Dvalin (Zwerg)

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Freyja in the dwarfs' cave. Illustration von Louis Huard, 1891

Dvalin, auch Dvalinn oder Dwalin(n), ist ein Zwerg der nordischen Mythologie, dessen Name zu den in der Edda am häufigsten genannten Zwergennamen gehört. Er ist einer der vier Schmiede, die das Brísingamen, das Halsband der Göttin Freyja, schufen.

Quellen[Bearbeiten]

Dvalin wird in der Völuspá im Dvergatal zwei Mal erwähnt. Einmal als Erdzwerg,[1] und zum anderen als Anführer einer eigenen Zwergenschar, die von den Steinen in der Erdtiefe zur Oberfläche strebte.

„Mál er, dverga í Dvalins liði
lióna kindom til Lofars telia,
þeir er sótto frá salar steini
Aurvanga siǫt til Iorovalla.“[2]

„Zeit ist’s die Zwerge aus Dwalinns Schar
den Menschen bis Lofarr aufzuzählen,
die gingen von den Steinen des Grunds
nach Aurwangars Sitz, nach Jöruwellir.“[3]

Völuspá 14

Die Prosa-Edda führt in ihrer Fassung des Dvergatals Dvalin nur als einen der Zwerge auf, die in der Erde wohnen. Sie erwähnt weder Dvalin noch einen anderen Zwerg als Zwergenführer.[4]

Nach dem Lied Havamál brachte Dvalin den Zwergen die Runenkunde bei.

„Rúnar munt þú finna oc ráðna stafi,
[…]
oc gorðo ginregin
oc reist hroptr rǫgna,

Óðinn með ásom,
enn fyr álfom Dáinn,
Dvalinn dvergom fyrir,
Ásviðr iotnom fyrir,
ec reist siálfr sumar.“[5]

„Runen wirst du finden und deutbare Stäbe,
[…]
und die hohen Ratenden schufen
und der Hropt[6] den Ratenden[7] ritzte.

Odin bei den Asen,
aber bei den Alben Dainn,
Dwalinn bei den Zwergen,
Alswid bei den Riesen,
ich selbst ritzte einige.“[3]

Havamál 142 f.

Dvalin wird auch als Vater einiger Nornen genannt, wie das Lied Fáfnismál ausdrückt.

„Sundrbornar mioc segi ec at nornir sé,
eigoð þær ætt saman;
sumar ero áskungar,
sumar álfkungar,
sumar dotr Dvalins.“[8]

„Ganz verschiedener Herkunft, sag ich, sind die Nornen,
sie haben nicht dasselbe Geschlecht;
manche stammen von den Asen,
manche von Alben,
manche sind Töchter Dwalinns.“[3]

Fáfnismál 13

Die bekannteste erhaltene Mythe über Dvalin wird im Sörla Þàttur geschildert, einer kurzen Erzählung, die zum Manuskript des Flateyjarbók gehört, das Ende des 14. Jahrhunderts niedergeschrieben wurde.

„Þat var einn dag, er Freyju varð gengit til steinsins, hann var þá opinn. Dvergarnir váru at smíða eitt gullmen. Þat var þá mjök fullgert. Freyju leist vel á menit. Dvergunum leist ok vel á Freyju. Hún falaði menit at dvergunum, bauð í móti gull ok silfr ok aðra góða gripi. Þeir kváðust ekki féþurfi, sagðist hverr vilja sjálfr sinn part selja í meninu ok ekki annat fyrir vilja hafa en hún lægi sína nótt hjá hverjum þeira. Ok hvárt sem hún lét at þessu komast betr eða verr, þa keyptu þau þessu. Ok at liðnum fjórum náttum ok enduðum öllum skildaga, afhenda þeir Freyju menit. Fór hún heim í skemmu sína ok lét kyrrt yfir sér, sem ekki hefði í orðit.“[9]

Sörla Þàttur 1, Absatz 3

Danach beobachtete die Göttin Freyja die vier Zwerge Álfrigg, Dvalin, Berlingr und Grérr in einem Felsen dabei, wie sie ein goldenes Halsband schmiedeten. Freyja bot den Zwergen Gold und Silber für den Schmuck an, doch diese waren daran nicht interessiert. Sie erklärten, dass ein jeder seinen Anteil am Halsband an Freyja übertrage, wenn sie mit ihm eine Nacht das Lager teilen würde. Freyja erklärte sich dazu bereit und erwarb auf diese Weise den kostbaren Halsschmuck.

Darüber hinaus wird Dvalins Name auch in Kenningar benutzt. Das Lied Alvíssmál nennt die Sonne Dvalins leica ‚Dvalins Mitspielerin‘,[10] ebenso das Lied Forspjallsljóð (Hrafnagaldr Óðins), das sie als leik Dvalins bezeichnet.[11] Der Skaldenmet hieß zuweilen in der Skaldendichtung auch Dvalins full ‚Dvalins Getränk‘.

Rezeption[Bearbeiten]

Auch wenn es namentlich nicht genannt wird, so geht man doch davon aus, dass es sich bei dem Halsband um Brísingamen handelt. Die Bezeichnung ‚Dvalins Mitspielerin‘ für die Sonne, bezieht sich wohl darauf, dass nach nordischem Glauben das Sonnenlicht für die Zwerge tödlich war, man vergleiche das Ende des Zwerges Alwiss im Lied Alvíssmál.[12] Die Kenning ‚Dvalins Getränk‘ spielt wohl darauf an, dass das Artefakt einst den Zwergen gehörte.[13] Man kann auch davon ausgehen, dass Dvalin nicht als Vater einiger Nornen galt. Aus dem Textzusammenhang ergibt sich, dass sein Name stellvertretend für das Zwergenvolk stand.[14]

Aus dem häufigen Gebrauch von Dvalins Namen und der Art und Weise, wie er verwendet wurde, lässt sich erschließen, dass er, im Gegensatz zu den meisten anderen Zwergen, zu den gebräuchlichen Gestalten der nordischen Mythologie gehörte.

Ob ein Zusammenhang zum gleichnamigen Hirsch am Weltenbaum Yggdrasil besteht, ist jedoch nicht bekannt.

Der Name Dvalins, altnordisch Dvalinn, bedeutet entweder ‚der Langsame‘ oder ‚der Schlafende‘.[15] In der älteren Forschung ging man noch davon aus, dass der Name sich auf einen langen (Winter)schlaf bezieht.[16]

Wirkungsgeschichte[Bearbeiten]

Der britische Autor J. R. R. Tolkien verwendete den Namen Dwalin für einen Zwerg in seinem Roman Der Hobbit (1937).

Literatur[Bearbeiten]

  • John Lindow: Handbook of Norse Mythology. USA 2001, ISBN 1-57607-217-7.
  • Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. 3. Auflage. Kröner Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lieder-Edda: Völuspá 11 in Verbindung mit Völuspá 10
  2. Lieder-Edda: Völuspá 14. Textausgabe nach Titus Projekt, (online), aufgerufen am 19. November 2009.
  3. a b c Übersetzung nach Arnulf Krause: Die Götter- und Heldenlieder der Älteren Edda. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 3-15-050047-8.
  4. Prosa-Edda: Gylfaginning 14
  5. Lieder-Edda: Havamál 142 f. Textausgabe nach Titus Projekt, (online), aufgerufen am 19. November 2009.
  6. Ein Beiname Odins, siehe Liste der Beinamen Odins
  7. Die Ratenden, das sind die Götter.
  8. Lieder-Edda: Fáfnismál 13. Textausgabe nach Titus Projekt, (online), aufgerufen am 19. November 2009.
  9. Sörla Þàttur 1, Absatz 3. Textausgabe nach CyberSamurai, (online), aufgerufen am 19. November 2009.
  10. Lieder-Edda: Alvíssmál 17.
  11. Forspjallsljóð (Hrafnagaldr Óðins) 24
  12. Lieder-Edda: Alvíssmál 35
  13. John Lindow (2001) S. 99.
  14. Vergleiche John Lindow (2001) S. 99.
  15. Rudolf Simek: Mittelerde: Tolkien und die germanische Mythologie. Verlag C. H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52837-6, S. 62; Jan de Vries: Altnordisches Etymologisches Worterbuch. 2. Auflage. Brill Archive, 1962, S. 88 stellte Dvalin zu norwegisch dvalen ‚faul, schläfrig‘. Zustimmend Edgar C. Polomé: Notes on the dwarfs in Germanic tradition. In: Einar Ingvald Haugen, Einar Haugen, Stig Eliasson, Ernst Håkon Jahr: Language and Its Ecology: Essays in Memory of Einar Haugen. Verlag Walter de Gruyter, 1997, ISBN 3-11-014688-6, S. 443. Für ‚der Langsame‘: Andy Orchard: Dictionary of Norse Myth and Legend. London 1998, ISBN 0-304-35134-2, S. 190: "dawdler" und auch Lindow (2001), S. 99 : "delayed".
  16. Edgar C. Polomé: Notes on the dwarfs in Germanic tradition. In: Einar Ingvald Haugen, Einar Haugen, Stig Eliasson, Ernst Håkon Jahr: Language and Its Ecology: Essays in Memory of Einar Haugen. Verlag Walter de Gruyter, 1997, ISBN 3-11-014688-6, S. 443.