Schabak

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Dieser Artikel erläutert die Glaubensgemeinschaft im Irak, für den israelischen Geheimdienst siehe Schin Bet.

Die Schabak (‏الشبك‎, DMG aš-Šabak) sind eine heterodoxe Glaubensgemeinschaft und Tariqa (Orden) aus dem Nordirak. Das Wort Schabak leitet sich vom arabischen Wort für verflechten oder verweben Schabaka ab und drückt damit die Heterogenität der Schabak in Bezug auf Sprache und Glaubenspraxis aus.

Die Schabak siedeln in mehreren Dutzend Dörfern im Gebiet östlich von Mossul bis zum Großen Zab. Auch in der Stadt Mossul selbst leben Schabak. Die genaue Anzahl der Schabak ist unbekannt. In einer irakischen Volkszählung von 1960 wurden 15.000 Schabak registriert. Heutige Schätzungen gehen von einer Anzahl von bis zu 100.000 Schabak aus oder gar von etwa 250.000 (um das Jahr 2000, vor Beginn des Bürgerkriegs im Irak).[1]

Identität[Bearbeiten]

Die Schabak sehen sich generell als Kurden und die meisten Angehörigen der Gemeinschaft sprechen eine Variante des Gorani, benutzen aber als Liturgiesprache Türkisch. Sie sind in der Regel mehrsprachig, was dazu führte, dass die Schabak als Araber oder Turkomanen angesehen wurden. In den 1970er und 1980er Jahren sahen sich die Schabak seitens der Baathregierung einem großen Assimilationsdruck ausgesetzt. Während der Anfal-Operation 1988 wurde der größte Teil der Schabakdörfer geräumt und Tausende Schabak in Lagern in Arbil gesammelt. Vielen wurde die Rückkehr gestattet, als sie sich offiziell als Araber bekannten.

Im 19. Jahrhundert, als der Irak noch osmanisch war, wurden die Schabak unter Sultan Abdülhamid II. zum Sunnitentum zwangsbekehrt. Doch später fielen die Schabak wieder vom Sunnitentum ab. In neuerer Zeit fangen einige Schabak an, sich als Schiiten zu identifizieren. Nach dem Irakkrieg 2003 wurden die Schabak das Ziel von sunnitischen Extremisten, die 2006 ein islamisches Emirat in Mossul ausriefen. Bei einem Anschlag auf die Schabak am 10. August 2009 wurden 36 Menschen getötet.[2] Infolge des Vormarsches der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) im Sommer/Herbst 2014 ist die Kultur der Schabak im Nordirak in Gefahr, von IS ausgelöscht zu werden.[1] Ein Großteil der Schabak fordert den Anschluss ihrer Siedlungsgebiete an die Autonome Region Kurdistan.[3] Das Vorgehen der IS gegen die Schabak wird als genozidär eingestuft.[4]

Glauben[Bearbeiten]

Die Schabak sind eine Religionsgemeinschaft, deren Glauben Elemente unterschiedlicher Religionen beinhaltet. Es besteht eine große Ähnlichkeit zu den Aleviten. Wie diese halten die Schabak das religiöse Ritual des Cem ab und beziehen alevitische Heilige wie Pir Sultan Abdal und Schah Ismail in ihre Gebete ein. Das heilige Buch der Schabak namens Kitāb al-Manāqib besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil besteht aus einem Dialog zwischen Scheich Safi al-Din und seinem Sohn Sadr al-Din über Moral und Glauben. Der zweite Teil besteht aus einem Regelwerk mit dem Namen Buyruk, das viele Gemeinsamkeiten mit dem Buyruk der Aleviten aufweist. Dies und andere Ähnlichkeiten zu den Aleviten in Anatolien, führten zu der These, dass die Schabak womöglich alevitische Auswanderer aus Anatolien seien, die im Laufe des Konfliktes zwischen den Osmanen und den Safawiden im 16. Jahrhundert nach Mossul kamen.

Die Schabak pilgern zu verschiedenen Stätten in ihrer Nähe. Wichtige Pilgerstätten sind ʿAlī Raṣḥ (kurdisch für Schwarzer Ali) und ʿAbbās. Die erste Stätte setzen die Schabak mit dem Grab des Imams Zain al-ʿĀbidīn und das zweite mit dem jüngeren Sohn Ali ibn Abi Talib namens ʿAbbās, der in der Schlacht von Kerbela umkam, gleich. Beide sind wichtige Heilige und Märtyrer der Schiiten und Aleviten. Des Weiteren pilgern die Schabak auch an heilige Orte der Jesiden.[1] In neuerer Zeit werden auch die Gräber der Heiligen in Kerbela oder Nadschaf besucht. Die Schabak bewerfen das Grab des Gouverneurs von Kerbela Ubayd Allah bin Ziyad mit Steinen. Dieser gehörte zu der damals herrschenden Dynastie der Umayyaden und war ein Gegner der Anhänger von Ali ibn Abi Talib.

Die Organisation der Schabak zeigt große Ähnlichkeiten zu den anderen Religionen in der Region wie den Jesiden, Ahl-e Haqq, Bajwan und Sarli. Die geistlichen Führer werden Pir genannt. Der oberste Pir wird Baba (dt: Vater) genannt. Das Amt des Pirs wird von Vater auf Sohn vererbt und ist nur einigen Familien vorbehalten. Den Gottesdienst hält der Pir mit einem Rehber (dt: Führer oder Wegweiser) ab. Wie bei den Aleviten gibt es bei dem Gottesdienst zwölf Ämter oder Funktionen zu bekleiden. Die wichtigsten religiösen Feste der Schabak sind Neujahr, Aschura und der Tag des Vergebens.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Rainer Hermann: Verfolgt und vertrieben. Das Schicksal der Schabak steht für die Auslöschung der Minderheiten im Irak. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. Oktober 2014, S. 10.
  2. Irak: Bombenanschlag bei Mossul galt Shabak-Minderheit, Meldung der Gesellschaft für bedrohte Völker
  3. Iraq’s Shabak community demands incorporation into Kurdistan, Artikel von der Seite Aswat al-Iraq
  4. Lars Berster, Björn Schiffbauer: „Völkermord im Nordirak?: Die Handlungen der Terrorgruppe “Islamischer Staat” und ihre völkerrechtlichen Implikationen.“ In: ZaöRV 2014, S. 847–873.

Quellen[Bearbeiten]