Konnektivismus

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Konnektivismus (engl. Connectivism) ist eine relativ junge Lerntheorie, die sich auf das Lernen im digitalen Zeitalter bezieht. Sie wurde von dem kanadischen Lerntheoretiker George Siemens entwickelt. Anders als bestehende Lerntheorien sieht der Konnektivismus den Menschen nicht als isoliertes, sondern als vernetztes Individuum. So entsteht ein Netzwerk, sowohl zu anderen Menschen als auch zu nicht-menschlichen Quellen. Dieses Netzwerk ist maßgeblich für das Lernen, da der Mensch jederzeit darauf zugreifen kann.

Geschichte des Konnektivismus[Bearbeiten]

Im Januar 2005 veröffentlichte George Siemens den Artikel "Connectivism: A Learning Theory for the Digital Age" im International Journal of Instructional Technology and Distance Learning[1]. Darin beschrieb er die Grundgedanken des Konnektivismus, den er basierend auf seiner Analyse der Beschränkungen des Behaviourismus, Kognitivismus und Konstruktivismus entwickelt hat, um zu erklären, welchen Einfluss Technologie darauf hat, wie wir leben, wie wir kommunizieren und wie wir lernen.

Donald G. Perrin, Chefredakteur des International Journal of Instructional Technology and Distance Learning sagt, diese Theorie "kombiniert die relevanten Elemente von mehreren Lerntheorien, sozialen Strukturen und Technologie, um ein mächtiges theoretisches Konstrukt für das Lernen im digitalen Zeitalter zu schaffen."[1]

Später hat neben Siemens auch Stephen Downes maßgeblich an der Weiterentwicklung dieser Lerntheorie mitgewirkt.

Der Begriff Konnektivismus taucht bereits als Wort in dem Buch "Der mittlere Weg der Erkenntnis" (Brückenschlag zwischen wissenschaftlicher Theorie und menschlicher Erfahrung) von Francisco J. Varela (et. al.) in der Originalausgabe von 1991 auf. Varela verweist in seiner Anmerkung darauf, dass dieser Name angeregt wurde von Feldmann und Ballard in: "Connectionist models and their properties".

Grundgedanken des Konnektivismus[Bearbeiten]

Einer der wichtigsten Aspekte des Konnektivismus ist die Vernetzung über Knoten und Verbindungen als eine zentrale Metapher für das Lernen[2]. In dieser Metapher ist ein Knoten alles, was mit einem anderen Knoten verbunden werden kann. Das können sowohl die lernende Person selber sein als auch andere Personen oder auch reguläre Quellen wie z. B. Bücher, Internetseiten oder Grafiken. Lernen ist dann der Prozess, neue Verbindungen zu anderen Knoten anzulegen und somit ein Lernnetzwerk aufzubauen. Nicht alle Verbindungen in dieser Metapher sind dabei gleich stark. Die meisten sind sogar relativ schwach.

Dadurch wird im Konnektivismus der Lernansatz des "Wissen wie" und "Wissen was" ersetzt durch ein "Wissen wo" (das Verständnis darüber, wo Wissen zu finden ist, wenn man es braucht). Das Meta-Lernen wird somit genau so wichtig wie das Lernen selbst.[3]

Prinzipien des Konnektivismus nach George Siemens[Bearbeiten]

  • Lernen und Wissen beruhen auf der Vielfältigkeit von persönlicher Auffassung.
  • Lernen ist der Prozess des Verbindens von spezialisierten Knoten und Informationsquellen.
  • Lernen kann in nicht-menschlichen Einrichtungen stattfinden.
  • Die Kapazität, mehr zu wissen, ist wichtiger als das, was man bereits weiß.
  • Das Erhalten und Pflegen von Verbindungen ist unabkömmlich, um kontinuierliches Lernen zu ermöglichen.
  • Die Fähigkeit, Zusammenhänge zwischen Wissensfeldern, Ideen und Konzepten zu erkennen, ist eine Grundvoraussetzung.
  • Aktualität des Wissens ist das Ziel eines jeden konnektivistischen Lernens.
  • Entscheidungen zu treffen ist ein Lernprozess an sich. Die Auswahl, was zu lernen ist, und die Bedeutung der aufgenommenen Information muss aus der Sicht einer sich ständig verändernden Realität gesehen werden. Während es heute eine richtige Antwort gibt, kann sich diese morgen aufgrund von Veränderungen im Informationsklima, welches die Entscheidung beeinflusst, als falsch herausstellen.

Konnektivismus im Bereich des E-Learnings[Bearbeiten]

Mohamed Ally von der Athabasca University unterstützt den Konnektivismus als eine Lerntheorie, die besser für das E-Learning geeignet ist als ältere Theorien wie etwa Behaviourismus, Kognitivismus oder Konstruktivismus. Diese Position beruht auf der Idee, dass sich die Welt verändert hat und vernetzter geworden ist. Lerntheorien, die vor diesen globalen Veränderungen entwickelt wurden, sind daher weniger relevant. Dennoch sagt Ally: "Was gebraucht wird, ist nicht eine unabhängige Theorie für das digitale Zeitalter, sondern ein Modell, das die verschiedenen Theorien integriert, um das Design für E-Learning-Material zu leiten." [4]

Die Möglichkeiten, die sich durch das Web 2.0 ergeben haben, unterstützen das konnektivistische E-Learning, da es einfacher geworden ist, sich z. B. über Soziale Netzwerke mit anderen Menschen zu vernetzen.

Konnektivistische Lehrmethoden[Bearbeiten]

2008 haben Siemens und Downes einen Massive Open Online Course mit dem Titel "Connectivism and Connective Knowledge" (zu deutsch: "Konnektivismus und konnektives Wissen") durchgeführt, der Konnektivismus sowohl als Inhalt als auch als angewendete Unterrichtsmethodik demonstrierte. [5] Der Kurs war kostenlos und offen für alle zugänglich, die daran teilnehmen wollten. Insgesamt haben sich über 2000 Menschen aus der ganzen Welt für diesen Kurs eingeschrieben. Sämtliche Kursmaterialen wurden in verschiedenen Onlineformaten (Artikel, Videos, Audioaufzeichnungen) zur Verfügung gestellt, und Lernende konnten sich mit den Werkzeugen ihrer Wahl in den Kurs einbringen: z. B. über Forendiskussionen in der bereitgestellten Moodle-Plattform, Blogeinträge, Second Life oder regelmäßigen Onlinetreffen im Virtual Classroom.

Kritik am Konnektivismus[Bearbeiten]

Konnektivismus wurde bereits von mehreren Seiten kritisiert. Pløn Verhagen hat eingewendet, dass Konnektivismus keine Lerntheorie sei, sondern lediglich eine "pädagogische Sicht auf Bildung".[6] Verhagen argumentiert, Lerntheorien sollten sich mit dem instruktiven Level befassen (wie Menschen lernen). Konnektivismus befasse sich seiner Meinung nach jedoch mit dem curricularem Level (was und warum gelernt wird). Bill Kerr, ein weiterer Kritiker des Konnektivismus glaubt, dass, obwohl Technologie einen Einfluss auf die Lernumgebungen hat, die existierenden Lerntheorien ausreichend sind.[7]

Kersten Reich bietet einen Konstruktivistischen Ansatz, der dem Konnektivismus ähnlich ist. Im von ihm erweiterten Konstruktivismus, dem Interaktionistischen Konstruktivismus, werden im Grunde dieselben Lernmethoden beschrieben; der Interaktionistische Konstruktivismus verzichtet aber (im Gegensatz zum Konnektivismus) auf den Anspruch, eine völlig neue Lerntheorie zu sein, sondern sieht sich lediglich als Konstruktivistische Erweiterung.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Connectivism: A Learning Theory for the Digital Age, International Journal of Instructional Technology and Distance Learning, Vol. 2 No. 1, Jan 2005
  2. Connectivism: Learning as Network-Creation, Learning Circuits, November 2005
  3. Seminarartikel zum Konnektivismus
  4. Foundations of Educational Theory for Online Learning, Mohamed Ally. In The Theory and Practice of Online Learning, Terry Anderson, Hrsg., Mai 2008
  5. George Siemens, Stephen Downes: Connectivism and Connective Knowledge. Abgerufen am 17. Februar 2009.
  6. Connectivism: a new learning theory?, Pløn Verhagen (University of Twente), November 2006
  7. which radical discontinuity?, Bill Kerr, Februar 2007

Weblinks[Bearbeiten]