Wilhelm Bölsche

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Wilhelm Bölsche 1908 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid

Wilhelm Bölsche (* 2. Januar 1861 in Köln; † 31. August 1939 in Schreiberhau) war ein deutscher Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten]

Gedenktafel am Haus Müggelseedamm 254, in Berlin-Friedrichshagen

Bölsche - Sohn des Redakteurs Carl Bölsche - studierte von 1883 bis 1885 Philosophie, Kunstgeschichte und Archäologie an der Universität Bonn und lebte ab 1885 in Berlin. Von 1890 bis 1893 redigierte er für den Verleger S. Fischer die „Freie Bühne“; die grünen Hefte galten als die wichtigste kulturpolitische Zeitschrift Deutschlands und als Organ des Naturalismus. Die Autoren trafen sich „im Grünen“.[1] Bölsche wohnte deshalb nach 1890 an wechselnden Wohnstätten in Berlin-Friedrichshagen: zunächst in der Scharnweberstraße 73, ab Frühjahr 1891 in der Wilhelmstraße 72 (seit 1951: Peter-Hille-Straße 66), ab 1894 in der Ahornallee 19 und von 1899 bis 1901 in der Ahornallee 22. Er wurde - neben Bruno Wille - Zentralfigur des Friedrichshagener Dichterkreises und galt als „Seele und Geist von Friedrichshagen“. Bölsche wurde in Berlin Mitglied der Freireligiösen Gemeinde und war 1906 Mitgründer des Deutschen Monistenbundes und seit Beginn im Jahr 1905 Mitglied der Gesellschaft für Rassenhygiene.

Obwohl die meisten Schriften Bölsches naturwissenschaftliche Themen behandeln, war er kein Naturwissenschaftler, sondern er hat als Schriftsteller naturwissenschaftliche Themen popularisiert: Als ein fachkundiger Laie schrieb Bölsche für Laien. Mit seinem Buch Das Liebesleben in der Natur (1898) gilt Bölsche als der Schöpfer des modernen Sachbuches. Er war auch ein Initiator Deutschlands erster Volkshochschule und gab wichtige Impulse für die Lebensreformbewegung.

In Dutzenden von Büchern und „Kosmos“-Bänden popularisierte der Freidenker, Monist und Evolutionär das Wissen seiner Zeit, vor allem die Entwicklungslehre von Charles Darwin und Ernst Haeckel. Über Darwin, Haeckel und Johann Wolfgang von Goethe schrieb er Biographien. Außerdem betätigte er sich als Herausgeber zahlreicher Autoren. Die Freie Universität Berlin bereitet zurzeit eine Edition seiner Werke und Briefe vor.

Zitate[Bearbeiten]

Bölsche drückte es in seinem Buch, das den Titel „Die Naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie“ (1887) trug, folgendermaßen aus: „Der Dichter ... ist in seiner Weise ein Experimentator, wie der Chemiker, der allerlei Stoffe mischt, in gewisse Temperaturgrade bringt und den Erfolg beobachtet. Natürlich: der Dichter hat Menschen vor sich, keine Chemikalien. Aber... auch diese Menschen fallen ins Gebiet der Naturwissenschaften. Ihre Leidenschaften, ihr Reagieren gegen äußere Umstände, das ganze Spiel ihrer Gedanken folgen gewissen Gesetzen, die der Forscher ergründet hat und die der Dichter bei dem freien Experimente so gut zu beobachten hat, wie der Chemiker, wenn er etwas Vernünftiges und keinen wertlosen Mischmasch herstellen will, die Kräfte und Wirkungen vorher berechnen muss, ehe er ans Werk geht und Stoffe kombiniert.

Ziel sei es, zu einer wahren mathematischen Durchdringung der ganzen Handlungsweise eines Menschen zu gelangen und Gestalten vor unserem Auge aufwachsen zu lassen, die logisch sind, wie die Natur.

Ehrungen[Bearbeiten]

Bölsche zu Ehren sind ein Berggrat im Riesengebirge, eine Insel in Spitzbergen, eine Schule in Berlin sowie Straßen in etlichen deutschen Städten benannt worden, darunter die Bölschestraße in Berlin-Friedrichshagen.

Im Januar 2001 wurde der am 31. März 1998 in der Volkssternwarte Drebach (Erzgebirge) entdeckte Planetoid 1998 FC127 nach Bölsche benannt. Er trägt jetzt die offizielle Bezeichnung (17821) Bölsche und bewegt sich zwischen den Planeten Mars und Jupiter um die Sonne.[2]

Werke[Bearbeiten]

Autor[Bearbeiten]

  • Paulus. Roman aus der Zeit des Kaisers Marcus Aurelius, 2 Bde., 1885
  • Der Zauber des Königs Arpus, Roman, 1887
  • Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena einer realistischen Ästhetik, 1887
  • Heinrich Heine. Versuch einer ästhetisch-kritischen Analyse seiner Werke und seiner Weltanschauung, 1888
  • Die Poesie der Großstadt, 1890 Digitalisierter Text
  • Die Mittagsgöttin, 3 Bde., Roman, 1891
  • Freireligiöse Neujahrsgedanken. Festvortrag, gehalten am 1. Januar 1893 in der Freireligiösen Gemeinde zu Berlin, 1893
  • Entwicklungsgeschichte der Natur, 2 Bde., 1894-1896
  • Das Liebesleben in der Natur, 1898-1903
  • Ernst Haeckel. Ein Lebensbild, 1900
  • Tiere der Urwelt, 1900 (Illustration: Heinrich Harder) Digitalisierte Kopie
  • Die Entwicklungslehre (Darwinismus), 1900
  • Vom Bazillus zum Affenmenschen. Naturwissenschaftliche Plaudereien, 1900
  • Goethe im zwanzigsten Jahrhundert. Ein Vortrag, 1900
  • Hinter der Weltstadt. Friedrichshagener Gedanken zur ästhetischen Kultur, 1901
  • Die Eroberung des Menschen, 1901
  • Die Entwicklungslehre im 19. Jahrhundert, 1901
  • Von Sonnen und Sonnenstäubchen. Kosmische Wanderungen, 1903
  • Aus der Schneegrube. Gedanken zur Naturforschung, 1903
  • Weltblick. Gedanken zu Natur und Kunst, 1904[3]
  • Naturgeheimnis, 1905
  • Der Sieg des Lebens, 1905
  • Die Schöpfungstage. Umrisse zu einer Entwicklungsgeschichte der Natur, 1906
  • Im Steinkohlenwald, 1906
  • Was ist die Natur?, 1907 (Illustration: Marie Gey-Heinze)
  • Auf den Spuren der tropischen Eiszeit, 1907
  • Tierbuch (Illustration: Heinrich Harder)
    • Bd. 1: 1908
    • Bd. 2: Das Pferd und seine Geschichte, 1909
    • Bd. 3: Der Hirsch und seine Geschichte, 1911
  • Darwin, seine Bedeutung im Ringen um Weltanschauung und Lebenswert. 6 Aufsätze, 1909
  • Der Mensch in der Tertiärzeit und im Diluvium, 1909
  • Auf dem Menschenstern. Gedanken zu Natur und Kunst, 1909
  • Komet und Weltuntergang, 1910
  • Stunden im All, 1910
  • Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten, 1913
  • Stirb und Werde! Naturwissenschaftliche und kulturelle Plaudereien, 1913
  • Tierwanderungen in der Urwelt, 1914 (Illustration: Heinrich Harder)
  • Von Wundern und Tieren. Neue naturwiss. Plaudereien, 1915
  • Der Stammbaum der Insekten, 1916
  • Schutz- und Trutzbündnisse in der Natur, 1917
  • Eiszeit und Klimawechsel, 1919
  • Naturphilosophische Plaudereien, 1920
  • Tierseele und Menschenseele, 1924
  • Erwanderte deutsche Geologie. Die Sächsische Schweiz, 1925
  • Von Drachen und Zauberküsten. Abenteuer aus dem Kampf mit dem Unbekannten in der Natur, 1925
  • Die Abstammung der Kunst, 1926
  • Im Bernsteinwald, 1927
  • Drachen. Sage und Naturwissenschaft. Eine volkstümliche Darstellung, 1929
  • Das Leben der Urwelt. Aus den Tagen der grossen Saurier. Dollheimer, Leipzig 1931 u. Fackelträger, Hannover o.J. (ca. 1955).
  • Der Termitenstaat. Schilderung eines geheimnisvollen Volkes, 1931
  • Was muß der neue deutsche Mensch von Naturwissenschaft und Religion fordern. Vortrag, 1934

Herausgeber[Bearbeiten]

  • Christoph Martin Wielands ausgewählte Werke, 4 Bde., 1902
  • Novalis. Ausgewählte Werke, 3 Bde., 1903
  • Des Angelus Silesius Cherubinischer Wandersmann, 1905

Bearbeiter[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Antoon Berentsen: Vom Urnebel zum Zukunftsstaat. Zum Problem der Popularisierung der Naturwissenschaften in der deutschen Literatur (1880-1910). (= Studien zu deutscher Vergangenheit und Gegenwart; 2). Oberhofer, Berlin 1986, ISBN 3-925410-02-3
  • Fritz Bolle: Bölsche, Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 2, Duncker & Humblot, Berlin 1955, ISBN 3-428-00183-4, S. 400 (Digitalisat).
  • Wolfram Hamacher: Wissenschaft, Literatur und Sinnfindung im 19. Jahrhundert. Studien zu Wilhelm Bölsche. (= Epistemata; Reihe Literaturwissenschaft; 99). Königshausen und Neumann, Würzburg 1993, ISBN 3-88479-775-1
  • Christoph Kockerbeck: Ein Denker zwischen Darwin und Haeckel. Dem Publizisten, Redakteur, Romancier und Naturphilosophen Wilhelm Bölsche zum 70. Todestag. In: Naturwissenschaftliche Rundschau 62(9), 2009, ISSN 0028-1050, S. 459–469
  • Rolf Lang: Wilhelm Bölsche und Friedrichshagen. Auf dem „Mußweg der Liebhaberei“. (= Frankfurter Buntbücher; 6). Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte, Frankfurt (Oder) 1992
  • Rudolf Magnus: Wilhelm Bölsche – ein biographisch-kritischer Beitrag zur modernen Weltanschauung. Berlin 1909.
  • Rosemarie Nöthlich (Hrsg.): Ernst Haeckel – Wilhelm Bölsche. Briefwechsel 1887-1919. (= Ernst-Haeckel-Haus-Studien, Bd. 6.1). VWB-Verlag für Wissenschaft und Bildung, Berlin 2002, ISBN 3-86135-485-3

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Erik Lehnert: „Tiefes Gemüt, klarer Verstand und tapfere Kulturarbeit“. Bruno Wille und der Friedrichshagener Dichterkreis als Ausgangspunkt monistischer Kulturpolitik im Kaiserreich. In: Darwin, Haeckel und die Folgen. Monismus in Vergangenheit und Gegenwart. Hrsg. von Arnher E. Lenz und Volker Mueller, Angelika Lenz Verlag, Neustadt am Rübenberge 2006, 247-273, S. 248
  2. Der Asteroid (17821) Bölsche
  3. Enthält u. a.: Ob Naturforschung und Dichtung sich schaden?- Die Welt als Werk unseres Wunsches.- Der Mensch, der die Natur moralisch macht.- Vom Bild zur Realität.- Einheit im Geiste.- Das Unberechenbare in der Natur.- Wenn die Elektrizität aufhörte?- Das dritte Auge.- Der Kredit der Natur.- Die Flucht vor der Stadt.- Zur Geschichtsphilosophie des Bienenstaates.- Neues über den Stammbaum des Menschen.- Fünf Märchen des Lebens.- Gedanken über die Schule.- Vom alten Geiste des Humanismus.- Die Masseninvasion des Wissens.- Schutzanpassungen unseres Geistes.- Das Assoziations-Gedächtnis.- Die neue Front der ästhetischen Forderungen
  4. Grottewitz war 1905 im Müggelsee ertrunken. Quelle: Antiquariat Frankenland, ZVAB. Zuletzt aufgerufen am 18. Juli 2009.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wilhelm Bölsche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Wilhelm Bölsche – Quellen und Volltexte