Une saison en enfer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Une saison en Enfer (meist übersetzt als Eine Zeit in der Hölle) ist eine relativ kleine Sammlung kurzer Texte in lyrischer Prosa mit eingestreuten Versgedichten. Sie stammt von dem französischen Dichter Arthur Rimbaud (1854–1891) und entstand von April bis August 1873 (also im Alter von 19 Jahren) in dem Dorf Roche (Ardennen), in dem bäuerlichen Elternhaus seiner Mutter.

Sie ist das einzige Werk, das Rimbaud selbst zum Druck gegeben hat, doch blieb es praktisch unveröffentlicht, weil er den von ihm beauftragten Brüsseler Drucker nicht bezahlte und die kleine Auflage, bis auf wenige Exemplare, die er Freunden gab, z. B. Paul Verlaine, im Lager der Druckerei liegen blieb, wo sie 1901, d. h. postum, entdeckt wurde.

Die Texte des Büchleins spiegeln sichtlich eine Krisensituation wider: Rimbaud war im September 1871 auf Einladung des etwas älteren Dichterkollegen Verlaine mit großen Hoffnungen nach Paris gekommen und hatte dort zunächst auch Bewunderung in Literatenkreisen erregt. Im Februar 1872 war er aber quasi aus Paris verstoßen worden, nachdem er sich mit dem jung verheirateten und soeben Vater gewordenen Verlaine auf ein homosexuelles Verhältnis eingelassen und auch sonst einiges Ärgernis erregt hatte. Im Sommer schließlich war er wieder nach Paris gefahren und anschließend mit Verlaine auf eine unstete Wanderschaft in Nordfrankreich, Belgien und England gegangen, die von Streitereien, Zerwürfnissen und Versöhnungen der Freunde geprägt war. Im April 73 war er bei seiner Mutter und seinen Geschwistern in Roche untergeschlüpft, wo er die innere Krise, in die er geraten war, - eine Mischung aus Erschöpfung, Verwirrung und Enttäuschung, durch Schreiben des "schwarzen Buches" überwinden wollte. [1]

In den gattungsmäßig kaum einzuordnenden, oft schwer verständlichen Texten blickt Rimbaud mehr alogisch assoziierend als logisch referierend auf seine Vergangenheit zurück und nimmt ebenso sprunghaft seine Gegenwart ins Visier. Dennoch sind die Texte genau gearbeitet.[2]

In Form einer Mischung aus Rückschau, Beichte, Selbstgespräch, Bericht, Reflexion, Klage und Selbstanklage, zeitweise deprimiert und fast zornig, aus innerer Verwirrung heraus, unternimmt Rimbaud eine „beharrlich und streng zu Ende geführte Prüfung aller (seiner) metaphysischen Unternehmungen“,[3] bei der er wahrlich durch die Hölle ging und geht.[4]

In einem Brief schreibt Rimbaud, sein Schicksal hänge von diesem Buch ab. So läßt sich annehmen, dass er zunächst mehr für sich selbst geschrieben hat, und er keine Rücksicht nahm auf spätere Leser. [5] Der Text selbst ist in großen Teilen dunkel, bleibt in seiner Dunkelheit aber sinnvoll. Rimbaud bringt zum Ausdruck, dass "die gegensätzlichen Anschauungen viel wahrer sind als alle dialektischen Manöver, die sie verträglich machen sollen." [6] Oft stehen sich Energie und Elend, und Verlassenheit und unermüdliches Hoffen gegenüber. Der Widerspruch gehört notwendig zur Wirklichkeit.

Une Saison en Enfer/ Eine Zeit in der Hölle betitelte er denn auch das fertige Bändchen, in dem er umfassend das weiterführt, was er bereits in den Seher-Briefen proklamiert hatte.[7] Im Kapitel "Delirien II Alchemie des Wortes (Délires II Alchimie du verbe)" entwickelt er seine neue Poetik, die in den Seher-Briefen ihren Anfang fand; nun aber formuliert er neu aus kritischer Rückschau auf seine damaligen Vorstellungen.[8]

Und im Kapitel Delirien I – Törichte Jungfrau / Der Höllengemahl (Délires I Vierge folle / L' Époux infernal) blickt er zurück auf seine Beziehung zu Paul Verlaine, - diese schwierige, widersprüchliche und leidenschaftliche Liebesbeziehung, die schließlich scheiterte. Rimbaud greift hier zu einem Kunstgriff, indem er Verlaine (die "törichte Jungfrau") als Sprecher auftreten läßt. Rimbaud selbst erscheint als "Höllengemahl".[9]

"Schlechtes Blut (Mauvais Sang)" handelt von Rimbauds Versuch, seine Eigenart gegenüber seinen Mitmenschen zu bestimmen. "Nacht der Hölle (Nuit de l'enfer)" enthält u.a. eine Anklage des Christentums. In seinem Kapitel "Morgen (Matin)" gelangt das Buch zu seinem dunkelsten Punkt, der gleichzeitig zum Wendepunkt wird, - eine Zustimmung zu ausweglosen Widersprüchen, neue Hoffnung, und ein "wahres Erwachen aus dem Schlaf, den die Illusionen des Abendlandes bedeuten." [10]

Rimbaud schließt Une Saison en Enfer mit dem Kapitel Adieu wie folgt ab: "Ich! ich, der sich Magier oder Engel genannt hat, losgesagt von jeder Moral, ich bin der Erde zurückgegeben, eine Pflicht zu suchen und die rauhe Wirklichkeit zu umarmen!"[11]

Inhalt[Bearbeiten]

  • Prolog (Jadis, si je me souviens bien,...)
  • Schlechtes Blut (Mauvais Sang)
  • Nacht der Hölle (Nuit de l'enfer)
  • Delirien I Törichte Jungfrau / Der Höllengemahl (Délires I Vierge folle / L' Époux infernal)
  • Delirien II Alchemie des Wortes (Délires II Alchimie du verbe)
  • Das Unmögliche (L'impossible)
  • Der Blitz (L'éclair)
  • Morgen (Matin)
  • Adieu (Adieu)

Ausgaben[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Yves Bonnefoy: Arthur Rimbaud in Selbstzeugnissen und 70 Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek 1962, 1990, S. 100.
  2. Arthur Rimbaud: Une Saison en Enfer/Eine Zeit in der Hölle, Reclam, Stuttgart 1970, Nachwort von Werner Dürrson, S. 105.
  3. Yves Bonnefoy: Arthur Rimbaud in Selbstzeugnissen und 70 Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek 1962 1990, S. 106.
  4. Arthur Rimbaud: Une Saison en Enfer/Eine Zeit in der Hölle, Reclam, Stuttgart 1970, Nachwort von Werner Dürrson, S. 104.
  5. Yves Bonnefoy: Arthur Rimbaud in Selbstzeugnissen und 70 Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek 1962, 1990, S. 106.
  6. Yves Bonnefoy: Arthur Rimbaud in Selbstzeugnissen und 70 Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek 1962, 1990, S. 107.
  7. Arthur Rimbaud: Une Saison en Enfer/Eine Zeit in der Hölle, Reclam, Stuttgart 1970, Nachwort von Werner Dürrson, S. 102.
  8. Yves Bonnefoy: Arthur Rimbaud in Selbstzeugnissen und 70 Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek 1962 1990, S. 106.
  9. Arthur Rimbaud: Une Saison en Enfer/Eine Zeit in der Hölle, Reclam, Stuttgart 1970, Nachwort von Werner Dürrson, S. 34 ff.
  10. Yves Bonnefoy: Arthur Rimbaud in Selbstzeugnissen und 70 Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek 1962, 1990, S. 125.
  11. Arthur Rimbaud: Une Saison en Enfer/Eine Zeit in der Hölle, Reclam, Stuttgart 1970, Nachwort von Werner Dürrson, S. 83.