Rochus zu Lynar

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Das von Lynar 1581 geplante Zeughaus in Kassel

Rochus Quirinus Graf zu Lynar (italienisch Rocco Guerrini Conte di Linari) (* 24. Dezember 1525 in Marradi, Toskana; † 22. Dezember 1596 in Spandau) war ein italienischer Festungsbaumeister und Militär, Hauptbaumeister der Zitadelle in Spandau und der Festung Peitz.[1]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Guerrini, aus einer florentinischen Familie stammend, die im 15. Jahrhundert der Grafenwürde von Linari entsagt hatte,[2] war zehnjährig Page bei Herzog Alexander von Florenz, seit 1540 Kammerjunker bei dem Dauphin von Frankreich, dem späteren König Heinrich II.

Guerrini nahm im französischen Heer an den Belagerungen von Metz und Diedenhofen sowie an der Schlacht von Saint-Quentin teil. Als er 1552 als Oberst die Verteidigung von Metz leitete, zeigte sich seine Begabung für ingenieurtechnische Belange. Aufgrund seiner erlangten Kenntnisse in diesem Bereich wurde er 1554 zum Generalmajor und Generalkommissar über alle französischen Festungen und Kapitän über eintausend Arkebusiere. In den Jahren 1556–1560 nahm er am Feldzug gegen Spanien teil. Hier war er unter anderem an der Schlacht bei St. Quentin und der Einnahme von Diedenhofen beteiligt, bei der er im Gesicht verletzt wurde und ein Auge verlor. 1560 trat er zur protestantischen Konfession über. 1563 lag er mit seiner Garnison in der Stadt Metz und leitete hier den weiteren Ausbau der Festung.

Guerrini ging mehrere Male als Gesandter an deutsche Fürstenhöfe und siedelte nach Beginn der Hugenottenkriege ganz nach Deutschland über, wo er zuerst 1567 als Maréchal de Camp mit seinem Freund und Waffengefährten, dem Pfalzgrafen Kasimir nach Heidelberg ging und in dessen Dienste eintrat. 1568 war er Oberst und Kriegsrat in kurpfälzischen Diensten.

1569 wechselte er als Oberartilleriemeister und Befehlshaber sämtlicher Festungen in die Dienste von August I., Kurfürst von Sachsen. Ab 1571 benutzt er den Grafentitel „Linar“ (seine Nachfahren sind die bis heute blühenden Grafen und Fürsten zu Lynar).[3] In der sächsischen Residenzstadt kümmerte er sich um die Verbesserung der Dresdner Befestigungsanlagen. Er verlegte die Nordwestfront der Befestigung ins vorstädtische Gelände, wozu der Festungsgraben verlegt wurde. Weiterhin ersetzte er die drei kleinen Bastionen durch zwei größere nach neuitalienischer Manier. 1573 baute er das Dresdner Zeughaus, das spätere Albertinum, um. Lynar meisterte die ihm gestellten Aufgaben bravourös, doch das Arbeitsklima unter seiner Leitung war schlecht. Beschwerden einheimischer Bauleute und Handwerker häuften sich und führten beim Kurfürsten zu Misstrauen. Diese Querelen steigerten sich und am Ende wurde Guerrini beim Kurfürsten nicht mehr empfangen. 1574 fiel er überdies wegen seiner reformierten („kryptokalvinistischen“) Gesinnung in Ungnade. Guerrini vervollständigte auch die Festungsanlagen der kursächsischen Grenzfestung in Senftenberg.[4]

Gedenktafel am Haus Carl-Schurz-Straße 35, in Berlin-Spandau
Büste von Graf Rochus zu Lynar in Lübbenau

Mit sächsischer Zustimmung ging Graf Lynar (Schreibweise damals: Linar) 1578 in die Dienste des Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg über. Am 27. März 1578 wurde Lynar zum Geheimrat, General und obersten Artillerie-, Munitions-, Zeug- und Baumeister ernannt. Ebenso wurde er mit der Aufsicht über Artillerie, Munition und Zeughäuser in allen brandenburgischen Festungen betraut. Er erhielt dafür eine außerordentlich hohe Besoldung, unter anderem eintausend Taler, für acht Personen Hofkleidung, Futter für acht Pferde und zahlreiche Naturalien. Lynar verbesserte die Festungswerke in der Mark, legte in Spandau eine Pulvermühle an, hob das Salzwesen und führte zahlreiche Zweige der Industrie zuerst in Berlin ein.

Im Sommer 1578 übersiedelte er mit seiner Familie nach Spandau in ein vom Kurfürsten geschenktes Wohnhaus in der Innenstadt und beaufsichtigte den bereits begonnenen Ausbau der Spandauer Festung. Seine Verdienste für diese Zitadelle lagen insbesondere in der Erstellung einer Bauordnung, die die Disziplin und Effektivität auf der Baustelle erhöhen sollte. 1580 wurde er in seiner bisherigen Stellung auf Lebenszeit durch den Kurfürsten bestätigt und zum Generalmajor und Geheimen Rat ernannt. Noch im selben Jahr wurde das Schloss in Berlin unter seiner Leitung ausgebaut.

Am 10. März 1580 wies Kurfürst Johann Georg den Kammermeister Leonhardt Stöern in Küstrin und den Grafen Lynar an, sich gemeinsam nach Peitz zu begeben um die dortige Festung zu besichtigen und ein Inventarverzeichnis des Zeughauses anzufertigen, welches am 21. März 1580 fertiggestellt wurde. Lynar wurde wahrscheinlich noch im selben Jahr zum Gouverneur der Festung Peitz ernannt und hatte sich unter anderem um die Belange der dortigen Festung zu kümmern. Er gilt derzeit als erster nachweisbarer Gouverneur der Festung Peitz und als geistiger Vater der späteren Umbauarbeiten an der Festung. Lynar pendelte offensichtlich in den Folgejahren zwischen den Baustellen in Berlin, Spandau und Peitz. Am 30. Juli 1590 erhielt er vom Kurfürst Johann Georg den Befehl, die Festung Peitz auszubauen. Der Ausbau dauerte bis 1596 und kann als Meisterwerk damaliger Festungsbaukunst bezeichnet werden. Nahezu zeitgleich wurde Lynar durch den Markgrafen Georg Friedrich den Älteren von Brandenburg-Ansbach und Kulmbach zur Beratung beim Bau der Festung Wülzburg (Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen, Bayern) herangezogen. Lynar fertigte einen neuen Entwurf und ein Baumodell, nach dem die Wülzburg 1590 bis 1605 vollendet wurde. Neben der Spandauer Zitadelle ist die Festung Wülzburg der am besten erhaltene Bau Lynars.

Während der Peitzer Ausbauarbeiten wurde Lynar 1593 zum Amtshauptmann in Spandau ernannt. Lynar stiftete den Altar der St.-Nikolai-Kirche in Spandau. Drei Tage vor seinem 71. Geburtstag verstarb Rochus Quirinus Graf zu Lynar am 22. Dezember 1596 in Spandau und wurde am 4. Januar 1597 in der Gruft der Nikolaikirche bestattet.

Von ihm stammt die in der Niederlausitz in Lübbenau ansässige Adelsfamilie Lynar (gräfliche und fürstliche Linie) ab.

Büste in der Siegesallee [Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die ehemalige Berliner Siegesallee gestaltete der Bildhauer Martin Wolff eine marmorne Büste Rochus zu Lynars als Seitenfigur der Denkmalgruppe 21 zu dem zentralen Standbild für den Kurfürsten Johann Georg, enthüllt am 18. Dezember 1901. Das Standbild zeigt den Kurfürsten mit einem Plan der Zitadelle Spandau. Lynar selbst ist in Prunkrüstung und mit einem Plan und Zirkel in der rechten Hand dargestellt.[5]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lionel von DonopLynar, Rochus Guerini Graf zu. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 19, Duncker & Humblot, Leipzig 1884, S. 733 f.
  • Hans Brendicke: Graf Rochus' zu Lynar Aufenthalt am Hofe Johann Georgs von Brandenburg. Bericht über einen Vortrag von P. Wallé am 9. April 1892. Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, Jg. 1892, S. 47–48.
  • Richard Korn: Kriegsbaumeister Graf Rochus zu Linar, Dresden 1905.
  • Thomas Biller: Der "Lynarplan" und die Entstehung der Zitadelle Spandau im 16. Jahrhundert (Historische Grundrisse, Pläne und Ansichten von Spandau, Beiheft 3), Berlin 1981.
  • Thomas Biller: Rochus Guerini Graf zu Lynar. In:Ribbe, Wolfgang (Hrsg.): Baumeister, Architekten, Stadtplaner. Biographien zur baulichen Entwicklung Berlins, Berlin 1987, S. 13–34.
  • Thomas Biller: Architektur und Politik des 16. Jahrhunderts in Sachsen und Brandenburg. Rochus Guerini Graf zu Lynar (1525-1596) - Leben und Werk. In: Der Bär von Berlin. Jahrbuch des Vereins für die Geschichte Berlins 40 (1991), S. 7–38.
  • Daniel Burger: Die Landesfestungen der Hohenzollern in Franken und Brandenburg im Zeitalter der Renaissance, München 2000.
  • Rocco di Linar und die Mathematica Militaris der Dresdner Fortifikation – Städteplanung von der Bild- zur Raumordnung, in: Italiener in Elbflorenz, Intern. Symposion vom 30. Mai-1. Juni 1997, hrsg. von Barbara Marx, Amsterdam-Dresden 1999.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Carlo Denina: Rivoluzioni della Germania. Bd. IV. Florenz 1804, S. 311., mit der Angabe des Geburtsorts Marradi / Toscana.
  2. Lynar 1). In: Heinrich August Pierer, Julius Löbe (Hrsg.): Universal-Lexikon der Gegenwart und Vergangenheit. 4. Auflage. Band 10. Altenburg 1860, S. 649 (zeno.org).
  3. http://www.geschkult.fu-berlin.de/e/quellenkunde/verzeichnis/l/lynar/index.html
  4. Werner Forkert: Senftenberger Rückblicke. Interessantes aus der Senftenberger Geschichte. Buchhandlung „Glück Auf“, Senftenberg 2006.
  5. Uta Lehnert: Der Kaiser und die Siegesallee. Réclame Royale. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-496-01189-0, S. 177.
Meyers Dieser Artikel basiert auf einem gemeinfreien Text aus Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage von 1888 bis 1890.
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