Das fliegende Schiff

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Das fliegende Schiff ist ein russisches Volksmärchen.

Verbreitung[Bearbeiten]

Das Märchen ist in Russland daheim, dürfte aber auch im übrigen Europa relativ weit verbreitet sein, da es in der Anthologie "Russische Volksmärchen" enthalten ist, welche in Touristenzentren in mehreren Sprachen zum Kauf angeboten wird.

Quelle: Russische Volksmärchen. Palech-Malerei. Mit illustrationen von Aleksej Orleanskij. St. Petersburg: Kunstverlag P 2, 2000. Mit einem Vorwort von Abram Raskin.

Inhalt[Bearbeiten]

Ein Bauernpaar hat drei Söhne, wobei die Mutter die beiden älteren und klügeren bevorzugt. Der dritte Sohn wird als "der dumme Iwanuschka" benachteiligt. Als der Zar kundtut, er gebe dem seine Tochter Katharina zur Frau, der ihm ein fliegendes Schiff bringt, versuchen erst die älteren Brüder ihr Glück, scheitern aber an einem "armen alten Mann", den sie verspotten, statt ihm Brot zu geben. Sie kehren heim und liegen weiter auf der Bärenhaut.

Iwanuschka macht sich auf den Weg, teilt seinen Proviant gutherzig und selbstlos mit dem alten Bettler. Dieser verrät ihm, wie es an das fliegende Schiff kommt und empfiehlt ihm, jeden im Schiff mitzunehmen, den er auf dem Weg zum Zarenhof trifft. Iwanuschka tut, wie ihm geheißen. Er schlägt mit der Axt gegen den ersten Baum im Wald und legt sich hin. Er schläft ein. Am Morgen steht das Fliegende Schiff neben ihm. Unterwegs nimmt er acht Männer mit: 1. einen, der extrem gut hört, 2. einen, der auf einem Bein hüpft, während das andere gefesselt ist, weil er sonst mit einem Schritt die Welt durchmisst, 3. einen Schützen, der auf 1000 Werst eine Fliege trifft, 4. den "Vielfraß", 5. den "Durstschlauch", 6. einen Mann mit Zauberstroh: wer es bei Hitze auslegt, erzeugt Kälte und Schnee, 7. einen Mann mit Brennholz: wer es zu Boden wirft, erschafft ein großes Heer, 8. einen "Kraftmenschen".

Als der Zar das Fliegende Schiff kommen sieht, erkundigt er sich nach den Insassen. Die Besatzung von Bauern missfällt ihm. So wird er wortbrüchig und stellt Iwanuschka mehrere Aufgaben: viel essen; viel trinken; einen Becher Lebenswasser für die Zarewna holen. Als Iwanuschka alle Aufgaben mithilfe der Gefährten lösen kann, unternimmt der Zar erst einen Mordversuch in der Sauna, den der Protagonist dank des Zauberstrohs überlebt. Dann bietet der Zar so viel Gold, wie Iwanuschka wegtragen kann, wenn er die Zarewna aufgibt. Iwanuschka stimmt dem Handel zu, denn: "Die Zarentochter gefiel ihm nämlich nicht." Der Kraftmensch trägt nun das gesamte Zarengold aufs fliegende Schiff. Der erzürnte Zar lässt sein Heer angreifen, das vom Brennholz-Mann besiegt wird.

Die neun Freunde fliegen mit dem Schiff zur Insel Bujan im blauen Ozean, wo sie glücklich zusammen leben.

Interpretation[Bearbeiten]

Das "fliegende Schiff", das dem Märchen den Titel gibt, findet sich bereits im altägyptischen Mythos von der Barke der Sonne, die tags über den Himmel schippert und nachts durch die Unterwelt zurückkehrt. Das Märchen stellt eine Variante auf die Geschichten dar, die sich um den Menschheitstraum vom Fliegen bewegen, wie Daedalos und Ikarus, den Mythos vom goldenen Vlies (ein fliegender Widder, den Zeus schickt, rettet zwei Königskinder vor der Ermordung durch die böse Stiefmutter) und der Argonautenfahrt, die Jason mit 50 Gefährten unternimmt, wobei er das Goldene Vlies und Medea gewinnt. In der Geschichte tauchen Entwürfe von Flugschiffen etwa bei Francesco Lama (1670) und Leonardo da Vinci (gest. 1519) auf. Die Montgolfiere von 1783 ist dann das erste flugtaugliche Vehikel und napoleonische Truppen setzten anfang des 19. Jh. bereits Flugballons für Erkundungsaufgaben ein. Der Wunsch des Zaren, ein fliegendes Schiff zu besitzen, richtet sich in einer Dimension auf Machtzuwachs, u.a. auch im militärischen Bereich.

Das "Fliegen" als Bewegung im Element Luft verweist aber auch auf eine spirituelle Dimension des Wunsches des Zaren, der in einer subjektalen Interpretation die darbende Instanz des Ideal-Ichs symbolisiert, ein häufiger Archetyp.

Das Märchen vom Fliegenden Schiff bzw. dem dummen Iwanuschka folgt im Prinzip dem Schema der Heldenreise, bei der es über mehrere Stationen hinweg zu einer seelischen Transformation des Protagonisten kommt. Es stellt somit eine Parallele dar zu Die sechs Diener, einem von Grimms Märchen.

  • Daheim herrscht eine doppelte Not- und Mangelsituation: Iwanuschka als jüngster Sohn, der den Typ Dümmling repräsentiert, wird von der Mutter benachteiligt, weil er dumm ist. So sehnt er sich nach dem Gegenteil: geistige Vollwertigkeit und Liebe. Er bricht auf.
  • Auf dem Weg kommt es zu mehreren Stationen. Die älteren Brüder, die man auch subjektal als egoistische Kinder-Egos des Protagonisten deuten könnte (0 bis 14 Jahre), weigern sich, dem Bettler zu helfen. Dieser "arme alte Mann" entspricht dem Typ des Tricksters und großen Zauberers (Gandalf, Merlin). Bei ihm spiegelt sich die Notsituation Iwanuschkas (seine Mutter gibt ihm nur Brotrinden statt Piroggen wie den Brüdern; der Alte hat nichts zu essen; Iwanuschka ist dumm; der Verstand = der arme Alte ist hungrig). Als Iwanuschka dem Alten zu essen gibt (den Geist nährt, denn: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein ..."), handelt er selbstlos und sein karger Proviant verwandelt sich in ein Festmahl. Hier wird bereits eine psychische Transformation symbolisch realisiert: vom dummen Kind zum weiter entwickelten Jüngling (Lebensalter 14 bis 21 Jahre, Pubertät). Weil Iwanuschka Herzensgüte zeigt, erhält er das Fliegende Schiff (geistiges und spirituelles Potential).
  • Die nächste Station auf dem Weg besteht im Aufnehmen der acht Männer ins Schiff: der Protagonist sammelt Kräfte, er erweitert sein Handlungspotential. Im Unterschied zu Grimms Märchen Die sechs Diener verkörpern diese Männer relativ schlichte Rollenvorstellungen, wenn nicht Männerklischees (viel essen können, viel saufen können, stark sein, ein ganzer Kerl sein im dörflichen Kollektiv).
  • Am Ziel des Weges befindet sich das fremde Reich, das Gefahren und Chancen bietet. Der Protagonist begegnet den Archetypen des Herrschers und der Anima, die hier eine relativ untergeordnete Rolle spielt. Dass sie verschmäht wird, ist für ein Märchen ungewöhnlich und erklärt sich entweder daraus, dass der Held Iwanuschka eben noch in den frühen Jünglingsjahren steckt und kein wirkliches Interesse an einer Verbindung mit einer Frau hat. Eine andere Erklärung wäre, dass das Märchen in einer Variante aus der sozialistischen Zeit angeboten wird, die bewusst den Zaren als mordgierigen, wortbrüchigen Machthaber zeigt, der die Bauern verachtet, so dass der klassenbewusste Bauer natürlich die Zarentochter ausschlagen muss.
  • Der Erwerb von Gold symbolisiert nochmals, dass Iwanuschkas Gutherzigkeit auf eine höhere geistige und spirituelle Stufe gehoben wird. Wenn er sich auf einer Insel mit seinen Freunden ein gutes Leben gönnt, so sind die Mängel, die am Anfang herrschten deutlich behoben, er kann als "Herrscher im eigenen Reich" eine gewisse Autonomie beanspruchen. Hier droht jedoch auch die Gefahr, auf der Insel (Isola) in Isolation zu geraten, sprich als "ewiger Junggeselle" nie die Frau des Lebens zu erlangen bzw. die Anima zu zähmen, die weibliche Seite zu integrieren. Der Illustrator Aleksej Orleanskij bebildert das Märchen denn auch mit einem Gemälde, das Iwanuschka und die Zarentochter gemeinsam im Fliegenden Schiff zeigt, auf dem klassischen Weg zum Märchen-Happy-End im siebenten Himmel.