Alterssimulator

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Ein Alterssimulator (auch Alterssimulationsanzug) ist ein komplexes System, das jüngeren Menschen die Möglichkeit bietet, in die Erfahrungswelt älterer Menschen einzutauchen.

Beschreibung[Bearbeiten]

Durch die mit diversen Hilfsmitteln simulierten Einschränkungen kann erforscht werden, wie sich Altersveränderungen auf die Beweglichkeit, die Wahrnehmung oder die Stimmung jüngerer Personen auswirken.

Es gibt unterschiedliche Alterssimulatoren, Zielgruppen und Einsatzgebiete. Die Methode entstand um 1974 in der Gerontologie und verbreitete sich zunächst als Instant Aging (schlagartiges Altsein) um jungen Medizinstudenten und Krankenschwestern den Alterungsprozess nahezubringen. 1994 griff die Firma Meyer-Hentschel in Saarbrücken das Thema auf, um der Industrie die Vermarktung von Produkten für Senioren zu erleichtern. Die Firma nannte ihre Kombination von Hilfsmitteln Age Explorer und ließ sich den Ausdruck als Marke schützen. 1999 wurde das Thema vom damaligen Ergonomie-Chef des Siemens-Designs, Dr. Schoeffel, übernommen und von der Simulation der Erkrankungen Älterer zur Simulation des normalen Alterungsprozesses abgewandelt, um Kosten bei Usability Tests einzusparen. Ab 2003 hat Dr. Schoeffel alle Komponenten dieser Simulatoren in seiner Firma SD&C weiterentwickelt, und der neueste Anzug der Firma (Modell 2011) ist patentrechtlich geschützt. Seit 2009 ist der Alterssimulationsanzug GERT (GERontologischer Testanzug) des Designbüros Produkt + Projekt verfügbar. Zahlreiche Fernsehauftritte haben den Alterssimulationsanzug bekannt gemacht.

Verschiedene Firmen entwickelten in den letzten Jahren eigene Alterssimulationsanzüge, die vor allem zur Sensibilisierung für das Thema eingesetzt werden. Die Teilnehmenden eines solchen Trainings /der Simulation müssen einige praktische Aufgaben lösen, wie Schuhe zubinden, Formulare ausfüllen, ein Glas Wasser holen, den Kühlschrank einstellen, die Zeitung lesen, die Rechnung in der Wirtschaft bezahlen, etwas am Schwarzen Brett oder ein kleines Türschild lesen.

Seit 2007 wird auch in den USA Ähnliches als Übung ohne Anzug unter dem Begriff Xtreme Aging (auf deutsch also etwa Superalterung) angeboten.

Bestandteile[Bearbeiten]

Ein Alterssimulator kann aus einzelnen Komponenten oder einem Overall bestehen, in den Gewichte an verschiedenen Stellen eingebaut sind, um einen Eindruck von den nachlassenden Kräften im Alter zu vermitteln. Ältere Menschen können ihre Gelenke nicht mehr so gut bewegen und dies wird mit Vorrichtungen zur Einschränkung der Beweglichkeit von Arm- und Kniegelenken simuliert.

Gehördämpfer simulieren reduziertes Hörvermögen, vor allem für höhere Frequenzen. Die altersbedingten Veränderungen des Sehvermögens Alterssichtigkeit (Presbyopie), eingeschränktes Gesichtsfeld, Trübungen der Linse (Katarakt) und verändertes Farbensehen können mit speziellen Visieren oder Brillen simuliert werden. Weitere Elemente sind Handschuhe, die den Benutzer nachlassende Fingerfertigkeit und verringerte Sensibilität erleben lassen.

Einsatzbereiche[Bearbeiten]

Kritik[Bearbeiten]

Ein Alterssimulationsanzug kann nur für das Thema „aus der Sicht älterer Menschen“ sensibilisieren, nicht aber die Einschränkung älterer Menschen korrekt abbilden. Da viele Anzüge einfach aufgebaut sind, z. B. ein Ohrenschützer für die simulierte Schwerhörigkeit, eine zerkratzte, verzogene Brille für schlechter werdendes Sehvermögen, werden Alterungsprozesse nur sehr vereinfacht abgebildet. So nimmt bei älteren Menschen die Akkommodationsfähigkeit des Auges ab. Dies bildet eine zerkratzte Brille entsprechend nicht ab. Ebenso können körperlich trainierte Menschen die Einschränkungen durch zusätzliche Gewichte kompensieren, so dass eine nachlassende Muskelkraft nicht richtig simuliert wird. Ebenso wird bei einem Alterssimulator oft vergessen, dass die mentale Ebene bei alten Menschen ganz entscheidend ist.

Literatur[Bearbeiten]

  • Schoeffel, R.: Human-friendly everyday products. ISO Focus, Vol. 4, No. 9, Sept. 2007, S. 13 ff.
  • Blum, Wolfgang: Ein Simulator hilft Technikern, die Probleme alter Menschen zu verstehen. In der ZEIT Nr. 32 / 1998 vom 30. Juli 1998 (S. 26)
  • Heinrich, R. (1992): Instant Aging, In: Geriatrie Praxis, 6/92, S. 36
  • Herwig, Oliver: Universal Design, Birkhäuser Verlag, Basel 2007, S. 49 ff.
  • Trommsdorff F., Heinrich R. (1992): Die seniorengerechte Praxis. Tips für die Praxis. Ratschläge für einen "gesunden" Umgang mit älteren Patienten. Aspekte ärztlicher Betreuung, Instant Aging, Versorgungskette… Alsdorf, ISBN 3-924089-04-3

Film[Bearbeiten]