Ehrenmal (Karlsaue)

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Das Ehrenmal in der Karlsaue (offiziell „Gedenkstätte für die Gefallenen und Opfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs“ und zur Zeit seiner Erstellung „Kurhessisches Ehrenmal“)[1] wurde zum Gedenken an die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs errichtet. Es befindet sich in einem Hang am Rande der Kasseler Karlsaue und verbindet diese mit der Straße „Schöne Aussicht“. Die Anlage wurde 1928 offiziell eingeweiht.[2] Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch dessen Gefallene ins Gedenken einbezogen.

Bezeichnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit einigen Jahren wird das Ehrenmal entweder in Anführungstriche gesetzt[1] oder distanziert als historisches Ehrenmal (Land Hessen und Stadt Kassel auf der Infotafel) bezeichnet. Der zuständige Ortsbeirat Südstadt forderte einstimmig, dass für das Ehrenmal eine andere Bezeichnung gefunden werden müsse.[3]

Gestaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich befand sich auf dem Gelände ein Terrassengarten. Die vorhandenen Treppen und Stützmauern wurden renoviert. Auf der oberen Terrasse wurde eine Grotte zur Aufnahme einer Plastik von Hans Sautter installiert. Dargestellt ist ein athletischer junger Mann, der nackt in eine Decke eingeschlagen ist. Er liegt auf dem Rücken, sein Gesicht ist starr auf das Gewölbe gerichtet. Die Decke ist im Bereich des Oberkörpers einseitig zurückgeschlagen, auch die Füße liegen bloß.

Blick von der Aueseite
Die Gedenkstätte von unten gesehen
die kleine Halle
Die Halle mit der Skulptur
die Plastik von Hans Sautter
Die Skulptur von Hans Sautter
Infotafel für Besucher
Die Infotafel des Landes Hessen und der Stadt Kassel

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Terrassenanlage wurde im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts als barocker Obstgarten angelegt. 1920 beschloss die Stadt Kassel, diesen Garten zu einer Gefallenengedenkstätte umzubauen. Die Finanzierung war relativ unproblematisch: der Kurhessische Kriegerbund sammelte 100.000 Mark an Spendengeldern, die Stadt Kassel gab einen Zuschuss von 50.000 Mark und Sautter verzichtete auf ein Honorar.[4]

Soldatenverbände wie der Kurhessische Kriegerbund bekamen die Erlaubnis, an den Mauern der Anlage eigene Gedenktafeln anzubringen. Heute sind die Stützmauern und Seitenwände mit zahlreichen Steintafeln, Stelen, Reliefs und einer Bronzetafel bedeckt.

In Kassel begannen die ersten politischen Vereinnahmungen kurz nach 1920 mit Beginn des Umbaus, bezogen sich aber zunächst nur auf Extrawünsche bei den Maßen und bei der Platzierung der Tafeln. Bei der ersten Einweihung der Anlage im Mai 1926 konnte der Magistrat der Stadt Kassel nicht verhindern, dass die Veranstaltung und das Denkmal zu einer Demonstration rechtskonservativer Kräfte wurde, für die es eine Frage von Macht und Einfluss war.[5] Der Magistrat blieb den Feierlichkeiten aus Protest fern. Erst zwei Jahre später wurde das Denkmal durch den Kasseler Bürgermeister in Anwesenheit von republikanischen Veteranenverbänden offiziell eingeweiht. Nun boykottierten Nationalisten und Kommunisten aus unterschiedlichen Gründen die Veranstaltung.

Nach der Machtergreifung im Herbst 1933 wurde in einer von Nationalsozialisten beförderten Kampagne eine eindeutig militaristisch konnotierte Heldenverehrung und Verklärung des Soldatentums verlangt. Mit Sautters Darstellung werde man angeblich „an ein Leichenschauhaus, nicht aber an tapfere Patrioten“ erinnert.[4] Georg Blass, der nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 zum Nachfolger Sautters an der damaligen Staatlichen Meisterschule für das Deutsche Handwerk wurde sagte: „Das Denkmal entspricht nicht seinem Zweck, und wie könnte es auch sein, wenn der Verfertiger Marxist oder Pazifist ist und zu einer Clique von, Gott sei Dank jetzt endgültig beseitigten, ‚Führern‘ der vergangenen, unerfreulichen und schmachvollen Epoche gehörte.“[6]

Infolgedessen wurde die Skulptur erst mit Bohlen und später mit Steinplatten überdeckt.

In der Phase direkt nach dem Zweiten Weltkrieg war die Existenz der Gedenkstätte in der Karlsaue eine Zeit lang grundsätzlich in Frage gestellt da der Alliierte Kontrollrat mit der Direktive Nr. 30 am 13. Mai 1946[7] verfügte:

„Die Zurschaustellung von Gedenksteinen, Denkmälern [u. ä.], die darauf abzielen, die deutsche militärische Tradition zu bewahren [und eine] Zurschaustellung […] von Gegenständen […] militärischen Charakters [werden untersagt und als gesetzwidrig erklärt. Sie, bzw. mindestens die anstößigen Merkmale,] sind bis zum 1. Januar 1947 vollständig zu zerstören und zu beseitigen.“

Es ist nicht überliefert, ob versucht wurde, die Direktive in Kassel umzusetzen. Im Mai 1955 wurde die Direktive Nr. 30, die als rechtlich bindendes Gesetz verstanden wurde, außer Kraft gesetzt. Im Zuge der Vorarbeiten zur Bundesgartenschau im Jahr 1955 wurde 1954 die Abdeckung der Plastik entfernt. Die Stadt plante einen leichteren Zugang zu der Anlage, sowie neue Tore in den Seitenmauern. Diese Umgestaltung musste aber aufgrund von Drohungen der Soldatenverbände gestoppt werden.[4]Im folgenden Jahr lud der DGB zu einer Kundgebung im Ehrenmal ein, „zur Verhinderung eines neuen völkervernichtenden Krieges“. Auch gegen diese Kundgebung protestierten die Soldatenverbände vergeblich. Angeregt durch ein im Jahre 1951 stattgefundenes „Kameradschaftstreffen“ der ehemaligen Angehörigen der Panzergrenadierdivision Brandenburg und des Panzerkorps „Großdeutschland“ in Kassel kam es 1958 zu einem aufwändig gestalteten, neuen Wandrelief der sogenannten „Traditionsgemeinschaft“.

Eine weitere Tafel, die an die Kriegsdienstverweigerer des Zweiten Weltkrieges erinnert, wurde 1987 angebracht.[8] Nach mehrjähriger Debatte beschloss die Stadt Kassel, das Gedenken an diese Gruppe von Menschen mit einer Gedenktafel zu unterstützen. Lange wurde über den Text (ursprünglich „ehrendes Angedenken“, schlussendlich dann „Erinnerung“) und den Standort (ursprünglich im Denkmal auf dem Weinberg [„Den Vernichteten“] – schlussendlich in der historischen Gedenkstätte in der Karlsaue) gestritten. Der Text wurde im Februar 1985 beschlossen, die Tafel aber erst im Mai 1987 enthüllt. Die Gedenktafel (Bronze, ca. 110 × 55 cm) war die erste ihrer Art in Deutschland. Bei der Einweihung fehlten einige konservative Parteien und die Bundeswehr aus Protest, weil „Desertion nicht grundsätzlich akzeptiert werden“ könne und Schlussfolgerungen für die Gegenwart „nicht begrüßt werden“[9] könnten. Ein gemeinsames Denkmal für Gefallene und Verfolgte sei „zur Zeit nicht sinnvoll“.[10] Nach Auflösung der nordhessisch/südniedersächsischen 2. Panzergrenadierdivision der Bundeswehr Ende März 1994 wurde in direkter Nähe zur Tafel für die Opfer der Militärjustiz eine stark verwitterte Sandsteinplatte durch ein Gedenken an die in den Jahren 1956 bis 1994 „im Dienst verstorbenen Soldaten“ ersetzt.[11][12] Im Jahr 2003 ging der Besitz der Denkmalsanlage von der Stadt Kassel auf das Land Hessen über.[13]

Gedenktafeln

Kontroverse Themen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gedenktafeln nennen militärische Einheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Geschichte von 1920 bis heute ist auch eine Folge von aufeinanderstoßenden unterschiedlichen Standpunkten. Sie prallen in Kassel stärker aufeinander als anderswo, weil hier das Denkmal Einheiten anstatt Namen nennt. Das ist in Deutschland außergewöhnlich. Die Sichtweisen werden wiedergegeben, nicht befürwortet oder abgelehnt; tatsächlich spiegeln sich in ihnen auch Veränderungen in der Gesellschaft in Bezug auf das Gedenken an Kriege und deren Opfer wider. Der bekannte Satz von Fritz Bauer fasst zusammen, was die Kasseler Denkmalsanlage am Auehang leisten könnte:

„‘Bewältigung unserer Vergangenheit‘ heißt Gerichtstag halten über uns selbst, Gerichtstag über die gefährlichen Faktoren in unserer Geschichte (14. Juli 1962).“

[14]

Der Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel, Martin Eberle, zählt im Zusammenhang mit dem Denkmal zwei „heikle Sachen“, erstens, dass das Gedenken hier „Gefallenen gelte, die gleichzeitig Opfer und Täter seien“ und zweitens, dass auch Kompanien geehrt würden, die „eindeutig Täter seien“[15]. Mit dem zweiten Punkt nimmt er Bezug auf die Panzergrenadierdivision Brandenburg, die 1944 aus Truppenteilen zusammengefügt wurde, die zwischen 1940 und 1944 an Kriegsverbrechen beteiligt waren.[16][17] Die unrühmlichste Rolle spielte in dieser Zeit das „Lehrregiment z.b.V. 800“.[18]

Auf der anderen Seite ist Herr Valentino Lapardi, der Vorsitzende der Reservistenkameradschaft Kassel, enttäuscht, dass uniformierte Soldaten und Fackelträger nur alle zwei Jahre am Volkstrauertag die Besucher begleiten dürfen.

Müll und Zerstörungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Weitläufigkeit der Anlage erleichtert Sachbeschädigungen.[19][20][21] Wie ein roter Faden nimmt dieses Thema in der öffentlichen Wahrnehmung einen großen Raum ein. Der Verdacht, dass die Beschädigungen mit politischer Überzeugung begannen wurden, entschuldigt sie nicht.

Uminterpretation durch ein Künstlerduo[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Rahmen der documenta 9 des Jahres 1992 stellten Pina und Via Lewandowsky ihre Uminterpretation des Kunstwerkes von Hans Sautter vor. Ihr Werk „Am Ende eines Raumes“ bestand aus einer 3 m langen, 1,10 m hohen und 1,02 m breiten, mit Birkenfurnier beschichteten Holzkiste. Auf einem Zwischenboden in halber Höhe ruhte eine überlebensgroße Figur aus Paraffin, ein Abguss der Skulptur „Der Gefallene“ von Hans Sautter. Während der documenta 9 verbarg die „Gebeinkiste“ des Künstlerduos Lewandowsky die Kalkstein-Figur Sautters. Zu sehen war allein die Abformung in Wachs. Sie sollte an die Unzuverlässigkeit des menschlichen Erinnerungsvermögens erinnern. Die Traditionsverbände empfanden diese Einbeziehung der Gedenkstätte in eine Kunstausstellung als Skandal. Die „Umdefinition des Ehrenmals“ käme einer Grabschändung gleich. Die Gefallenen würden dadurch „verleumdet, beschimpft und verunglimpft“, was die Angehörigen als barbarisch empfänden. Gegen die künstlerische Aktion wurde sogar eine Klage eingereicht, die aber abgewiesen wurde.[22]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Denkmalsanlage am Hang der Karlsaue – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Ein Mahnmal für den Frieden: Ein Mahnmal für den Frieden, abgerufen am 22. Februar 2022
  2. Claudia Siebrecht: Die Präsenz des Ersten Weltkrieges in der Kultur der Weimarer Republik, in: Rossol, Nadine, Ziemann, Benjamin (Hrsg.): Aufbruch und Abgründe, Das Handbuch der Weimarer Republik. Darmstadt, 2021. S. 859–862
  3. Stadt Kassel, Ortsbeirat Südstadt, Protokoll der Sitzung am 16. Januar 2018
  4. a b c Adamski, Peter (Hrsg.): „Glücklich die Stadt, die keine Helden hat“ – Über Denkmäler in Kassel, Studien der Geschichtswerkstatt am Friedrichsgymnasium, Kassel, 1993
  5. Claudia Siebrecht: Die Präsenz des Ersten Weltkrieges in der Kultur der Weimarer Republik, in: Rossol, Nadine, Ziemann, Benjamin (Hrsg.): Aufbruch und Abgründe, Das Handbuch der Weimarer Republik. Darmstadt, 2021. S. 859–862
  6. Gefallenendenkmal von Pina und Via Lewandowsky Museum für Sepulkralkultur, abgerufen am 20. Februar 2022
  7. Direktive Nr. 30 des Kontrollrats in Deutschland (1946), abgerufen am 24. Februar 2022
  8. Jörg Kammler: Ich habe die Metzelei satt und laufe über... Kasseler Soldaten zwischen Verweigerung und Widerstand (1939 – 1945), Fuldabrück, 1985.
  9. Feier ohne Bundeswehr, Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 9. Mai 1987
  10. Der dritte Sieg am Schreibtisch, Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 24. September 1987
  11. Reservistenverband: Volkstrauertag in Kassel, abgerufen am 24. Februar 2022
  12. Foto: Die Tafel der 2. Panzergrenadierdivision
  13. Die Aue geht den Bach runter, Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 26. April 2003
  14. Diese fünf Fritz-Bauer-Zitate können nicht oft genug zitiert werden | Region Nachrichten von Frankfurter Neue Presse, abgerufen am 20. Februar 2022
  15. Streit um Gedenken für Tote, Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 11. November 2021
  16. Götz Aly, Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung - Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung. Frankfurt/M, 1993.
  17. Alexander Korb: Im Schatten des Weltkriegs - Massengewalt der Ustaša gegen Serben, Juden und Roma in Kroatien 1941–1945. Hamburg, 2013.
  18. Bundesarchiv: getarnte Aufklärung im feindlichen Hinterland, abgerufen am 20. Februar 2022
  19. Die Aue geht den Bach runter, Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 26. April 2003
  20. Erinnerung an Kriegskatastrophen, Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 11. September 2021
  21. Vandalismus ist nur destruktiv, Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 7. Oktober 2021
  22. Gefallenendenkmal von Pina und Via Lewandowsky Museum für Sepulkralkultur, abgerufen am 20. Februar 2022

Koordinaten: 51° 18′ 38,1″ N, 9° 29′ 47″ O