Liberaler Intergouvernementalismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Liberale Intergouvernementalismus (LI) ist eine politikwissenschaftliche Theorie im Teilgebiet der internationalen Beziehungen. Ihr Gegenstand ist die Erklärung von Integrationsprozessen, insbesondere der Prozess der europäischen Integration. Er geht auf den Politikwissenschaftler Andrew Moravcsik zurück und wird im Jahre 1993 datiert.


Der LI entwickelte sich aus dem Intergouvernementalismus, der in der Auseinandersetzung mit dem neofunktionalistischen Paradigma entstand, welcher eine Integrationsdynamik in Europa voraussagte die zwangsläufig zu einer supranationalen politischen Gemeinschaft führen müsse. Der Intergouvernementalismus hingegen sprach den europäischen Nationalstaaten, die interessengeleitet handelten, die souveräne Kontrolle über den Fortgang der europäischen Integration zu. Er teilt somit seine Grundannahmen mit dem Neorealismus, welcher ebenfalls von interessengeleiteteten Nationalstaaten als Nutzenmaximierern ausgeht. Andrew Moravcsik erweiterte die Annahmen um eine liberale Perspektive. Er identifiziert die folgenden drei Kernelemente des "Liberalen Intergouvernementalismus":

  • die Auffassung des Staat als rationaler Nutzenmaximierer,
  • die liberale Theorie einer Präferenzbildung im Nationalstaat,
  • die intergouvernementale Analyse der zwischenstaatlichen Verhandlungen.

Auf diesen drei Elementen basiert Moravcsiks zentrales Konzept des "Zwei-Ebenen-Spiels". Im sogenannten "Zwei-Ebenen-Spiel" bildet eine Ebene die innerstaatliche, auf der sich durch liberal-demokratische Entscheidungsprozesse nationale Präferenzen herausbilden. Diese Präferenzen sind vor Allem wirtschaftlicher Natur. Innerstaatliche Soziale Akteure (Parteien, Gewerkschaften, Interessenvertreter) liefern sich einen Wettstreit um die politische Ausrichtung der nationalen Positionen. Die zweite Ebene bildet die zwischenstaatliche, auf der Europäische Mitgliedsstaaten mit ihren individuell herausgebildeten Interessen aufeinandertreffen. Um Entscheidungsprozesse leiten zu können, spielt auf dieser zweiten Ebene nicht zuletzt die Verhandlungsmacht des einzelnen Nationalstaats eine bedeutende Rolle.

Schlüsselspieler des "Liberalen Intergouvernementalismus" sind somit die nationalen Regierungen. Die zwei beschriebenen Ebenen bilden für die rational agierenden Nationalstaaten die Plattform, um ihre Interessen auszuhandeln. Die Herausbildung supranationaler Institutionen stellt somit einen eher pragmatischen Akt dar. Die Institutionen erfüllen keinen Selbstzweck, sondern werden von den nationalen Akteuren lediglich zur Reduktion von Transaktionskosten und zur Verbesserung von Verhandlungsbedingungen implementiert.

Die europäische Integration steht und fällt nach Auffassung des LI schließlich mit dem Grad des generierten Nutzens, den die Nationalstaaten dem Integrationsprojekt zurechnen.

In der Politikwissenschaft gilt der LI als theoretischer Gegenpol zum Ansatz des Neofunktionalismus.

Literatur[Bearbeiten]

  • Moravcsik, Andrew (1993): "Preferences and Power in the European Community: A Liberal Intergouvernmentalist Approach", in: Journal of Common Market Studies, Vol. 31, No. 4, December 1993, S. 473-524.
  • Schieder, Siegfried (2010): "Neuer Liberalismus", in: Schieder, Siegfried/Spindler, Manuela (Hrsg.) (2010): Theorien der Internationalen Beziehungen, 3. überarb. und aktual. Aufl., Opladen [u.a.], S. 187-222.
  • Steinhilber, Jochen (2005): "Liberaler Intergouvernementalismus", in: Bieling, Hans-Jürgen/Lerch, Marika (Hrsg.) (2005): Theorien der europäischen Integration, Wiesbaden, S. 169-196.
  • Werdenfeld, Werner/ Wessels, Wolfgang (2011): "Europa von A-Z", 12. Auflage, S.281