Otterbeck

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Dieser Artikel beschreibt die Marke Otterbeck. Für die gleichnamige Pilgerhütte, siehe Heiligenhaus.

In der Zeit von circa 1960 bis 1985 wurden Herrenschuhe unter der Handelsmarke "Otterbeck", benannt nach der Inhaberfamilie, von der Schuhfabrik Wilhelm Otterbeck und Sohn KG in Kervenheim produziert. Die ältere, von Ernst Otterbeck (1860–1925) gegründete Schuhfabrik in Mülheim an der Ruhr vertrieb ihre Schuhe hingegen unter der bereits vom Gründer kurz nach 1900 eingeführten Marke Otter Schuhe.

Gründung und Anfänge[Bearbeiten]

Der Gründer des Unternehmens, Ernst Otterbeck, wurde am 23. Juni 1860 als jüngstes Kind von Franz Otterbeck und Anna Schiffer in der Mülheimer Landgemeinde Broich geboren. Seinen älteren Geschwister Charlotte (*1848), Gustav (*1851), Maria (*1856) und Franz (*1858) verstarben allesamt früh. Die katholische Familie stammte ursprünglich aus dem westfälischen Gescher, wo eine benachbarte, im Jahre 1270 erstmals urkundlich erwähnte Bauernschaft "Otterbeeck" als Namensgeber angenommen wird. Diese Bauernschaft war geprägt von einem Bach, in dem Fischotter heimisch waren, so dass das spätere Markenzeichen und Symbol der Firma nicht nur ein sogenanntes "sprechendes" Zeichen ist, sondern wohl auch einen authentischen Hintergrund hat.

Der Großvater, Johann Heinrich Theodor genannt "Diederich" (Thierry) Otterbeck, war der jüngste Sohn seiner Eltern, die einen Bauernhof im westfälischen Kirchhellen bewirtschafteten. Angesichts drohender Truppenaushebungen floh Diederich Otterbeck aus dem Großherzogtum Berg ins linksrheinische Roerdepartement, das 1792 von Frankreich annektiert worden war und seitdem zum französischen Kaiserreich gehörte. Von seiner Familie offiziell für tot erklärt, fing er im niederrheinischen Orsoy unter dem Namen Thierry Otterbeck ein neues Leben an und verdingte sich als "journalier" (Tagelöhner). Seine Frau brachte zwei Söhne zur Welt, von denen der jüngere, Gerhard, um 1848 nach New York auswanderte. Der ältere Sohn Franz wurde Schuhmacher, zog in die Gemeinde Broich der Landbürgermeisterei Mülheim an der Ruhr und eröffnete dort in der Fährstraße eine Schuhmacherwerkstatt.

Das Datum des Zuzugs nach Broich und Einzelheiten zum beruflichen Wirken von Franz Otterbeck sind nicht überliefert. Das Reparieren von Schuhen, die sogenannte "Flickschusterei“, war wohl der wesentliche Inhalt seiner Arbeit. Schon vor seinem Tod 1882 übernahm Sohn Ernst (1860-1925) im Alter von 22 Jahren die väterliche Werkstatt, die zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Gesellen hatte. Unter seiner Leitung wurde die reine Reparatur von Schuhen ergänzt um die manuelle Anfertigung von Stiefeln und orthopädischen Schuhen.

In den Vereinigten Staaten hatte in den 1860er Jahren die Mechanisierung der Schuhherstellung begonnen. Spezielle Nähmaschinen für Schuhe eröffneten neue Möglichkeiten im Bereich der Produktion. Diese Entwicklung erreichte in den 1870er Jahren Deutschland und führte dazu, dass 1887 auch Ernst Otterbeck in seinem Betrieb die maschinelle und serielle Fertigung von Schuhen einführte. Filzpantoffeln - die "Otterbeckschen Leisetreter" - waren das erste Produkt, das mit den neuen Maschinen in großer Stückzahl hergestellt wurde. Die Schuhmacherwerkstatt wurde zur Schuhfabrik.

Die Schuhfabrik Otterbeck war zunächst auf dem Broicher Mühlenberg untergebracht. In der Schloßstraße, am Broicher Brückenkopf der damaligen Kettenbrücke, baute Ernst Otterbeck 1901 ein größeres Haus, das gleichzeitig als Fertigungsstätte und Wohnsitz der Familie diente. Die Hausschuhproduktion fand im Hochparterre und in den darüber liegenden Etagen statt, während im Erdgeschoss ein Schuhgeschäft eingerichtet wurde.

Nach Abschluss der Volksschule machte der älteste Sohn Wilhelm beim Vater eine Schuhmacherlehre. Zur Ausweitung des Kundenkreises lud er eine halbe Tagesproduktion der väterlichen Schuhfabrik auf einen Handwagen, um damit in die umliegenden Gemeinden zu ziehen und die Ware an der Haustüre zu verkaufen. Dieser tägliche Direktverkauf war derart erfolgreich, dass der Handwagen bald gegen Pferd und Wagen getauscht werden musste.

Angesichts der steigenden Absatzzahlen erweiterte man die Produktpalette: Zu den bewährten Filzpantoffeln kamen robuste, aus Leder gefertigte Arbeitsschuhe hinzu. Der Familienbetrieb wandelte sich zu einem Kleinunternehmen, das rund zwanzig Jahre nach seiner Gründung neben den Familienmitgliedern zusätzlich zwölf Angestellte beschäftigte und weiter wuchs. Das 1901 errichtete Haus an der Schloßstraße war bald zu klein. Ernst Otterbeck verlagerte daraufhin seine Produktion an einen neuen Standort in der Bergstraße, in eine ehemalige Tischfabrik, während das Schuhgeschäft am alten Standort in der Schloßstraße verblieb.

Sämtliche Familienmitglieder waren eingespannt in das aufstrebende Unternehmen, neben den eigenen Kindern auch die Schwiegersöhne. Johann Bauckholt, der 1914 Ernst Otterbecks zweitälteste Tochter Anna geheiratet hatte, stand ursprünglich als gelernter Schuhmacher in den Diensten der Duisburger Firma Hoselmann. Nach der Eheschließung mit "Änne" Otterbeck kaufte er seinem Schwiegervater das Ladengeschäft ab, das er unter der Bezeichnung "Schuhwaren Ernst Otterbeck Nachfolger - Inhaber Johann Bauckholt" weiterführte. Schwiegersohn Karl Schmakeit, seit 1920 mit Christine Otterbeck verheiratet, war von Hause aus Bankkaufmann. Er wurde später zum Prokuristen bestellt und betätigte sich hauptsächlich im Vertrieb des Unternehmens. Auch Richard Reintges, Metzgermeister und Ehemann von Tochter Katharina, wurde von Ernst Otterbeck in die Firma eingebunden. Er betraute ihn mit einem Nebenbetrieb für Lederdichtungen, Lederfärberei und Lederreinigung.

Im Jahr 1917 kaufte Ernst Otterbeck eine ehemalige Lackfabrik in Mülheim-Saarn, um dort die Schuhproduktion auszuweiten. Das Unternehmen wuchs weiter und zählte 1922 rund 70 Mitarbeiter. Nach und nach zog sich der gesundheitlich angeschlagene Seniorchef Ernst Otterbeck aus der Firmenleitung zurück, die sein Sohn Wilhelm als Prokurist führte. Er starb am 7. Januar 1925.

Ausweitung des Unternehmens[Bearbeiten]

Nach dem Tod des Vaters war der älteste Sohn und bisherige Juniorchef Wilhelm Otterbeck allein verantwortlich für das Unternehmen. Nachdem die Fertigung von Arbeitsschuhen in Saarn einige Jahre erfolgreich gelaufen war, drängte er seine beiden Schwager Johann Bauckholt und Karl Schmakeit, die Produktion von Hausschuhen wieder aufzunehmen. Der neue Zweigbetrieb der Firma Otterbeck, untergebracht in der ehemaligen Vorsterschen Papiermühle neben dem Familienstammsitz an der Schloßstraße, produzierte jedoch nur zwei Jahre lang. Im Jahre 1927 musste die Fertigung eingestellt werden, da sowohl die alte Papiermühle als auch das Stammhaus der Otterbecks am Kopf der Schlossbrücke dem Bau der neuen Mülheimer Stadthalle weichen mussten.

Als Ende der 1920er Jahre die Weltwirtschaftskrise Deutschland erfasste, brach der Absatz ein und die Belegschaft sank auf 20 Mitarbeiter. Mit dem Ende der Wirtschaftskrise erholte sich auch die Schuhfabrik Otterbeck und wuchs zu neuer Größe. Wesentlichen Anteil daran hatte die Entwicklung von Unfallverhütungsschuhen für die Industrie. Zur Produktpalette der Firma Otterbeck gehörten Schuhe für den Gießereibetrieb, Pantoletten für Pulverfabriken, Spezialschuhe für Steinbrucharbeiter, Schuhe fur die Landwirtschaft, Militärstiefel sowie Arbeitsschuhe für den Steinkohlenbergbau. Eine Blechkappe an der Schuhspitze zum Schutz der Zehen war das Markenzeichen der Bergarbeiterschuhe. Wilhelm Otterbeck testete die Prototypen seiner Schuhe in Zechen und Betrieben. Erst nach erfolgreichen Versuchsreihen und praktischen Experimenten vor Ort wurden die Schuhe zur Produktion freigegeben.

Die Absatzgebiete erstreckten sich über ganz Deutschland. Für die Betreuung der Kunden im oberschlesischen Bergbau wurde eigens eine Niederlassung in Breslau eingerichtet; für den Vertrieb in der ostpreußischen Landwirtschaft gab es eine Filiale in Königsberg. Die Unternehmen gaben meist Berechtigungsscheine für Arbeitsschuhe an ihre Mitarbeiter aus, die diese im Schuhfachhandel einlösen konnten. Die Bezahlung der Schuhe erfolgte dann unmittelbar durch die Unternehmen. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war diese Praxis des Schuhverkaufs üblich. Auch größere Reparaturaufträge von Eisenwerken und Zechen wurden von der Firma Otterbeck ausgeführt.

Im Jahr des 50-jährigen Bestehens - 1937 - war Otterbeck wieder ein gesundes Unternehmen. Rund 180 Mitarbeiter in der Produktion sowie ein umfangreiches Vertriebsnetz mit selbstständigen Vertretern und Großhändlern garantierten eine flächendeckende Versorgung des Deutschen Reichs.

Die guten Absatzzahlen des Unternehmens ließen Wilhelm Otterbeck über eine Expansion nachdenken. Im niederrheinischen Kervenheim suchte man seitens der "Arbeitsfront" für die seit Jahren geschlossene Schuhfabrik einen Unternehmer, der in der Lage wäre, den Betrieb wiederaufzunehmen und die wirtschaftliche Notlage des Ortes durch die Schaffung von Arbeitsplätzen zu beheben. Als Wilhelm Otterbeck nach Ablauf eines Probejahres feststellte, dass die Wirtschaftlichkeit des Betriebs gegeben war, entschied er sich 1937 für ein dauerhaftes Engagement vor Ort.

Mit Rücksicht auf seine jüngeren Brüder zog sich Wilhelm Otterbeck 1946 aus der Firmenleitung des Mülheimer Stammbetriebs zurück und schied 1951 ganz aus. Seine Abfindung bestand aus Maschinen und Material, die er für den Wiederaufbau in Kervenheim dringend benötigte. Zur Vermeidung einer Konkurrenzsituation einigte man sich auf eine Abgrenzung der Produktion: Arbeitsschuhe in Mülheim an der Ruhr, Herrenstraßenschuhe in Kervenheim.

Durch einen tragischen Autounfall starb 1953 im Alter von 65 Jahren der Seniorchef Wilhelm Otterbeck, der erst im Jahr zuvor zum Bürgermeister von Kervenheim gewählt worden war. Sein ältester Sohn Ernst (1913-1958) trat daraufhin die Nachfolge in der Firmenleitung an, starb jedoch wenige Jahre später ebenfalls durch einen Unfall. Der jüngere Bruder Josef (*1930) übernahm die Verantwortung als persönlich haftender Gesellschafter, während die betriebliche Leitung erstmals in den Händen von familienfremden Geschäftsführern lag. Zurückgehende Gewinne und ein steigender Konkurrenz- und Preisdruck aus Billiglohnländern bedeuteten 1984 das Ende für den Kervenheimer Zweig der Firma Otterbeck.

Entwicklung des Mülheimer Firmenzweigs[Bearbeiten]

Carl Otterbeck (1907-1969), jüngster Sohn des Firmengründers, war von seinem älteren Bruder Wilhelm schon früh mit Aufgaben innerhalb der Firma betraut worden. Bei größeren Reparaturaufträgen aus der Industrie hatte er den Transport organisiert und war seit den 1930er Jahren im Außendienst des Unternehmens tätig. Als Miterfinder der OTTER-Schutzschuhe übernahm er seit 1941 neben seinem Bruder die Firmenleitung in Mülheim.

In den 1960er Jahren setzte in der deutschen Schuhindustrie das große Sterben ein, ausgelöst durch steigende Lohnkosten und billige Konkurrenz aus dem Ausland. Zusammen mit seinem Prokuristen Wilhelm Bremer bewältigte Carl Otterbeck diese Krise durch grundlegende Neuerungen. Er ersetzte die eher einfachen Arbeitsschuhe durch hochwertigere Sicherheitsschuhe und nahm die Produktion von Herren- und Kinderschuhen auf. Lohnintensive Arbeiten begann er ins Ausland zu verlagern. In seinem Todesjahr 1969 markierte der Kooperationsvertrag mit einem rumänischen Partner den Beginn einer neuen Blütephase des Unternehmens. Es folgten Fertigungsverträge mit Partnern in Tunesien, Brasilien, Portugal, China und der Türkei.

Wie in Kervenheim begannen nun auch in Mülheim familienfremde Geschäftsführer das Unternehmen zu lenken. Im Jahr des hundertjährigen Firmenjubiläums - 1987 - zählte die Firma mit 150 Millionen DM Jahresumsatz und einer weltweiten Tagesproduktion von 15.000 Paar Schuhen noch zu den zehn größten Schuhfabriken der Bundesrepublik Deutschland. Sechs Jahre später - im Oktober 1993 - endete abrupt die Erfolgsgeschichte des Unternehmens. Die Firma musste Konkurs anmelden und ging mit dem erfolgreichsten Unternehmensbereich, der Produktion von Schutzschuhen, als Otter Schutz GmbH in fremde Hände über. Im Jahr 2002 erwarb diese Gesellschaft die King's Safetywear Group aus Singapur. Seit 2012 gehört OTTER zu honeywell.

Literatur[Bearbeiten]

  • Bernhard Meiners: Schuhe aus Kervenheim, in: Geldrischer Heimatkalender 1970.
  • Roswitha Otterbeck: Wilhelm Otterbeck zum 40. Todestag, in: Geldrischer Heimatkalender 1993, S. 201-205.
  • Franz Norbert Otterbeck: Arbeit für Kervenheim, in: Geldrischer Heimatkalender 1993, S. 206-207.
  • Leo Werry: Auch die Bundesbahn fährt gut mit Otter-Schuhen, in: Mülheimer Jahrbuch 1987, S. 189-194.
  • Jens Roepstorff: Von der Schuhmacherwerkstatt zur weltweiten Schuhproduktion - Die Otterbecks in: Horst A. Wessel (Hrsg.): Mülheimer Unternehmer: Pioniere der Wirtschaft. Unternehmergeschichte in der Stadt am Fluss seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Klartext Verlag, Essen 2006, ISBN 3-89861-645-2, S. 111-119.

Weblinks[Bearbeiten]