Mikroexpression

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Kontraktion verschiedener Gesichtsmuskeln nach Reizung mit elektrischem Strom (aus Mécanisme de la Physionomie Humaine, 1862) von Guillaume-Benjamin Duchenne

Mikroexpressionen, auch Mikromimik genannt, sind flüchtige Gesichtsausdrücke, die Sekundenbruchteile dauern. Sie sind zumeist als Ausdruck der sieben universellen Emotionen Ekel, Ärger, Angst, Traurigkeit, Freude, Überraschung, und Verachtung beschrieben.[1]

Mikroexpressionen können willentlich nur schwer unterdrückt werden. Menschen, die gute Beobachter sind, können Lügner anhand von Mikroexpressionen entlarven - auch lassen sich Zeitlupenaufnahmen des Gesichts verwenden. Laut Gehirnforscher Wolf Singer können Menschen, die in Meditation geschult sind, Mikroexpressionen besonders gut erkennen. [2]

Geschichte der Erforschung[Bearbeiten]

Mikroexpressionen wurden zuerst von Haggard und Isaacs beschrieben. In ihrer Studie von 1966 führten Haggard und Isaacs aus, wie sie diese "Mikromomente" des Ausdrucks entdeckten, während sie "Filme von Psychotherapiesitzungen durchforsteten, auf der Suche nach Anzeichen von nonverbaler Kommunikation zwischen Patient und Psychotherapeuten."[3]

In den 1960er Jahren leistete William S. Condon Pionierarbeit am Studium von Interaktionen. In seinem anderthalb Jahre dauernden Forschungsprojekt untersuchte er einen viereinhalb Sekunden kurzen Film Bild für Bild. Auf diese Art identizifizerte er interaktionale Mikrobewegungen. So beschrieb er beispielsweise das Muster, nach dem eine Frau ihre Schulter bewegt, während ihr Ehemann seine Hand auf sie zubewegt, und fasste diese kombinierten Ergebnisse in Mikrorhythmen zusammen.[4]

Jahre nach der Condon-Studie begann der amerikanische Psychologe John Gottman anhand von Video-Aufnahme von Liebespaaren zu untersuchen, wie diese interagieren. Gottman konnte durch das Studium der Mimik der Teilnehmer eine Vorhersage darüber treffen, ob eine Beziehung andauern würde oder nicht.[5] Gottmans Paper von 2002 erhebt keinen Anspruch auf Genauigkeit in Bezug auf die binäre Klassifizierung (Beziehung bleibt bestehen oder bleibt nicht bestehen), sondern ist stattdessen eine Regressionsanalyse eines Zwei-Faktoren-Modells, bei dem die Hautleitfähigkeit und die Kodierung der mündlichen Erzählungen die beiden einzigen statistisch signifikanten Variablen sind.

Sehr bekannt und gebräuchlich für die Gesichtsausdrucksanalyse ist das im Jahr 1976 erstmals von Paul Ekman und Wallace Friesen publizierte Kodierungsschema FACS.

Wizards-Projekt[Bearbeiten]

Die meisten Menschen scheinen Mikroexpressionen weder an sich noch an anderen erkennen zu können. Im Wizards-Projekt, zuvor Diogenes-Projekt, studierten Paul Ekman und Maureen O'Sullivan erstmals im Jahre 2006 die Fähigkeit der Menschen zur Täuschung. Von den Tausenden getesteten Menschen waren nur einige wenige in der Lage, genau festzustellen, wann jemand lügt. Die Wizards-Projekt-Forscher nannten diese Leute „Wahrheits-Wizards“ (engl. Truth Wizards). Bis heute hat das Projekt Wizards etwas über 50 Menschen mit dieser Fähigkeit nach dem Test identifiziert (von fast 20.000 Menschen).[6] Die „Wahrheit-Wizards“ verwenden, neben vielen anderen Hinweisen, Mikroexpressionen um festzustellen, ob jemand wahrhaftig ist. Die Wissenschaftler hoffen durch das Studium dieser Personen, Techniken zum Erkennen von Täuschung identifizieren zu können.

Sonstiges[Bearbeiten]

  • Die US-amerikanische Fernsehserie Lie to me handelt von einem Team von Täuschungsexperten, die mittels Mikroexpressionen Lügner überführen können.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ekman, P. (1989). Weshalb Lügen kurze Beine haben: Über Täuschungen und deren Aufdeckung im privaten und öffentlichen Leben. Berlin: de Gruyter.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. P. Ekman, “Facial Expressions of Emotion: an Old Controversy and New Findings”, Philosophical Transactions of the Royal Society, London, B335:63--69, 1992
  2. ö1/ORF:Logos - Theologie und Leben, Sendung vom 8. Januar 2011 19:05
  3. Haggard, E. A., & Isaacs, K. S. (1966). Micro-momentary facial expressions as indicators of ego mechanisms in psychotherapy. In L. A. Gottschalk & A. H. Auerbach (Eds.), Methods of Research in Psychotherapy (S. 154-165). New York: Appleton-Century-Crofts.
  4. http://journals.lww.com/jonmd/Citation/1966/10000/Sound_Film_Analysis_of_Normal_and_Pathological.5.aspx
  5. http://www.gottman.com/49853/Research-FAQs.html
  6. J. Camilleri: Truth Wizard knows when you've been lying. Chicago Sun-Times, 21. Januar 2009 (online)