Giffen-Paradoxon

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Verlauf der Giffen-Nachfragekurve

Das Giffen-Paradoxon (auch Giffen-Fall genannt) bezeichnet ein Phänomen, wonach im Gegensatz zur klassischen Annahme auch die Möglichkeit besteht, dass die Nachfrage nach einem Gut ansteigt, wenn sich dessen Preis erhöht. Üblicherweise wird dem gegenüber angenommen, dass die Nachfrage im Preis sinkt (Gesetz der Nachfrage).

Ursprung und frühe Rezeptionsgeschichte[Bearbeiten]

Alfred Marshall verweist seit der dritten Auflage in seinen Principles of Economics auf die Beobachtung des schottischen Statistikers Robert Giffen (1837–1910), wonach Haushalte, die am Existenzminimum leben, auf eine Erhöhung des Brotpreises mit einer steigenden Nachfrage nach Brot reagierten[1]:

“There are however some exceptions. For instance, as Mr Giffen has pointed out, a rise in the price of bread makes so large a drain on the resources of the poorer labouring families and raises so much the marginal utility of money to them, that they are forced to curtail their consumption of meat and the more expensive farinaceous foods: and, bread being still the cheapest food which they can get and will take, they consume more, and not less of it. But such cases are rare; when they are met with they must be treated separately.”

„Es gibt jedoch einige Ausnahmen. Wie Herr Giffen angemerkt hat, stellt beispielsweise eine Erhöhung des Brotpreises für arme Arbeiterfamilien eine so starke finanzielle Belastung dar und erhöht eine solche ihren Grenznutzen des Geldes so dramatisch, dass sie gezwungen sind, ihren Konsum von Fleisch und teureren Mehlspeisen einzuschränken; ihren Konsum von Brot aber, dem billigsten Nahrungsmittel, erhöhen sie anstatt ihn zu verringern. Solche Fälle sind allerdings selten; trifft man auf sie, muss jeder individuell behandelt werden.“

Alfred Marshall: Principles of Economics. An introductory volume.[2]

In der Literatur ist indessen mehrfach angemerkt worden, dass die Zuschreibung dieser Beobachtung zu Robert Giffen problematisch erscheint. So bemerkt beispielsweise George J. Stigler (1947), dass sich in Giffens Werk kein entsprechender Hinweis finden lasse.[3] Einen späteren Textstellen-Vorschlag von Allan R. Prest[4], für den hier auf eine Fußnote verwiesen wird[5], wies Stigler zurück.[6] Einigkeit herrscht jedenfalls darüber, dass Giffen – auch wenn er darauf hingewiesen haben sollte – nicht der erste war, der das Phänomen beobachtete. Bereits 1815 lässt sich in den Aufzeichnungen von Simon Gray, einem Beschäftigten im britischen War Office, unter der Überschrift “A rise in the price of bread corn, beyond a certain pitch, tends to increase the consumption of it” („Eine Erhöhung des Preises von Getreide für die Brotherstellung erhöht ab einem gewissen Niveau oft den Konsum“) eine ausführliche Beschreibung finden.[7] Er folgert:

“By raising the price of bread corn, thus, far from making the people live less on that necessary, as so many, who have not thoroughly considered the matter, imagine, we force them to live more on it; and beyond a certain price, almost entirely. However, paradoxical, therefore, it may be in seeming, it is a plain substantial fact, that the higher price of corn and potatoes, the greater is the consumption […]“”

„Aus diesem Grund führt eine Erhöhung des Preises von Getreide für die Brotherstellung ganz und gar entgegen der Annahme so vieler, die sich nicht eingehend mit der Frage beschäftigt haben, nicht dazu, dass die Leute in geringerem Maße von diesem Grundnahrungsmittel leben, sondern hat vielmehr zur Folge, dass wir sie dazu nötigen, in größerem Maße davon zu leben; und oberhalb eines gewissen Preises sogar fast vollständig. So paradox es erscheinen mag, ist es infolgedessen eine einfache Tatsache, dass der Konsum von Getreide und Kartoffeln umso größer ist, je höher ihr Preis ist […]“

Simon Gray: The happiness of states, or, An inquiry concerning population, the modes of subsisting and employing it, and the effects of all on human happiness.[8]

Empirische Literatur[Bearbeiten]

Francis Edgeworth äußerte sich 1909 im Zuge einer Buchbesprechung skeptisch zu der von Marshall eingebrachten Möglichkeit; bezugnehmend auf das diskutierte Werk, in dem unter anderem postuliert wurde, ein höherer Weizenpreis könne die Nachfrage auch erhöhen, bemerkte Edgeworth in Anspielung auf Alfred Marshall, auch „in dem Bewusstsein, dass die Aussage [wonach die Elastizität der Nachfrage nach Weizen positiv sein könne, Hervorhebung im Original], eine hohe Autorität als Fürsprecher“ habe, erschiene ihm derart gegensätzlich zum A-priori-Wahrscheinlichen, dass sie „sehr starker“ Evidenz bedürfe.[9]

Theoretische Einordnung[Bearbeiten]

Güter, bei denen das Giffen-Paradoxon auftritt, werden als Giffen-Güter bezeichnet. Ökonomisch handelt es sich bei ihnen um inferiore Güter, die eine positive Preiselastizität besitzen (dies folgt aus der Slutsky-Gleichung). Daher ist auch zu beachten, dass nicht alle inferioren Güter Giffen-Güter sind (wie das untenstehende Beispiel 3 zeigt). Zerlegt man die Nachfrageänderung infolge einer Preisänderung in Einkommens- und Substitutionseffekt, so dominiert bei Giffen-Gütern der Einkommenseffekt über den Substitutionseffekt.

Beispiele[Bearbeiten]

  • Beispiel 1: Jemand hat 3 Euro am Tag zur Verfügung. Er kauft jeden Tag 1 Laib Brot für 1 Euro und 1 Stück Fleisch für 2 Euro. Jetzt steigt der Brotpreis auf 1,50 Euro. Da er nach einem Laib Brot nicht mehr genug Geld für Fleisch übrig hat, kauft er stattdessen einen weiteren Laib Brot.

Die steigende Nachfrage muss allerdings in der Praxis an dem Punkt enden, wo Haushalte keine weiteren finanziellen Mittel aufbringen und also kein weiteres Brot konsumieren können.

  • Beispiel 2: Der Brotpreis steigt weiter auf 2 Euro. Derjenige, der nur 3 Euro am Tag zur Verfügung hat, kann sich nunmehr nur noch 1,5 Laibe Brot pro Tag leisten.

Würde dies nicht gelten, stiegen die Preise außerdem ins Unermessliche, da sich dann mit Preiserhöhungen die Einnahmen bis ins Unendliche erhöhen ließen. Dies gilt aber nur insofern, als der Preis für Fleisch auch steigt (wenn Brot teurer als 2 Euro ist, wird wieder auf Fleisch umgestiegen).

  • Beispiel 3: Ein Student setzt sich ein begrenztes Budget von 20 Euro pro Woche (5 Tage) für sein tägliches Mittagessen. Er möchte dieses auf keinen Fall überschreiten. Da er in der Mittagspause bevorzugt in das nahegelegene Restaurant geht, benötigt er einen Großteil seines Mittagsbudgets, um dort 2-mal für je 7 Euro zu speisen. An den anderen drei Tagen geht er abwechselnd und gleich oft (über mehrere Wochen betrachtet) in die Mensa oder in eine Pizzeria. Mensaessen und Pizza kosten jeweils 2 Euro. Müsste er nun sein wöchentliches Mittagsbudget um 10 Euro kürzen, so müsste er seine Restaurantbesuche streichen und würde jeden Tag entweder in die Mensa oder in die Pizzeria gehen. Bei beiden Mittagstischangeboten handelt es sich also um absolut inferiore Güter. Würde sich jedoch der Pizzapreis erhöhen, so würde er die Pizzeriabesuche streichen und an den Tagen, an denen er nicht im Restaurant speist, immer in der Mensa speisen. Also ist Pizza (in diesem Beispiel) kein Giffen-Gut, obwohl sie ein absolut inferiores Gut ist.

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rein Haagsma: Notes on Some Theories of Giffen Behaviour. In: Wim Heijman und Pierre von Mouche (Hrsg.): New Insights into the Theory of Giffen Goods. In: Lecture Notes in Economics and Mathematical Systems. Bd. 655. Springer, Heidelberg u.a. 2002, ISBN 978-3-642-21776-0, doi:10.1007/978-3-642-21777-7, S. 5–19, hier S. 5 f.
  2. Alfred Marshall: Principles of Economics. An introductory volume. 3. Aufl. Macmillan, London 1895, S. 208.
  3. George J. Stigler: Notes on the History of the Giffen Paradox. In: Journal of Political Economy. 55, Nr. 2, 1947, S. 152–156 (JSTOR).
  4. Allan R. Prest: Notes on the History of the Giffen Paradox. A Comment. In: Journal of Political Economy. 56, Nr. 1, 1948, S. 58–60 (JSTOR).
  5. “It may be suggested that as the fall in [the price of] cereals cannot be ascribed to an excessive growth of the production of the cereals themselves, it must be ascribed, seeing that there has been a great increase of the resources of the consuming peoples themselves, to a diminution of demand arising from various causes. What can be the causes? Why do people as they grow richer consume less wheat etc. insteadof more? The answer to the last question is to be found, I think, in an examination of the figures as to livestock … People consume less cereals per head because, with their increase of resources, they consume more meat, which pro tanto displaces the cereals.” Aus Richard Giffen: The Real Agricultural Development of the Last 20 Years, abgedruckt als Appendix V im Final Report of the Royal Commission on Agricultural Depression. Zit. nach Allan R. Prest ibid.
  6. George J. Stigler: Notes on the History of the Giffen Paradox. A Reply. In: Journal of Political Economy. 56, Nr. 1, 1948, S. 61–62 (JSTOR).
  7. Simon Gray: The happiness of states, or, An inquiry concerning population, the modes of subsisting and employing it, and the effects of all on human happiness. Hatchard, London 1815. Hierzu ausführlich Etsusuke Masuda und Peter Newman: Gray and Giffen Goods. In: The Economic Journal. 91, Nr. 364, 1981, S. 1011–1014 (JSTOR). In diesem Sinne auch Rein Haagsma: Notes on Some Theories of Giffen Behaviour. In: Wim Heijman und Pierre von Mouche (Hrsg.): New Insights into the Theory of Giffen Goods. In: Lecture Notes in Economics and Mathematical Systems. Bd. 655. Springer, Heidelberg u.a. 2002, ISBN 978-3-642-21776-0, doi:10.1007/978-3-642-21777-7, S. 5–19, hier S. 6; George J. Stigler: Notes on the History of the Giffen Paradox. In: Journal of Political Economy. 55, Nr. 2, 1947, S. 152–156 (JSTOR), hier S. 154.
  8. Zit. nach Etsusuke Masuda und Peter Newman: Gray and Giffen Goods. In: The Economic Journal. 91, Nr. 364, 1981, S. 1011–1014 (JSTOR), hier S. 1013.
  9. Francis Y. Edgeworth: Free Trade in Being by Russell Rea. Review. In: The Economic Journal. 19, Nr. 73, 1909, S. 102–106 (JSTOR), hier S. 105.