Manipel

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Dieser Artikel befasst sich mit der militärischen Einheit Manipel; zum liturgischen Kleidungsstück siehe Manipel (Liturgische Kleidung) und zum alten Massemaß siehe Manipel (Einheit).

Manipel (von lateinisch manipulus, von manus „Hand(voll), Schar“) war die Bezeichnung eines Truppenkörpers in der taktischen Zusammensetzung einer römischen Legion.

Die römische Phalanxtaktik in der Königszeit und in der anfänglichen Republik[Bearbeiten]

Aufstellung der römischen Legion in der Phalanxformation zur Königszeit und frühen Zeit der Republik.

In den für glaubwürdig gehaltenen Überlieferungen operierte das römische Bürgerheer ursprünglich, vermutlich ab dem 6. Jhd. v. Chr. unter dem König Servius Tullius, nach etruskischem und griechischem Vorbild in der Schlacht als schwer bewaffnete Phalanx. Diese war in einer Front von 500 bis 600 Mann aufgestellt und in der Tiefe zu 6 Mann gestaffelt. Durch Marcus Furius Camillus soll um 400 v. Chr. die aus einer Formation bestehende Phalanx zugunsten einer aus drei Kampflinien operierenden, beweglichen Manipularlegion aufgegeben worden sein. Damit wurde der Kampfverband in die Lage versetzt, schnell und flexibel auf die Schlachtordnungen und Taktiken des Gegners zu reagieren. Es hatte sich insbesondere im Einsatz gegen unabhängig voneinander agierende Gruppen gezeigt, dass die bisherige große Phalanxanordnung gegen eine derartige Kampfweise zu schwerfällig und ineffektiv war.

Manipulartaktik in der frühen Republik[Bearbeiten]

Aufstellung der römischen Manipularlegion zur Zeit der Republik (nach der Reform des Marcus Furius Camillus).

Die Legion zergliederte sich in der frühen römischen Republik in drei unterschiedlich bemannte und ausgerüstete Treffen (acie triplex), die in jeweils 10 Manipel geordnet waren. Die Manipel in den ersten beiden Linien hatten eine Stärke von 120 bis zu 160 Mann. In der dritten Reihe, die als taktische Reserve diente, waren die Manipel mit 60 Mann besetzt. Ein Manipel gliederte sich in zwei Centurien, der kleinsten taktischen Einheit, die vom Centurio der rechten, ranghöheren Centurie befehligt wurde. Zu jeder Centurie waren zwei weitere Offiziere, ein (Optio) und ein Standartenträger (Signifer) eingeteilt.

Der Abstand zwischen den Verbänden entsprach der Breite eines Manipels. Die Einheiten hatten in der Tiefe eine schachbrettartige Anordnung, so dass die Lücken in der Linie durch das jeweilige hintere Treffen gedeckt und eventuell bei Bedarf geschlossen werden konnte. Die genaue Funktionsweise dieser Anordnung, einer so genannten Quincunx, in der Schlacht ist nicht eindeutig überliefert.

Manipulartaktik in der späteren Republik[Bearbeiten]

Vermutlich im zweiten punischen Krieg erreichte die Manipulartaktik unter Scipio zunächst in Spanien ihren Höhepunkt. Durch ihn wurde die Beweglichkeit der Manipularlstruktur vollends ausgenutzt, indem er die Formationen kurz vor der Schlacht von Ilipa zügig umgruppierte und die Manipel zu stärkeren Verbänden zusammenführte. Der Gegner wurde mit der schnell geänderten Schlachtordnung völlig überrascht und geschlagen.

In den makedonisch-römischen Kriegen, insbesondere in der Schlacht von Pydna, zeigte sich wiederholt die Überlegenheit einer dynamisch gelenkten Manipularlegion gegenüber einer schwerfälligen Phalanxformation. Es gelang einzelnen Manipeln unter der Führung taktisch selbständig agierender Centurionen, vernichtend in die ungeschützten Flanken der Phalanx einzudringen.

Vorteile der Manipulartaktik[Bearbeiten]

Die Funktion und die Anwendung des Manipelsystems bestand zum einen darin, dass das Herstellen einer Phalanx in der Größe einer gesamten Legion vor allem in unwegsamem Terrain nur schwer zu verwirklichen war. Zum anderen wurde neben der Bildung einer taktischen Reserve durch eine dritte Linie die Legion insgesamt während der Schlacht flexibler und verwendungsfähiger. Der Feldherr wie auch insbesondere die unterbefehlshabenden Offiziere konnten sich in der Schlacht auf veränderte Bedingungen einstellen und zeitnah reagieren. Durch das schnelle taktische Verlegen und dem Einsatz einiger Manipel am jeweiligen Brennpunkt der Schlacht konnte der errungene Vorteil zumeist in einen Sieg verwandelt werden.

Nachteile der Manipulartaktik[Bearbeiten]

Aufstellung der römischen Legion in der Kohortenanordnung, zu Zeiten der späteren Republik, nach erfolgten Heeresreformen.

Besonders die verlustreichen Abwehrkämpfe gegen die germanischen Völker zum Ende des 2. Jhd. v. Chr. hatten die Nachteile einer reinen Manipularlegion aufgezeigt. Gegen den schnellen Ansturm großer Heerscharen erwies sich die bisherige Manipularaufstellung in der Kampflinie als zu schwach und lückenhaft. Die daraus in vermutlich mehreren Heeresreformen gezogenen Konsequenzen waren die Einführung einer einheitlichen Bewaffnung und Truppengattung. Zudem wurden die 30 Manipel einer Legion in 10 Kohorten eingeteilt. Die Grundstruktur der Schlachtordnung, eine Formation aus mindestens drei hintereinander versetzt aufgestellten Treffen, wurde beibehalten. Die erste Linie führte vier Kohorten in der Front, wobei die zweite und dritte Linie aus jeweils drei versetzt angeordneten Kohorten gebildet wurden, welche die jeweiligen Lücken der Vorderreihen deckten. Mit Einführung der Kohortentaktik wurde die Schlag- und Widerstandskraft einer Legion gesteigert, ohne damit die Vorteile eines Manipularsystems aufzugeben.

Spätestens zu Beginn des 1. Jhd. v. Chr. wurde anstelle des Manipels die Kohorte die wichtigste taktische Einheit innerhalb der Legion.

Siehe auch[Bearbeiten]

Heeresreform des Marius

Literatur[Bearbeiten]

  • Adrian Goldsworthy: Die Kriege der Römer. Originaltitel: Roman warfare, Brandenburgisches Verl.-Haus, Berlin 2001, ISBN 3-89488-136-4, Das frühe Rom und die Eroberung Italiens, S. 26 – 32, Die Kriege gegen Karthago und die hellenistischen Königreiche, S. 44 – 45, 49, 51 – 52, 55, Welteroberung, Spanien S. 97, 99 – 100.
  • Robert M. Ogilvie: Das frühe Rom und die Etrusker. dtv, München 1983 (dtv-Geschichte der Antike), ISBN 3-423-04403-9; engl. Originalausgabe: Robert M. Olgilvie: Early Rome And The Etruscans. Collins & Sons, 1976 (Fontana History Of The Ancient World), Roms Militärwesen, S. 45 – 50.
  • Philip de Souza: Die Kriege des Altertums: Von Ägypten bis zum Inkareich, Originaltitel: The ancient world at war. Koehler & Amelang, Leipzig 2008, ISBN 978-3-7338-0362-9, Die Heere der römischen Republik, Die Manipel, S. 143 – 146, Das Zeitalter der Kohorten, S. 150 – 155.
  • Emil Nack, Wilhelm Wägner: Rom, Land und Volk der alten Römer. Ueberreuter, Wien 1976, ISBN 3-8000-3131-0, Das Heerwesen, S. 161 -169.