Lyrisches Ich

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Der Ausdruck Lyrisches Ich bezeichnet in einer Traditionslinie der Literaturwissenschaft den fiktiven Sprecher oder die Stimme eines Gedichts (Lyrik) oder Textes (beispielsweise eines Liedtextes). Ursprünglich eingeführt zur Unterscheidung des formalen Ichs von einem empirischen Ich ist es bis in die Gegenwart immer wieder gleichgesetzt worden mit der Identität des Autors, mit der Authentizität des Ausgesagten sowie mit dem rezeptiven Nacherleben desselben. Der Begriff wurde in Folge äußerst kontrovers behandelt, ist „derart belastet und verwischt“, so dass vermehrt seit den 1970er Jahren Abstand von ihm genommen wurde und er heute in der Literaturwissenschaft eher vermieden wird. Burdorf rät gar dazu, „diesen Begriff fallenzulassen und das Problem mit einer neuen Begrifflichkeit anzugehen“[1].

Entstehung[Bearbeiten]

Ursprünglich wurde der Begriff 1910 von Margarete Susman (in Das Wesen der modernen deutschen Lyrik) als Unterscheidung vom personalen, subjektiven bzw. empirischen Ich eingeführt. Das lyrische Ich bezeichnet bei Susman die Form eines Ichs, die der Autor aus seinem gegebenen Ich erschafft, während sich zugleich dessen Subjektivität in der formalen Einheit des Kunstwerks auflöse; damit ist hier also (im Gegensatz zur späteren Verwendung) ein Objektivierungsverfahren gemeint und tendiert bereits in Richtung der folgenden Versuche, die spätmodernen Auflösung des individuellen Subjekts begrifflich zu erfassen.

Mit Käte Hamburger (mit Emil Staiger in der idealistischen Tradition des Erlebnis- und Stimmungsbegriffs und der Orientierung an klassisch-romantischer Lyrik) wurde der Begriff des Lyrischen Ich später vereinnahmt als Erlebnissubjekt des Autors, als Authentizität des poetischen Ichs und des Erlebten, und als reales Nacherleben dieser Beziehung von Subjekt und Objekt durch den Rezipienten.[1]

Bekenntnis des Autors oder lyrisches Ich?[Bearbeiten]

Ein klassisches Beispiel, an dem der Unterschied zwischen Autor und lyrischem Ich sich deutlich zeigt, ist das (von den Herausgebern so genannte) Gedicht Hiltegunde von Walther von der Vogelweide. In diesem mittelalterlichen „Liebesgedicht“ in fünf Strophen handelt Walther von unterschiedlichen Aspekten und Problemen der Liebe - um, so scheint es, im letzten Wort der letzten Zeile des Gedichts den Namen seiner Geliebten, „Hiltegunde“, zu offenbaren.

Frühe Interpreten mittelalterlicher Lyrik zu Zeiten der Aufklärung und Romantik sahen darin ein persönlich gestimmtes Liebesbekenntnis Walthers. Dieser Deutung widersprachen spätere Interpreten, die darauf hinwiesen, dass mittelalterliche Literatur nur in den seltensten Fällen im Sinne moderner Subjektivität gelesen werden kann. Im konkreten Fall von Walthers Gedicht wurde überzeugend dargelegt, dass der Verweis auf eine „Hiltegunde“ nicht als persönliches Liebesbekenntnis gelesen werden kann, sondern dass es sich um eine Anspielung auf das Liebespaar Walther und Hildegunde handelt, deren Geschichte im Waltharius überliefert ist, d.h. Walther sprach nicht von sich, sondern er bewegte sich innerhalb einer literarischen Tradition, deren Topoi er kunstvoll einsetzte - wobei er voraussetzte, dass sein Publikum solche Anspielungen als literarische Kunstgriffe verstand.

Beispiel[Bearbeiten]

An Luise (Joseph von Eichendorff)

Ich wollt in Liedern oft dich preisen,
Die wunderstille Güte,
Wie du ein halbverwildertes Gemüte
Dir liebend hegst und heilst auf tausend süße Weisen,
Des Mannes Unruh und verworrnem Leben
Durch Tränen lächelnd bis zum Tod ergeben.
 
Doch wie den Blick ich dichtend wende,
So schön still in stillem Harme
Sitzt du vor mir, das Kindlein auf dem Arme,
Im blauen Auge Treu und Frieden ohne Ende,
Und alles laß ich, wenn ich dich so schaue -
Ach, wen Gott lieb hat, gab er solche Fraue!

In diesem Gedicht gibt es ein sehr präsentes lyrisches Ich. Vier Mal wird ich gesagt, einmal mir. Eine biographische Interpretationsweise würde nun im Leben des Dichters nach einer Luise suchen und das Gefühl, das im Gedicht zum Ausdruck kommt, auf eine bestimmte Situation im Leben des Dichters zu übertragen versuchen.

Isoliert man jedoch das Lyrische Ich von der realen Person des Autors, wird klar, dass diese Vorgehensweise wenig sinnvoll ist. Denn das Lyrische Ich spricht davon, seine Angebetete „in Liedern oft“ preisen zu wollen; „doch wie den Blick ich dichtend wende,/ (...) alles lass ich, wenn ich dich so schaue“. Das lyrische Ich gibt also die Dichtung auf, angesichts der angebeteten Frau, die das 'halbverwilderte Gemüt' des Sprechers 'hegt und heilt'. Nicht so der Autor Eichendorff: Er schreibt munter ein Gedicht und ist schon deshalb nicht mit dem Lyrischen Ich des Gedichts identisch. Zugespitzt gesagt: Hätte Eichendorff in diesem Moment getan, was das lyrische Ich sagt: „Und alles lass ich, wenn ich dich so schaue“, hätte er das Gedicht nicht geschrieben.

Das lyrische Ich ist hier eine fiktive Figur, die dazu dient, die Figur des Dichters der (ebenso fiktiven) Figur der Frau gegenüberzustellen. Dadurch wird der Dichtung eine bestimmte Rolle und Haltung zugewiesen. Damit ist über Eichendorffs eigenes Verhalten und über die reale Rolle der Dichtung noch nichts gesagt. Man könnte jedoch von einer Selbstinszenierung des Dichters unter der Maske dieses lyrischen Ichs sprechen.

Ein lyrisches Ich muss also zunächst vom Autor getrennt gesehen werden. Es kann jedoch, wie gezeigt, auch wieder auf vielfältige Weise auf den historischen Autor rückbezogen werden. Das lyrische Ich kann verschiedene Funktionen und Rollen einnehmen, weshalb man auch von Rollenlyrik oder von den Masken (auch: personae) des Autors spricht.

Bedeutung und Kritik des Begriffs in der Literaturwissenschaft[Bearbeiten]

Die autorbezogene, biographische Ausdeutung von Literatur war insbesondere in der idealistischen Literaturwissenschaft des 19. Jahrhunderts häufig anzutreffen und auch im 20. Jahrhundert verbreitet; auf eine philosophisch-theoretische Grundlage gestellt wurde sie beispielsweise durch Wilhelm Dilthey. Speziell Gedichte (aber auch andere Kunstgattungen) wurden in dieser Lesart primär als Ausdruck eines authentischen, biographischen Erlebnisses des Autors interpretiert und dieses daran oft mit biographischen Fakten zu rekonstruieren versucht, ohne dass der literarische Kunstcharakter - Metrik, innere Selbstbezüglichkeit, intertextuelle und gattungstheoretische Rückbindung usw. - ausreichend im Sinne einer Eigenkennzeichnung von Fiktionalität (also Künstlichkeit statt Authentizität) berücksichtigt wurde.[1]

Diese biographistische Textinterpretation lässt sich aus kulturhistorischer und soziologischer Perspektive beispielsweise zurückführen auf den europäischen Humanismus der frühen Neuzeit, auf gesellschaftliche Differenzierung, Individualisierung und Subjektivierung. Autorzentrierung, Genieästhetik, Schleiermachers divinatorische Hermeneutik und das postklassische Epigonentum wären als exemplarische Folgen dieser Entwicklung in der Rezeption von Literatur zu nennen und damit als Teilursachen der institutionalisierten biographistischen Literaturinterpretation.

Biographische Deutungen von Literatur sind nicht per se abwegig, werden ihr jedoch als Kunstform bzw. als kulturelles Artefakt selten gerecht. Eine systematische Kritik der biografischen Interpretation von Literatur wurde zuerst von den russischen Formalisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt. Der strukturalistischen Auffassung nach lässt sich Literatur in ihrer Eigenart nur begreifen, wenn man sich in erster Linie ihren Kunstcharakter vor Augen führt. Kunst wäre demnach eben deshalb Kunst, weil sie vom biographisch-alltäglichen Erleben abhebt und dieses formal umgestaltet. Infolge des Strukturalismus wird Literatur heute als potentiell weitgehend autonome Kunstform verstanden. Natürlich können und werden in ein literarisches Werk Elemente aus dem Leben und insbesondere aus dem Erleben des Autors einfließen; aber weder sollte der vom Autor mehr oder weniger bewusst gewählte Kunstcharakter unterschätzt werden, noch die kulturelle Prägung und soziale Fremdbestimmtheit des Autors, die weder dieser noch sein Kunstwerk völlig unterlaufen können, und die das Werk daher auch immer unabhängig von etwaiger Autorintention mitgestalten.

Für die Literaturwissenschaft bedeutete die Einführung des Begriffs des Lyrischen Ich daher ursprünglich eine Abwendung von der biographischen Lesart von Literatur, durch eine Unterscheidung von Autor und fiktivem Sprecher (s. o.). Allerdings hat sich diese Bedeutung auch in ihr Gegenteil gewandelt und verweist dann gerade auf eine im erlebenisästhetischen Sinn 'dichterische', d.h. gefühlsbetonte, scheinbar besonders authentische 'Stimmung' des Autor-und-Gedicht-Ichs. Über die strukturalistischen Ansätze und spätere Versuche einer systematischen Bestimmung formaler und inhaltlicher Elemente von Erzähltexten sind inzwischen differenziertere Analysemittel vorhanden, um die Sprecher eines Textes bestimmen und vom textexternen Autor und textinternen Figuren unterscheiden zu können. Beispielsweise bietet sich der neutralere Begriff des Subjekts oder Textsubjekts an, oder auch der der Sprechinstanz. Alternativbegriffe wie das sprechende Ich oder das artikulierte Ich wie sie in der jüngeren Interpretationsliteratur genannt werden, sollten nur dann eingesetzt werden, wenn das Personalpronomen "ich" oder entsprechende Deklinationsformen im Text auftauchen, und in keinem Zusammenhang mit dem Autor der jeweiligen Texte.[1]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang G. Müller: Das lyrische Ich. Erscheinungsformen gattungseigentümlicher Autor-Subjektivität in der englischen Lyrik. Winter, Heidelberg 1979, ISBN 3-533-02815-1 (Anglistische Forschungen 142), (Zugleich: Mainz, Univ., Habil.-Schr.).
  • Bernhard Sorg: Das lyrische Ich. Untersuchungen zu deutschen Gedichten von Gryphius bis Benn. Niemeyer, Tübingen 1984, ISBN 3-484-18080-3 (Studien zur deutschen Literatur 80), (Zugleich: Bonn, Univ., Habil.-Schr.).
  • Mario Andreotti: Die Struktur der modernen Literatur. Neue Wege in der Textanalyse. Einführung, Epik und Lyrik. 2. überarbeitete Auflage. Haupt, Bern u. a. 1990, ISBN 3-258-04253-5 (UTB für Wissenschaft – Uni-Taschenbücher – Moderne deutsche Literatur 1127).
  • Horst Joachim Frank: Wie interpretiere ich ein Gedicht? Eine methodische Anleitung. 4. unveränderte Auflage. Francke, Tübingen u. a. 1998, ISBN 3-8252-1639-X (UTB für Wissenschaft – Uni-Taschenbücher – Literaturwissenschaft 1639).
  • Margret Karsch: „Das Dennoch jedes Buchstabens.“ Hilde Domins Gedichte im Diskurs um Lyrik nach Auschwitz. transcript-Verlag, Bielefeld 2007, ISBN 978-3-89942-744-8 (Lettre), (Zugleich: Göttingen, Univ., Diss., 2006).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Dieter Burdorf: Einführung in die Gedichtanalyse 2., überarb. u. aktual. Aufl., Stuttgart: Metzler, 1997, S. 182-194.