Straßenradsport

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Start des Entega Grand Prix 2007 in Lorsch. Im Bild u. a. von links nach rechts: Dirk Müller (halb verdeckt), Christian Knees, Bruno Risi und Gerald Ciolek
Straßenfahrer der DDR auf der 190 km langen Strecke Berlin–Leipzig (1956)
Tour de France am Beginn der Steigung zu Bad Herrenalb
Sprintentscheidung bei einem Straßenrennen (Entega Grand Prix 2007 in Lorsch)
Straßen-Einzelrennen der Olympischen Spiele 1980 (Moskau)[1]

Zum Straßenradsport gehören Radrennen (in der Schweiz Velorennen), die auf Straßen ausgetragen werden. Der Begriff grenzt sich damit von Radrennen ab, die auf Radrennbahnen (siehe Bahnradsport) oder im Gelände (siehe Cyclocross, Mountainbike oder BMX) ausgetragen werden.

Das erste offizielle Straßenradrennen wurde am 31. Mai 1868 über eine Distanz von 1200 Metern im Pariser Vorort Saint-Cloud ausgetragen. Sieger war der Brite James Moore, der auch am 7. November 1869 das erste Straßenrennen zwischen zwei Städten, Paris-Rouen über 123 Kilometern in 10:25 Stunden gewann. Die Absicht der Organisatoren von Paris-Rouen war, den Radsport zu fördern und zu zeigen, dass mit dem Fahrrad beträchtliche Distanzen absolviert werden können. Seit 1896 ist der Straßenradsport Teil des Programms der Olympischen Spiele.[2]

Wettbewerbe[Bearbeiten]

Sieger eines Straßenradrennens ist grundsätzlich derjenige, der eine bestimmte Strecke am schnellsten zurückgelegt hat. Es gibt aber auch Wettbewerbsformen, bei denen es darauf ankommt, wer an einem bestimmten Streckenpunkt an wievielter Stelle den Zielstrich überfährt. Dabei werden Punkte (siehe Kriterium) sowie gelegentlich Zeitgutschriften (siehe Zwischensprints bei Etappenrennen) vergeben. Diese werden bei Kriterien im Verlauf des Rennens addiert, bei Rundfahrten dem jeweiligen Tagesergebnis in Punkten beziehungsweise in der Fahrtzeit hinzugerechnet beziehungsweise abgezogen, jedoch ausschließlich im Gesamtergebnis berücksichtigt.

Im Straßenradsport tritt üblicherweise eine größere Zahl von Radrennfahrern gegeneinander an. Die Wettbewerbe werden für Männer und Frauen veranstaltet. Im von den Mitgliedsverbänden der UCI organisierten Straßenradsport werden die Rennen für männliche und weibliche Teilnehmer getrennt ausgeführt.

Straßenradrennen lassen sich zunächst hinsichtlich der Dauer und Form der Austragung in die Kategorien Eintagesrennen und Etappenrennen sowie Zeitfahren einteilen. Eintagesrennen können zu Rennserien zusammengefasst werden. Die wichtigsten Formen sind:

Eintagesrennen[Bearbeiten]

Als Eintagesrennen (auch Straßenrennen oder Einerstraßenfahren) werden alle Straßenradrennen bezeichnet, die mit der Zielankunft abgeschlossen sind. Sie stellen die älteste Disziplin des Radsports überhaupt dar. Die Streckenlängen von Eintagesrennen können stark variieren, betragen mit wenigen Ausnahmen nicht mehr als 250 Kilometer. Die ältesten und berühmtesten Eintagesrennen werden als Klassiker bezeichnet.

Rundstreckenrennen/Kriterien[Bearbeiten]

Bei Kriterien und Rundstreckenrennen[3] wird im Gegensatz zu den Eintagesrennen ein meist innerstädtischer Rundkurs befahren, der zwischen 800 Meter und zehn Kilometer messen muss. Rundstreckenrennen bieten sich mit ihren kurzen Kursen besonders in Städten an, da im Gegensatz zu normalen Eintagesrennen der Aufwand an Straßensperrungen minimiert wird. So können die Zuschauer die Fahrer mehrmals hautnah erleben und den Rennverlauf durch den Sprecher an der Strecke live nachvollziehen. Aufgelockert werden solche Rennen häufig durch Prämienwertungen, bei denen die Sieger von Zwischensprints Geld- oder Sachprämien erspurten können.

Eine Form von Rundstreckenrennen stellen die sogenannten Kriterien dar, bei denen der Sieger nicht derjenige Fahrer sein muss, der am Ende des Rennens zuerst die Ziellinie überquert. Bei Kriterien finden in regelmäßigen Abständen (beispielsweise alle fünf Runden) Punktewertungen statt, bei denen üblicherweise die ersten vier Fahrer 5, 3, 2 und einen Punkt erhalten. Sieger wird der Fahrer der am Schluss des Rennens die meisten Punkte auf seinem Konto verbuchen kann. Allerdings geht ein Rundengewinn dem Gewinn dieser Punkte vor, sodass durchaus ein Fahrer gewinnen kann, der keine einzige Wertung gewonnen hat.

Etappenrennen (Rundfahrten)[Bearbeiten]

Als Etappenrennen werden Veranstaltungen bezeichnet, bei denen an mehreren Tagen nacheinander einzelne Wettkämpfe – sogenannte Etappen – ausgetragen werden, deren jeweilige Ergebnisse in einer Gesamtwertung addiert und damit zusammengefasst werden. Als ältestes und berühmtestes Etappenrennen der Welt gilt die Tour de France. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, werden Etappenrennen vor allem im Profiradsport durchgeführt, wobei Amateurteams je nach Art der Ausschreibung zumindest meldeberechtigt sind oder vom Veranstalter eingeladen werden können.

Einzel- und Mannschaftszeitfahren[Bearbeiten]

Eine Sonderform des Straßenradrennens bilden die Zeitfahren, bei denen entweder einzelne Fahrer (Einzelzeitfahren) oder ganze Mannschaften (Mannschaftszeitfahren) nacheinander starten und der Sieger durch die individuelle Zeitnahme ermittelt wird. Zeitfahren werden häufig innerhalb von Etappenrennen ausgetragen oder finden im Rahmen von nationalen Meisterschaften statt. Einzelzeitfahren sind auch Bestandteil der Olympischen Spiele, Mannschaftszeitfahren waren es.

Andere Wettbewerbe[Bearbeiten]

Im Breitensport finden regelmäßig Jedermannrennen – auch im Rahmen von Eintagesrennen – statt, die bis zu fünfstellige Teilnehmerzahlen haben. Ebenso veranstaltet man Radmarathons als Einzel- und Teamwettbewerbe, Ein- und Mehrtagesevent mit bis zu vierstelligen Kilometerdistanzen. Eine Form von Mehrtages-Nichtetappenrennen stellt beispielsweise das Race Across America dar.

UCI-Kategorie[Bearbeiten]

Die Rennen der internationalen Kalender werden durch den Weltradsportverband UCI in sogenannte UCI-Kategorien unterteilt.

Diese Kategorien setzen sich aus zwei durch einen Punkt getrennte Komponenten zusammen: Die erste Ziffer zeigt die Art des Rennens (1 = Eintagesrennen einschließlich Zeitfahren; 2 = Etappenrennen), die zweite Ziffer zeigt die Wertigkeit des Rennens in absteigender Reihenfolge an (1 = erste Kategorie, 2 = zweite Kategorie), also ist Kategorie 1 die höchste. So bezeichnet z. B. UCI-Kategorie 2.2 ein Etappenrennen der zweiten Kategorie. Wenn ein Rennen der zweiten Kategorie U23-Fahrern vorbehalten ist, wird ein U angehängt (z. B. 1.2U).[4]

Oberhalb dieser durch Ziffern bezeichneten Kategorien gibt es im Männerradsport die UCI World Tour und die Rennen hors categorie (frz., außer Kategorie, 1.HC bzw. 2.HC) der UCI Continental Circuits, die in ihrer Wertigkeit noch höher angesiedelt sind als die Kat. 1. Entsprechendes gilt im Frauenradsport für die Rennen des Weltcups (Abk. CDM, frz. für Coupe du Monde) und in den männlichen Nachwuchsklassen für die Rennen der Nationencups für U23 bzw. Junioren (1.Ncup bzw. 2.Ncup).[4]

Darüber hinaus werden weitere Abkürzungen vergeben für UCI-Straßen-Weltmeisterschaften (Abk. CM, frz. für Championnat du monde), olympische Radsportwettbewerbe (Abk. JO, frz. für Jeux Olympiques), Kontinentale Meisterschaften (Abk. CC, frz. für Championnats Continentaux), regionale Spiele (Abk. JR, frz. für Jeux Régionaux) und nationale Meisterschaften (Abk. CN, frz. für Championnats Nationaux).[5]

Die Kategorisierung der Rennen ist u. a. von Bedeutung für die Zusammensetzung des Starterfelds[6] und die für die Radsportranglisten, wie etwa die Ranglisten der Continental Circuits und die Weltrangliste der Frauen im Straßenradsport.

Typischer Ablauf[Bearbeiten]

Obwohl sich die oben beschriebenen Wettbewerbsformen in ihrem Ablauf auch für den Laien sichtbar unterscheiden, gibt es im Straßenradrennsport einen typischen Ablauf mit bestimmten, wiederkehrenden strategisch-taktischen Situationen und dem Einsatz der entsprechenden Mittel und physischen Fähigkeiten. [7]

Attacke[Bearbeiten]

Hauptartikel: Ausreißversuch

Da im Rennen der Hauptbezugspunkt das geschlossene Fahrerfeld ist, werden deutliche Zeitunterschiede im Rennen fast ausschließlich durch Attacken erzielt, an die sich dann eine längere Weiterfahrt einer Gruppe oder eines Einzelfahrers anschließt. Benötigte physische Leistungsfaktoren: Ausdauerfähigkeiten über kürzere Distanzen (1 min), hohe Leistung im aerob-anaeroben Übergangsbereich, hohe Laktattoleranz.

Verfolgung einer Ausreißergruppe/eines Ausreißers[Bearbeiten]

Im modernen Straßenrennsport wird in der Regel versucht, Ausreißergruppen und einzelne Fahrer durch eine gleichmäßige Verfolgung des Feldes zu neutralisieren, die i. d. R. von drei bis fünf Fahrern der Teams getragen wird, von denen keine Fahrer in der Spitzengruppe vertreten sind.

Sprintfinale[Bearbeiten]

Hauptartikel: Sprinterzug

Im Finale eines Rennens kommt es, wenn das Profil nicht selektiv genug war (Berge, Wind), häufig zu Sprintankünften des geschlossenen Hauptfeldes. Die Sprintermannschaften bereiten dies durch Erhöhung des Tempos und Lancieren ihrer Sprinter auf den letzten ca. fünf Kilometern vor.

In diesem Falle sind wieder die Fähigkeiten und die Gesamtstärke der Mannschaften gefragt. Neben einer möglichst großen Zahl von Fahrern, die über sehr gute Ausdauerfähigkeiten und eine hohe Tempohärte verfügen, sind hier Fahrer mit großer Erfahrung und einem Blick für die taktische Situation gefragt.

Popularität des Straßenradsports[Bearbeiten]

In West- und Mitteleuropa hat sich die Beliebtheit des Straßenradrennsports seit den Anfängen bis heute erhalten. Große Popularität genießt der Radsport in Frankreich, Italien, Spanien (vor allem im Baskenland) und der Schweiz, was seinen Ausdruck in den hier etablierten großen Landesrundfahrten Tour de France, Giro d’Italia, Vuelta a España und Tour de Suisse findet, sowie in Belgien (vor allem Flandern), Luxemburg und den Niederlanden. Dort finden viele wichtige Eintagesrennen statt, vor allen die sogenannten Frühjahrsklassiker. Auch in anderen Ländern erfreuen sich der Radsport und seine Idole hoher Beliebtheit, so in Großbritannien, Irland, Polen, der Slowakei und den skandinavischen Ländern.

Außerhalb Europas sind die USA, Kolumbien und Australien zu nennen, in denen Straßenradsportler durch Erfolge bei den großen europäischen Rennen zu Idolen werden können. Allerdings fanden die seit 1921 ausgetragenen UCI-Straßen-Weltmeisterschaften bis 1976 ausschließlich und auch danach überwiegend in europäischen Ländern statt.

Straßenradsport in Deutschland[Bearbeiten]

In Deutschland war der Radsport nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in der DDR eine sehr populäre Sportart. Nach dem Sieg der Weltmeisterschaft im Straßeneinzelrennen durch Gustav-Adolf Schur wurde vor allem die Friedensfahrt als „Tour de France des Ostens“ begeistert verfolgt und vom Fernsehen ausführlich übertragen. In der Bundesrepublik erlebte der Radsport vor allem in den Zeit Rudi Altigs und Dietrich Thuraus größere Popularität.

Nach der Wiedervereinigung kam es durch die Erfolge Erik Zabels und besonders Jan Ullrichs zu einer vorübergehenden Hochzeit, in der es drei deutschen Profiteams gelang, sich bei der Tour de France und damit über das Stadium einer Randsportart hinaus in der Öffentlichkeit zu etablieren: Team T-Mobile, Team Gerolsteiner und Team Milram. Nach Dopingskandalen zogen sich die namengebenden deutschen Sponsoren der Teams zwischen 2007 und 2010 jedoch wieder aus dem Straßenradsport zurück. Das Team T-Mobile fand einen kalifornischen Nachfolger, das Team Gerolsteiner und das Team Milram wurden ganz aufgelöst.

Den Zusammenhang zwischen der Beliebtheit des Sports und der Existenz von Idolen verdeutlicht die Verdoppelung des Marktanteils von Rennrädern in Deutschland nach Jan Ullrichs Toursieg im Jahr 1997.[8] Parallel wurde die Fernsehberichterstattung ausgeweitet: Während 1995 nur die dritten Programme der ARD halbstündig von der Tour de France berichteten, konnte man von 1998 bis 2006 täglich bis zu acht Stunden Radsport im Ersten und dem ZDF verfolgen.

2007 wurde die breite Fernsehberichterstattung als Reaktion auf den positiven A-Proben-Doping-Befund von Patrik Sinkewitz erstmals während der Tour de France abgesetzt. Kritiker bemängeln an der Haltung der ARD, dass die von ihr als öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalt geforderte Objektivität aufgrund ihrer zeitweiligen Rolle als Sponsor der Tour nicht gewährleistet gewesen sei.

Gegenwärtig gibt es mit dem Team Netapp-Endura nur ein deutsches Team in der Kategorie Professional Continental Team sowie acht weitere Teams in der Kategorie Continental Team.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Radsport – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Foto: RIA Novosti archive, image #823764 / Dmitryi Donskoy / CC-BY-SA 3.0
  2. Straßenradsport auf uci.ch englisch/französisch (abgerufen am 25. August 2013)
  3. Im internationalen Sprachgebrauch und den Regeln der UCI werden auch Rundstreckenrennen als Kriterien bezeichnet.
  4. a b UCI-Reglement für den Straßenradsport, dort 2.1.005 (englisch/französisch) abgerufen am 19. Januar 2012.
  5. vgl. UCI-Kalender für den Straßenradsport
  6. vgl. zu den Telnahmeregeln der UCI-Continental Circuits: UCI Africa Tour#Teams, UCI America Tour#Teams, UCI Asia Tour#Teams, UCI Europe Tour#Teams und UCI Oceania Tour#Teams
  7. Erfolgreiches Radsporttraining. Vom Amateur zum Profi. München 1994m S. 5ff (aktueller Titel: Radsporttraining: Methodische Erkenntnisse. Trainingsgestaltung. Leistungsdiagnostik. München 2005, 5. überarbeitete Auflage (Neuausgabe)).
  8. Mark-Werner Dreisörner: Die deutsche Fahrradindustrie hofft auf Jan Ullrich. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Juli 2004.