Carving

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel erläutert die Skitechnik. Für die Datenwiederherstellungsmethode siehe Carving (Datenrettung).
Skifahrer beim Carven, Carving-Spuren im Schnee
Carvingspur mit sichtbarem Kantenwechsel beim Schwungansatz
Carving-Entwicklung, Unterschied Driften/Carven
unterschiedliche Techniken
Carving Bojen Parcours

Carving (von englisch to carve – schnitzen), ist eine Weiterentwicklung des „geschnittenen Schwungs“ beim Skifahren, bei dem die Schwünge vollständig auf den Stahlkanten gefahren werden, statt durch die Kurve zu driften. Da die Ski selbst bei Kurzschwüngen nicht mehr schräg zur Fahrtrichtung gestellt werden wie beim Driften, entfällt die Bremswirkung beim Kurvenfahren. Moderne Carving-Ski ermöglichen diese neue Fahrtechnik durch eine stärkere Taillierung, daran angepasste Parameter des Skiaufbaus (weicher Flex bei gleichzeitig hoher Torsionssteifigkeit) und eine entsprechende Gesamtgeometrie. Beim Carving zeichnet der Ski mit den Kanten deutliche Spuren in den Schnee. Vom „Einschnitzen“ dieser Spuren leitet sich auch der Name der Technik ab.

Entwicklung[Bearbeiten]

Auf der Grundlage der in den 1980er Jahren weiterentwickelten Skier, die damals Border, Barder, Curver bzw. Carver genannt wurden, hoben die Benutzer als eigenständige Disziplin das Carving aus der Taufe. Dabei schneidet der Sportler, extrem auf den Skikanten fahrend, den Abfahrtshang entlang und vollzieht engste Kurvenfahrten. Zunächst wurde die neue Technik vorerst eher für den Freizeitsport genutzt, wo nicht zuletzt auch der Snowboardsport die Carving-Technik durch ein unterschiedliches Bewegungsbild attraktiv machte. Erst nachdem sich Carving als neuer Trend für die Allgemeinheit durchgesetzt hatte, benutzten auch Rennläufer zunehmend stärker taillierte und kürzere Ski. Als erster Rennläufer, der eine bahnbrechende Carving-Technik beherrschte, gilt Bode Miller. Das Carving fand in der Wintersaison 1999/2000 den Weg in den Leistungssport und zwar mit einem gesonderten FIS Carving-Cup, an dem sich 30 Rennläufer beteiligten. Bereits im Jahr 2001 wurde ein Weltmeister im Extrem-Carving vorgestellt.

Als besonderes Unterscheidungsmerkmal zum gewöhnlichen alpinen Skifahren wird beim Carving ohne Skistöcke und ohne Rennanzug gefahren. Kurvenfahrten erfolgen nicht durch Oberkörperdrehungen, sondern durch Kippen der Knie, eine gleichmäßige Hocke mit breit auseinander stehenden Skiern ist die beste Haltung.

Nur lizenzierte Sportler mit gültiger Athletenerklärung, die in der nationalen Carvingliste erscheinen, sind bei internationalen Wettkämpfen startberechtigt. Gestartet wird aus einer Box oder zumindest aus einer abgegrenzten Startzone. Eine Jury am Veranstaltungsort, bestehend aus Renndirektor, einem Pistenverantwortlichen und dem Technischen Delegierten der FIS, überwacht das regelgerechte Verhalten.

Carving-Technik[Bearbeiten]

Äußerliche Kennzeichen beim Carving sind eine mindestens schulterbreite Skiführung und starkes Aufkanten (Schrägstellen) der Ski. Dabei wird ständiger Bodenkontakt beider Ski und eine annähernd gleiche Belastung von Innen- und Außenski angestrebt, eine aktive (Hoch-)Entlastung zum Kantenwechsel erfolgt nicht. Das Umkanten erfolgt bereits zu Beginn des Schwungs und stellt mit der damit einhergehenden Richtungsänderung (aufgrund der Taillierung der Ski) und dem folgenden Druckaufbau die eigentliche Schwungauslösung dar.

Es werden zwei grundsätzliche Techniken unterschieden, die je nach Situation angewendet werden:

Inklination oder „Fahren über Lage“[Bearbeiten]

Die Kurve wird über den Innenski eingeleitet, der ganze Körper neigt sich, gehalten durch die Zentrifugalkraft, während des Kurvenverlaufs immer näher zum Hang: „Lean“. Dadurch werden die Ski aufgekantet. Der Kurvenwechsel erfolgt am Schwungende durch Aufrichten und anschließendes Kippen des Oberkörpers in Richtung der nächsten Kurveninnenseite, gleichzeitig erfolgt der Kantenwechsel – eine Fahrweise, die dem Snowboardstil sehr ähnlich sieht. Dabei entstehen je nach Geschwindigkeit und Radius hohe Kräfte.[1] Dabei kann der Belastungswechsel durch Anheben des Innenski, also durch Umsteigen, eingeleitet oder beschleunigt werden.[2] Diese Fahrtechnik eignet sich für mittlere und lange Schwünge, insbesondere auf flach präparierten Pisten mit griffigem Schnee und mittlerer bis steiler Hangneigung. Ein Stockeinsatz ist überflüssig und sogar störend für den Bewegungsablauf; es kann auch ohne Skistöcke gefahren werden. Eine Helmpflicht besteht nicht.

In den letzten Jahren ist eine generelle Verbreiterung der Ski zu beobachten, Erhöhungsplatten sind nicht mehr im extremen Ausmaß nötig.

Angulation oder „Fahren mit Hüftknick“[Bearbeiten]

Die Kurve wird über den Außenski eingeleitet, die Knie werden zum Aufkanten zur Innenseite des Hangs gedrückt; um den Körperschwerpunkt stabil zu halten, wird der Oberkörper hangauswärts geneigt: „Hüftknick“. Der Kurvenwechsel erfolgt insbesondere bei Kurzschwüngen unter Ausnutzung des Rebounds (Entlastung durch Rückstellkraft der durchgebogenen Ski) am Ende der Kurve und neuerliches Aufkanten durch Drücken der Knie zur Hang-Innenseite, die Beine pendeln unter dem ruhig gehaltenen Oberkörper durch.[3] Die Stöcke können eingesetzt werden, der Rhythmus wird jedoch wesentlich durch den Steuerdruck auf die Ski bestimmt. Durch dieses Pendeln der Beine unter dem Oberkörper ähnelt Kurzschwung-Carven vom Bewegungsablauf traditionellen Fahrstilen wie dem Wedeln, ist skitechnisch aber vollkommen anders.

Carving Cup[Bearbeiten]

Sowohl der Ablauf als auch das Reglement sind völlig unterschiedlich zu den Alpinskirennen. Es geht dabei nicht um Zeit, sondern um gesammelte Punkte innerhalb eines Zeitlimits. Gefahren wird statt um Stangen um im Schnee verankerte Bojen, von denen 8 bis 16 Stück insgesamt über den Hang verteilt sind. Die Bojen können in einem Abstand von 1,5 bis 5 m voneinander stehen. Für das Erreichen der jeweiligen Bojen gibt es Punkte, die am weitesten außen Aufgestellte besitzt den höchsten Schwierigkeitsgrad (5 Punkte); den Wert kann der Sportler an der Farbe erkennen: Rot = 5, Blau = 4, Gelb = 3. Außerdem soll die Wettkampfstrecke einen flachen Sprung (nicht höher als 1 m) ermöglichen und kann ein vom Kurssetzer dem Wetter, den Schneeverhältnissen und dem Können der Teilnehmer angepasstes Hindernis enthalten, z.B. kleine Schanze, Steilwandkurve, Wellenbahnen. Die Ermittlung des Siegers erfolgt im K.-o.-System. Weil die anfangs betriebene Wettfahrt von Sportlern nacheinander für die Zuschauer völlig unattraktiv war (der Gewinner ist nicht sofort erkennbar), wurde das Reglement im Jahr 2001 so geändert, dass ein Carve Duell gefahren wird: zwei Carver fahren auf zwei Pisten direkt gegeneinander, der Bessere kommt jeweils eine Runde weiter. So müssen die Topläufer bis zu etwa fünfmal nacheinander starten. Im Finale kann die Piste noch mit jeweils einer 1 m hohen Schneeschanze ausgestattet werden. Gegen die Zuschauer und in der Nähe von Bäumen, Felsen usw. müssen Matten und Einfriedungen angebracht werden.

Der Modus des Carving Cups belohnt eine spektakulär gecarvte Linienwahl. Schon kurze Zeit, nachdem sich der Carving Cup international etablierte, kam es zu einer Übernahme durch den internationalen Skiverband FIS, der den Carving Cup jedoch kaum fördert. Rennen werden vorwiegend in der Schweiz und Italien ausgetragen. Die Teilnehmer gehören häufig kleinen Firmenteams an und können als reine Amateure betrachtet werden.

Kritik[Bearbeiten]

Wie bei vielen neuen Trends gab es auch bezüglich Carving sehr unterschiedliche Meinungen zu Anwendungsmöglichkeiten und Sicherheit.

Verletzungsgefahr[Bearbeiten]

Vielfach wurde angenommen, dass die Verletzungshäufigkeit durch Carving-Ski und Carving erhöht sei. Diese Theorien sind mittlerweile durch zahlreiche Studien widerlegt, nach denen die Zahl der Skiunfälle in den vergangenen Jahren rückläufig ist.[4] Auch Sportmediziner, Sicherheits- und Skiexperten halten die weit verbreitete Meinung, Carving-Ski würden eine Gefahr für die Sicherheit auf der Piste darstellen, für falsch.

Erhöhte Sturzgefahr durch Verschneiden[Bearbeiten]

Die Meinung, dass beim Carving eine erhöhte Sturzgefahr durch Verschneiden auf der Kante gegeben sei, stammt noch aus den Anfängen der Carving-Ski-Entwicklung, in der sich teilweise sehr aggressive Ski auf dem Markt befanden. Diese Ski waren in ihrem Aufbau nur schlecht auf die neue Geometrie abgestimmt – häufigster Fehler war zu hohe Torsionssteifigkeit – und wurden mit sehr hohen Erhöhungsplatten angeboten, die das Feedback vom Ski an den Fahrer oft sehr undeutlich machte. Sowohl extrem herausfordernde Ski, als auch überdimensionierte Erhöhungsplatten wurden aus dem Angebot entfernt, da sie sich nicht als zweckmäßig erwiesen haben. Auch ein angepasstes modernes Kantentuning, bei dem belagseitig die Kanten abgehängt werden, um den Ski weniger aggressiv zu machen, gehört mittlerweile zum Standard jedes Skiservice-Fachbetriebs.

Einige Werte der Carving-Skier[Bearbeiten]

Die Carving-Skier werden nach dem Einsatzzweck unterschieden: Fun-Carver, die das Fahren von Bögen mit einem Radius unter 10 Metern erlauben, freeride-Carver für Bögen bis 24 Meter und Race-Carver für Bögen bis 45 Meter. Die folgende Tabelle gibt einen kleinen Überblick zu den Festlegungen (Stand 2010).

Parameter Maße/Konkretes Bemerkungen
Länge [cm] min 150/ max 200
Breite an der Spitze [cm]
in der Mitte (Taille) [cm]
am Ende [cm]
9,0–12,0; abgerundet
6,0–8,0
um 10,0
Fürs Tiefschneefahren alles noch etwas breiter: um 12,0/8,5/11,0
Taillierungsradius [m] Slalom 11–16
Abfahrt 20–25
Titankanten
Herstellungstechnik/ Material energy rail/ energy frame/
K2 MOD Sandwich-Bauweise
Namen von den Herstellern patentiert

Die Bindungen sind (ebenfalls) Hightech-Entwicklungen für stärkste Beanspruchung bei größtmöglicher Sicherheit für den Sportler. Für die sicheren Kurvenfahrten war anfangs eine Standerhöhung der Schuhe notwendig, die jedoch nicht mehr als 100 mm ab Schneeoberkante bis Schuhsohle betragen durfte. Dazu wurden Carving-Platten auf die Skier montiert, die die Flexibilität des Skimaterials mitmachen müssen.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. WDR Quarks: Skibelastungstest, Sendung vom 3. Januar 2006 (Memento vom 12. Februar 2013 im Webarchiv Archive.today) (archiviert vom Original am 12. Februar 2013).
  2. Ted Ligety: Ted Ligety Soelden training slow motion, Youtube-Video vom 22. Oktober 2012, abgerufen am 30. April 2014.
  3. www.carving-ski.de: Carving-Technik
  4. Bericht der Ärzte Zeitung