Der Trafikant

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Der Trafikant ist ein am 3. September 2012 bei Kein & Aber erschienener Roman des österreichischen Autors Robert Seethaler.[1]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman schildert das Entscheidungsjahr im Leben des Franz Huchel aus dem Salzkammergut vor dem historischen Hintergrund der Geschehnisse in Österreich vom Spätsommer 1937 bis zum Juni 1938.

Der siebzehnjährige Franz Huchel aus Nußdorf am Attersee führte bisher ein beschauliches Leben. Er musste nicht wie seine Altersgenossen im Salzstollen oder auf einem Bauernhof arbeiten, sondern hatte viel Zeit für seine Träumereien, denn seine verwitwete Mutter bekam von ihrem Liebhaber, dem reichen Sägewerks- und Holzfabrikbesitzer Alois Preininger, finanzielle Hilfe. Aber nach dessen tödlichem Badeunfall im Spätsommer 1937 kann Frau Huchel ihren Sohn von ihrem Lohn als Kellnerin nicht mehr wie bisher unterstützen und schickt ihn zum Arbeiten nach Wien. Dort hat sie ihm bei einem Jugendfreund, dem Kriegsinvaliden Otto Trsnjek in dessen Zeitungs- und Tabak-Trafik eine Lehrstelle besorgt. Damit beginnt für Franz sein entscheidendes Lebensjahr zur Zeit des Nationalsozialismus in Österreich.

Drei Personen bestimmen hier seine Entwicklung. Erstens verliebt er sich in die drei Jahre ältere Böhmin Anezka, die er im Wiener Prater kennenlernt und mit der er glückliche Stunden und seine erste sexuelle Beziehung erlebt. Sie arbeitet tagsüber als Haushaltshilfe und tanzt abends als nackte Indianerschönheit N’Tschina im Kabarett Zur Grotte. Für sie ist der „Burschi“ allerdings nur eine ihrer Affären („Ich geheer zu keinem. Nicht einmal zu mir selber!“). Dies wird ihm schließlich bei seinem Heiratsantrag und dem Vorschlag, gemeinsam Wien zu verlassen, deutlich, als sie ihm einen SS-Mann vorzieht. Das ist für ihn sowohl persönlich als auch politisch enttäuschend, denn zu diesem Zeitpunkt hat er die Gefährlichkeit der Nationalsozialisten schmerzlich erkannt.

Eine seiner Aufgaben in der Trafik an der Währinger Straße im 9. Bezirk ist es, täglich in den Arbeitspausen alle Zeitungen zu lesen, die hier verkauft werden. Sie spiegeln immer deutlicher den Stimmungsumschwung und die Einschränkung der Geistesfreiheit im Land wider. Otto Trsnjek wird in diesem Zusammenhang zu seinem politischen Vater, insbesondere seit sein Laden vom benachbarten Fleischhauer (dt. Metzger) mit Schweineblut beschmiert wird, weil in der Trafik Juden einkaufen. Einer der Stammkunden ist Sigmund Freud, dem Franz die Neue Freie Presse und ein Päckchen Virginias zu seiner Wohnung trägt. Nach der Machtergreifung wird Otto verhaftet und im Hotel Metropol, der Wiener Gestapo-Zentrale, eingesperrt. Franz erhält einige Wochen später die Nachricht von seinem Tode und den Auftrag, die Trafik weiterzuführen.

Franz’ dritte Bezugsperson ist der alte und kranke Sigmund Freud, den er mehrmals in der Berggasse 19 (einer Seitengasse der Währinger Straße) besucht und auf einem Spaziergang zum Volksgarten begleitet. Als er sich vom landläufig „Deppendoktor“ genannten Psychoanalytiker Lebens- und Liebeshilfe erhofft, gibt ihm der Professor den Rat: „Wir tasten uns mühselig durch die Dunkelheit, um wenigstens hie und da auf etwas Brauchbares zu stoßen.“ Im besten Fall seien es Träume, und er empfiehlt Franz, die seinen aufzuschreiben. Ansonsten könne er ihm nicht helfen: „In den entscheidenden Dingen sind wir von Anfang an auf uns selbst gestellt. […] Du musst deinen eigenen Kopf bemühen. Und wenn dir der keine Antworten gibt, frag dein Herz!“ Freud entgeht der Verfolgung und darf am 4. Juni 1938 nach London emigrieren. Am Tag vor seiner Abreise gelingt es Franz trotz Gestapo-Überwachung, sich in Freuds Wohnung zu schleichen, sich von ihm zu verabschieden und ihm seine Lieblingszigarren zuzustecken. Franz bleibt allein in der Stadt zurück und entschließt sich zu einer Protestaktion. In der Nacht zum 7. Juni entfernt er von einem der drei Fahnenmasten vor dem Wiener Gestapo-Hauptquartier die NS-Flagge und hisst Trsnjeks einbeinige Hose. Am nächsten Morgen wird er verhaftet. Sein weiteres Schicksal bleibt offen.

Der Roman endet - nach einem Zeitsprung - am 12. März 1945. Anezka sucht Franz Huchel vergeblich in der geschlossenen Trafik: Nur ein Zettel mit dem Beginn seines letzten Traums hängt noch an der Auslagenscheibe. Freud hatte Huchel nämlich geraten, seine Träume aufzuschreiben, und Huchel hatte sie mehrere Wochen lang per Affiche publiziert. Während Anezka dann an der Votivkirche vorbeigeht, hört sie das Dröhnen alliierter Bomberverbände, die an diesem Tag den schwersten Angriff auf das Stadtzentrum Wien fliegen (siehe z. B. Wiener Staatsoper, Philipphof).[2]

Aktuelle Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Elke Heidenreich über „Der Trafikant“ von Robert Seethaler im Literaturclub. 29. Januar 2013, abgerufen am 6. Juni 2015.
  2. Andreas Platthaus: Robert Seethaler: Der Trafikant. Frankfurter Allgemeine, 2. November 2012, abgerufen am 6. Juni 2015.