Seismische Tomografie

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Die seismische Tomografie (oder Tomographie) ist eine Untersuchungsmethode der Seismologie und dient zur Bestimmung von Geschwindigkeitsanomalien der seismischen Wellenausbreitung im Erdinneren. Grundsätzlich werden methodisch drei Untersuchungsansätze in der Tomografie unterschieden: Lokalbebentomografie, teleseismische Tomografie und Dämpfungstomografie.

Theoretischer Hintergrund[Bearbeiten]

Tomographische Untersuchungen werden i.d.R. anhand von natürlichen Quellsignalen, den Erdbeben, durchgeführt, in selteneren Fällen werden hierfür künstlich generierte seismische Wellen benutzt.

Das Grundprinzip der Methode ist, dass die Laufzeit einer seismische Raumwelle von ihrem Ursprungsort – bei Erdbeben ist dies das Hypozentrum – zu einer Messstation von den Ausbreitungsgeschwindigkeiten entlang ihres Laufweges abhängt. Die Tomografie versucht nun, aus den an verschiedenen Messstationen bestimmten Laufzeiten des Wellenfeldes auf die Geschwindigkeitsverteilung das durchlaufenen Untergrundes zurückzuschließen.

Hierzu wird der von den seismischen Wellen durchstrahlte Teil des Erdkörpers in Volumenelemente unterteilt. Zu Beginn wird ein sogenanntes Startmodell erarbeitet, das auf vorausgegangenen Messungen (z. B. Reflexions- oder Refraktionsseismik) oder auf geologischen Beobachtungen basiert. Zur Modellerstellung kommen unter anderem analytische Methoden zum Einsatz. So lässt sich ein Dichtemodell mit der Adams-Williamson-Gleichung oder ähnlichen Methoden berechnen. Den Volumenelementen des Untersuchungsgebietes werden dann Geschwindigkeitswerte entsprechend dem Startmodell zugeordnet. Anhand der Strahlgeometrie können nun theoretische Laufzeiten berechnet und mit den gemessenen Daten verglichen werden.

Die auftretenden Differenzen zwischen beobachteten und theoretischen Laufzeiten (die sogenannten Laufzeitresiduen) entstehen durch lokale Abweichungen der tatsächlichen Geschwindigkeiten im Untersuchungsgebiet von dem vorgegebenen Geschwindigkeitsmodell (den Geschwindigkeitsanomalien). Ist die beobachtete Laufzeit größer als erwartet, hat die seismische Welle langsamere Bereiche durchlaufen und umgekehrt. Durch eine schrittweise Anpassung der Werte in den Volumenelementen soll schließlich eine Minimierung der Residuen erreicht werden, so dass am Ende die Verteilung der Geschwindigkeitsanomalien im Untergrund möglichst genau wiedergegeben werden kann.

Die Laufzeitresiduen geben dabei immer die Summe aller Effekte entlang des Laufweges wieder. Da eine Welle aber nacheinander mehrere sowohl positive als auch negative Anomalien durchlaufen kann, ist für eine erfolgreiche Tomografie die Überdeckung von entscheidender Wichtigkeit. D. h. das Untersuchungsgebiet muss von möglichst vielen Wellenstrahlen aus möglichst vielen unterschiedlichen Richtungen durchlaufen werden, um eine optimale Erfassung der Volumenelemente in verschiedenen Kombinationen zu erreichen. Nur so können Anomalien korrekt lokalisiert werden.

Lokalbebentomografie[Bearbeiten]

Bei diesem Ansatz der Tomografie wird das zu untersuchende Gebiet mit Signalen aus geringer Entfernung untersucht. Die Verwendung lokaler Erdbebenereignisse hat den Vorteil, dass Laufwegeffekte auf Grund der räumlichen Nähe zum registrierenden Seismometer allein aus dem Untersuchungsgebiet stammen. Andererseits ist die Methode auf eine hohe Seismizität angewiesen und damit auf seismisch aktive Gebiete beschränkt. Alternativ könnte die Anregung seismischer Wellen mit künstlichen Quellen wie z. B. Sprengungen erfolgen. Diese sind jedoch mit hohen Kosten verbunden, so dass hiervon auf Grund der erforderlichen Vielzahl von Sprengungen bei gleichzeitig eingeschränkter Eindringtiefe in den Erdkörper eher selten Gebrauch gemacht wird.

Teleseismische Tomografie[Bearbeiten]

Die teleseismische Tomografie verwendet hingegen Erdbeben aus größerer Distanz. Da diese weltweit aufgezeichnet werden, unterliegt diese Methode einer weitaus geringeren räumlichen Einschränkung und kann nahezu überall angewendet werden. Ein weiterer Vorteil liegt in der Strahlgeometrie: teleseismische Erdbebenwellen durchlaufen auch tiefere Erdschichten bis in den tiefen unteren Mantel und lassen daher auch Untersuchungen in diesen Regionen des Erdkörpers zu. Das Auflösungsvermögen der teleseimischen Tomografie ist allerdings in größeren Tiefen meist sehr gering. Zudem ist die Datenbasis auch hier durch die limitierte räumliche Verteilung von Erdbebenherden eingeschränkt, die eine optimale Überdeckung oftmals nicht erlaubt. Zusätzlich können hier auch Laufzeitresiduen einfließen, deren Ursprung nicht im Untersuchungsgebiet sondern nahe der Erdbebenherde liegt, bei der tomographischen Inversion jedoch bei Anpassung der Geschwindigkeiten in den Volumenelementen miteinfließen.

Dämpfungstomografie[Bearbeiten]

Bei der Dämpfungstomopraphie fließt das Dämpfungsverhalten des Untergrundes in die Untersuchung ein, also die Abnahme der Wellenenergie entlang des Laufweges. Da auch Dämpfungseffekte von den elastischen Eigenschaften des von der seismischen Welle durchlaufenen Gesteins abhängen, lassen auch deren Anomalien Rückschlüsse auf das untersuchte Gebiet zu.

Interpretationsansätze[Bearbeiten]

Anomalien der seismischen Geschwindigkeiten und auch der Dämpfung sind häufig auf Temperaturänderungen zurückzuführen, wie sie z. B. durch heißes Magma oder partielle Schmelze in vulkanischen Gebieten oder durch kalte Lithosphären-Bruchstücke oder abtauchende Platten in Subduktionszonen ausgelöst werden können.

Veränderungen der elastischen Parameter können jedoch auch andere geologische oder mineralogische Ursachen haben. Die Porenfüllung von Gesteinen, etwa mit Erdöl, Wasser oder anderen Fluiden, aber auch leichte chemische Veränderungen der Minerale können hier eine Rolle spielen. Die Interpretation tomographischer Ergebnisse erfolgt daher meist vor dem geologischen Hintergrund des Untersuchungsgebietes.

Literatur[Bearbeiten]

  • K. Aki & W. Lee (1976): Determination of three-dimensional velocity anomalies under a seismic array using first P arrival times from local earthquakes, Part 1. A homogeneous initial model. Journal of Geophysical Research, Vol. 81, pp. 4381-99 (englisch)
  • K. Aki (1993): Seismic Tomography: Theory and practice. (Ed. H. M. Iyer und K. Hirahara), Chapman and Hall, London pp. 842 (englisch)
  • E. Kissling (1988): Geotomography with local earthquakes. Reviews of Geophysics, Vol. 26, pp. 659-698 (englisch)
  • M. Koch (1982): Seismicity and structural investigations of the Romanian Vrancea region: Evidence for azimuthal variations of P-wave velocity and Poisson's ratio. Tectonophysics, Vol. 90, pp. 91 -115 (englisch)
  • M. Koch (1985): A theoretical and numerical study on the determination of the 3D-structure of the lithosphere by linear and nonlinear inversion of teleseismic travel times. Geophys. J. R. Astr. Soc, Vol. 80, pp. 73 - 93 (englisch)
  • C. H.  Thurber (1993): Local earthquake tomography: velocities and vp/vs-theory; in: Seismic Tomography: Theory and practice. (Ed. H. M. Iyer und K. Hirahara), Chapman and Hall, London pp. 563-583 (englisch)

Quellen[Bearbeiten]

  • Mirjam Bohm (2004): 3-D Lokalbebentomografie der südlichen Anden zwischen 36° und 40°S, Dissertationsschrift
  • Benjamin Heit (2005): Teleseismic tomographic images of the Central Andes at 21°S and 25.5°S, Dissertationsschrift (englisch)