Maya (Mythologie)

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Maya (Sanskrit: माया māyā „Illusion, Zauberei“) ist eine indische Göttin und verkörpert mehrere Vorstellungen: eine kreative Energie (Prakriti), einen Zustand der geistigen Verblendung oder eine personifizierte Gottheit. Auch Mahamaya („Große Maya“) genannt und als Ausprägung der allumfassenden Göttin Devi verstanden, ist sie die „Weltenmutter“ und Schöpferin des Universums, das Universum selbst sowie Göttin der Illusion, als welche das Universum in der hinduistischen Religion verstanden wird.[1] In abstrahierter Form spielt Maya in der indischen Philosophie eine große Rolle, vor allem im heute populären Vedanta.

Mythologie[Bearbeiten]

Als Göttin gilt Maya auch als die umfassende Shakti (Kraft, Energie), die in unterschiedlichen Gestalten erscheint, beispielsweise als Lakshmi, Sarasvati oder Durga, und durch die männliche Götter grundsätzlich erst ihre kreative Energie empfangen.

Sie tritt auf als Weltenweberin, die sich selbst erschafft, denn alles, was manifestiert ist, ist Maya.

Es gibt im Hinduismus verschiedene Mythen um das Entstehen der Maya. Eine Version besagt, sie sei dem auf der Weltenschlange ruhenden Vishnu entsprungen, und das Glühen von Shivas und Vishnus Gesichtern habe einen Glanz hervorgebracht, der die Welten erfüllt habe, und aus diesem sei Maya entstanden. Alle Gottheiten und die Gestirne hätten zu ihrem Entstehen und ihrer prächtigen Erscheinung beigetragen, sie sei mit Schmuck und Waffen ausgestattet worden, habe einen Löwen als Reittier erhalten, und in dieser Form habe sie den Büffeldämon Mahisha besiegt, als er die Herrschaft an sich reißen wollte.

In einem anderen Mythos besingt selbst Brahma die Unfassbarkeit Mayas, sie erscheint hier als Göttin des Absoluten und der Ewigkeit, da es nichts gibt, was nicht Maya ist.

Die Symbole Mayas sind die sieben Farben des Regenbogens, der Schleier und das Spinnennetz.

Im Vishnuismus erscheint Maya als die Zauberkraft des Vishnu zur Schöpfung der Welt, die untrennbar mit ihm verbunden ist.

Im Hinduismus gilt Maya allgemein als die Versucherin und Verblenderin, die den Geist der Menschen mit ihren Illusionen verlockt, betört und bezaubert.

Philosophie (Hinduismus)[Bearbeiten]

Insbesondere im Advaita Vedanta stellt Maya die Illusion des begrenzten, verblendeten Ich dar, das die Realität als nur psychisch und mental versteht und das wahre Selbst, Atman, das eins mit Brahman ist, nicht erkennt. Um Moksha (Erlösung) zu erreichen, muss Maya überwunden werden.

Nach Gaudapada (7. Jh.), dessen Denken einen buddhistischen Einfluss verrät, existieren tatsächlich nur Brahman und Atman, alle Vielheit oder Dualität ist ein Traum, eine durch Maya bedingte Scheinmanifestation des unveränderlichen, verharrenden Seins. Bei Shankara (8. Jh.) ist Maya ein unerklärlicher Faktor, weder seiend noch nicht-seiend, der die Beschränktheit unseres Wissens ausdrückt. Solange wir meinen, die Welt mit unserem Denken zu erkennen, erkennen wir Brahman (das Absolute) nicht, und wenn wir intuitiv Brahman schauen, existiert die Welt für uns nicht. Maya wird als Kraft des menschlichen Geistes gesehen, die Täuschungen hervorruft und mit Unwissen verbunden ist.

Ebenso wie die Erkenntnis des Seils als Seil die Illusion, es sei eine Schlange, zerstört, so wird Maya durch die unmittelbare Erfahrung des absoluten Brahman, des Einen ohne ein Zweites, zerstört. Maya besteht aus den drei Gunas (Eigenschaften), sie ist feinstofflich und jenseits aller Wahrnehmungen. Aus ihr entsteht das ganze Weltall. Sie ist der Kausalkörper des Atman (absoluter Wesenskern des Menschen). Nach Shankara haben die grobstofflichen und feinstofflichen Elemente ihre Ursache in Atman, sind jedoch von ihm verschieden. Die Maya ist so unwirklich wie eine Fata Morgana in der Wüste.

Vallabha hingegen lehrte den „reinen Monismus(Shuddhadvaita), d. h. einen von jeder Maya-Doktrin freien Advaita. Seiner Ansicht nach offenbart sich Gott in einer vielheitlichen Welt, ohne sich jedoch dadurch zu verändern.

In den zeitgenössischen Strömungen des Vedanta wird wie von Chinmayananda die Ansicht vertreten, Maya sei die unerklärliche, unfassliche Kraft des Höchsten. Diese ist ihm inhärent, untrennbar wie die Hitze vom Feuer: So wie wir das Feuer nach dem Entfernen der Hitze nicht als Ding an sich haben können, und so wie Hitze keine unabhängige Existenz haben kann, wenn das Feuer-Element entfernt wird, ist Maya mit dem höchsten Sein untrennbar verbunden. Im menschlichen, unwissenden Geist ist sie für die Täuschungen und Illusionen verantwortlich.

In der dualistischen Samkhya-Philosophie stellt sich die Frage, wie sich die Welt aus dem Absoluten generiert, nicht in derselben Form, da mit Prakriti (Urmaterie), dem Pendant zu Maya, ein unabhängiges Prinzip neben Purusha (dem Pendant zu Brahman) existiert.

Kaschmirischer Shivaismus[Bearbeiten]

Im kaschmirischen Shivaismus wird Māyā von der „Ananda Shakti“ erschaffen, der handelnden Kraft von Sadashiva (eine Erscheinungsform des Gottes Shiva). Sie ist damit das Instrument zur Erschaffung der dualen Welt.[2] Die Wirkung der Maya ist das täuschende Gefühl der Aufteilung in Innen und Außen, Subjekt und Objekt. In der kaschmirischen Ausformung des Shivaismus wird angenommen, dass äußere Objekte und begrenzte Wesen (jiva), obwohl sie durch Māyā als unrein (ashudda) angesehen werden, in letzter Wirklichkeit nie vom Bewusstsein Shivas getrennt sind.

Metaphorik[Bearbeiten]

Das umgangssprachlich gebräuchliche Sinnbild (Metapher) vom „Schleier der Maya“ ist aus der philosophischen Darstellung der Illusion entstanden, die Arthur Schopenhauer in seiner Erkenntnistheorie als Schleier der Sinne und der Imagination ausführte (Phantasmagorie).[3]

Literatur[Bearbeiten]

  • David Kinsley: Hindu Goddesses: Vision of the Divine Feminine in the Hindu Religious Traditions. Shri Jainendra Press, Delhi 1987 (reprint 1998), ISBN 81-208-0379-5 (englisch; umfassende Voransicht in der Google-Buchsuche); Info: Das Buch behandelt Maya nicht als eigenes Thema, sondern nur als Erscheinungsform von Mahadevi, Durga und Kali; es gibt nur neun kleine Fundstellen für „Maya“ und sechs kleine für „Mahamaya“.
  • Joe J. Heydecker: Die Schwestern der Venus – Die Frau in den Mythen und Religionen. Heyne Taschenbuch, München 1994, ISBN 978-3453078246, S. 296–300, Kapitel: Maya (Inhaltsverzeichnis, PDF; 30 kB).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dieter Koller: Ohne Pläne: Reisebericht aus Südindien. Book on Demand, Norderstedt 2010, ISBN 978-3839176214 (Direktlink zur Seite 316 in der Google-Buchsuche); Info: Über den Autor ist nichts weiter bekannt.
  2. Swami Shankarananda: Consciousness is Everything : The Yoga of Kashmir Shaivism. Shaktipat Press (Eigenverlag), Mount Eliza Victoria Australien 2003, ISBN 978-0975099506, S. 102 (englisch);
    Info: Früher ein Literaturprofessor aus New York, ist Swami Shankarananda Meditationslehrer und Betreiber der Shiva School of Meditation in Mount Eliza, Australien.
  3. Rudolf Eisler: Maya. In: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Band 1, Berlin 1904, S. 646–647 (zeno.org),
    Zitat: „Maya: ursprünglich Name einer Göttin, dann die Uresche der Illusion, durch welche das All-Eine als sinnlich-materielle Vielheit wahrgenommen wird, durch den Schleier der Sinne und der Imagination (»Schleier der Maya«): brahmanische, buddhistische Philosophie, SCHOPENHAUER u. a.“