefert. Der dritte Vers, Ten, schweift dann in ein scheinbar themenfremdes Beispiel ab. Der Schluss und die Kernaussage des Textes folgt dann in der vierten Strophe, Ketsu, die darstellt, dass die Töchter mit ihren Augen Männer verführen, gleich der Sitte der Fürsten, Menschen zu töten.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Senko K. Maynard: Linguistic Emotivity: Centrality of Place, The Topic-Comment Dynamic, and an Ideology of Pathos in Japanese Discourse. John Benjamins, 2002, ISBN 90-272-5117-7, S. 338–346 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  •  Yoshiko Satō: Characteristics of Rhetorical Use by Japanese Learners of English. In: Journal of Chugoku Junior College / 中国短期大学紀要. Vol. 31, 2000, S. 323–333 (Volltext).

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 久世みずきの、マンガの作り方. In: 【ぷらちな】『電脳コイル THE COMICS』. 18. Dezember 2007, abgerufen am 31. Dezember 2011 (japanisch, Interview mit Mizuki Kuze).
  2. Maynard, S. 338.
  3. von dem Text existieren mehrere Fassungen, mit abweichenden Ortsangaben (1. Strophe), Altersangaben der Mädchen (2. Strophe) und Wortwahl (3. und 4. Strophe) siehe 起承転結「糸屋の娘は目で殺す」. In: ことば会議室. 17. Oktober 2005, abgerufen am 13. November 2011 (japanisch).