Midijob

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Als Midijob oder Gleitzonenfall bezeichnet man in Deutschland ein Beschäftigungsverhältnis, bei dem das Arbeitsentgelt zwischen 450,01 Euro und 850,00 Euro im Monat liegt und 850,00 Euro im Monat regelmäßig nicht überschreitet. Bei mehreren Beschäftigungsverhältnissen ist das insgesamt erzielte Arbeitsentgelt maßgebend. Innerhalb dieser Gleitzone ist der Arbeitnehmeranteil zur gesetzlichen Sozialversicherung vom Bruttoarbeitsentgelt abhängig, während der Arbeitgeberanteil konstant bei 19,325 % liegt (Werte für 2015).

Zweck dieser Regelung ist, die so genannte Teilzeitmauer zu durchbrechen, d.h. für Arbeitnehmer den Wechsel von einem versicherungsfreien Minijob in ein versicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis attraktiver zu machen. Der Arbeitnehmer soll nicht plötzlich mit hohen Sozialabgaben belastet werden, wenn das Arbeitsentgelt die Minijob-Grenze übersteigt.[1]

Ziele[Bearbeiten]

Die Ziele sind,

  1. im Niedriglohnbereich die Sozialversicherungsbeiträge zu senken, um Beschäftigungen attraktiv zu machen, deren Entgelt knapp über der Entgeltgrenze der Minijobs (450,00 €) liegen,
  2. jede Art von legaler Beschäftigung sozial abzusichern (insbesondere Krankenversicherungsschutz; Entschärfung der Problematik des „Working Poor“ für die Dauer der Beschäftigung),
  3. den Anreiz zur Aufnahme einer Beschäftigung zu erhöhen und damit verstärkt Arbeitslose durch Aufnahme einer Beschäftigung wieder dem Arbeitsmarkt zuzuführen,
  4. den Sozialversicherungen weitere Beitragsquellen zu ihrer finanziellen Stabilisierung zu erschließen.

Bis zum Inkrafttreten der Regelung stieg bei einem Wechsel vom Minijob in besser bezahlte Arbeit durch die Sozialversicherungspflicht die Abgabenbelastung von 0 % auf rund 21 % des Bruttoverdienstes an. Dies führte zur Einführung einer Gleitzone, innerhalb der sich der Sozialversicherungsbeitrag des Arbeitnehmers von etwa 11 % auf rund 21 % gleichmäßig erhöht (§ 20 Abs. 2 SGB IV). Die Neuregelung ist Bestandteil des Hartz-Konzeptes (Hartz II) zur Reformierung des Arbeitsmarkts.

Anwendung[Bearbeiten]

Die Gleitzonenregelung wird angewandt, wenn

  1. ein versicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis aufgenommen wird,
  2. diese Beschäftigung nicht zur Berufsausbildung (einschließlich einiger Praktika) ausgeübt wird, und
  3. das regelmäßige Arbeitsentgelt zwischen 450,01 € und 850,00 € liegt.

Zum regelmäßigen Arbeitsentgelt gehören auch Einmalzahlungen, auf die der Arbeitnehmer einen Rechtsanspruch hat. Wird das Arbeitsentgelt nicht durchgehend in gleicher Höhe bezahlt, ist eine Schätzung vorzunehmen oder eine Durchschnittsberechnung durchzuführen.

Bei mehreren sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen muss der Bruttolohn aus allen Beschäftigungsverhältnissen zusammen in der Gleitzone liegen, andernfalls wird die normale Beitragsberechnung angewandt. Minijobs und Beamtenbezüge werden nicht mitgerechnet. Bei Arbeitnehmern, deren rentenversicherungspflichtiges Arbeitsentgelt am 31. Dezember 2012 mehr als 800,00 € betrug, wird, solange das Beschäftigungsverhältnis andauert und das Entgelt nicht mehr als 850,00 € beträgt, nach § 276bVorlage:§/Wartung/buzer Abs. 2 SGB VI aus Bestandsschutzgründen ab dem 1. Januar 2013 in der Rentenversicherung die Gleitzonenregelung nur angewandt, wenn der Arbeitnehmer die Anwendung der Gleitzonenregelung schriftlich gegenüber dem Arbeitgeber erklärt. Die Erklärung kann noch bis zum 31. Dezember 2014 abgegeben werden und gilt nur für die Zukunft. In der Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung gibt es keine Bestandsschutzregelung.

Berechnung der Sozialversicherungsbeiträge[Bearbeiten]

Gleitzonenentgelt in Abhängigkeit vom Arbeitsentgelt (brutto) in Deutschland 2015

Die Beiträge werden immer für jeden Versicherungszweig (Krankenversicherung, Pflegeversicherung, Rentenversicherung und Arbeitslosenversicherung) getrennt berechnet.

Die Berechnung des Gesamtbeitrags, reduzierten Arbeitnehmeranteils und des Arbeitgeberanteils erfolgt nach folgenden Formeln:

  1. Gesamtbeitrag = Gleitzonenentgelt x Gesamtbeitragssatz
  2. Arbeitgeberanteil = tatsächliches Arbeitsentgelt x Beitragssatz (Arbeitgeber)
  3. Arbeitnehmeranteil = Gesamtbeitrag − Arbeitgeberanteil,

Ermittlung des Gleitzonenentgeltes[Bearbeiten]

Das Gleitzonenentgelt (GE) wird seit 1. Januar 2013 nach folgender Formel[2] berechnet:

GE = F \cdot 450 + \left( \tfrac{850}{850-450} - \tfrac{450}{850-450} \cdot F \right) \cdot (AE - 450)

AE = tatsächliches Bruttoarbeitsentgelt

Für AE = 450 Euro ergibt diese Formel ein Gleitzonenentgelt von F x 450 Euro, für AE = 850 Euro ergibt diese Formel ein Gleitzonenentgelt von 850 Euro, für AE Werte zwischen 450 Euro und 850 Euro wird das Gleitzonenentgelt linear interpoliert. Eine vereinfachte Darstellung der gleichen Formel lautet:

GE = F \cdot 450 + (2{,}125 - 1{,}125 \cdot F) \cdot (AE - 450)
Zeitraum ab Faktor F Berechnung[3]
2003 1. April 0,5995 F = 25 % / 41,7 %
2004 und 2005 0,5952 F = 25 % / 42,0 %
2006 1. Januar 0,5967 F = 25 % / 41,9 %
2006 1. Juli 0,7160 F = 30 % / 41,9 %
2007 0,7673 F = 30 % / 39,1 %
2008 0,7732 F = 30 % / 38,8 %
2009 0,7472 F = 30 % / 40,15 %
2010 0,7585 F = 30 % / 39,55 %
2011 0,7435 F = 30 % / 40,35 %
2012 0,7491 F = 30 % / 40,05 %
2013 und 2014 0,7605 F = 30 % / 39,45 %
2015 0,7585 F = 30 % / 39,55 %

Der Faktor F wird vom Bundesministerium für Gesundheit und vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales ermittelt. Der Ablauf der Berechnung ist im § 163 Abs. 10 SGB VI festgelegt. Die Formel dafür ist:

  • in der Zeit vom 1. Juli 2006 bis …:
Faktor F = 30 % geteilt durch den durchschnittlichen Gesamtsozialversicherungsbeitragssatz
  • in der Zeit vom 1. April 2003 bis 30. Juni 2006:
Faktor F = 25 % geteilt durch den durchschnittlichen Gesamtsozialversicherungsbeitragssatz

Zusätzliche Beiträge[Bearbeiten]

Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen müssen zusätzlich einen Beitrag von 0,9 % des Bemessungsentgeltes, Mitglieder der gesetzlichen Pflegeversicherung, die kinderlos und älter als 23 Jahre sind, müssen einen zusätzlichen Beitrag von 0,25 % des Bemessungsentgeltes entrichten. Bei Bemessung dieser zusätzlichen Beiträge wird das Gleitzonenentgelt mit dem zusätzlichen Beitragssatz (0,9 % oder 0,25 %) multipliziert.

Umlagebeiträge zu den Ausgleichsverfahren[Bearbeiten]

Die vom Arbeitgeber zu tragenden Umlagebeiträge zu den Ausgleichsverfahren nach dem Aufwendungsausgleichsgesetz sind nach den Bemessungsentgelten zu berechnen, nach denen der Rentenversicherungsbeitrag zu berechnen ist. In der Gleitzone wird die Umlage somit nicht auf den vollen Bruttolohn bezahlt, sondern nur auf das Gleitzonenentgelt (Berechnung siehe oben).

Beispiel[Bearbeiten]

Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteile in Prozent

Das folgende Berechnungsbeispiel bezieht sich auf das Jahr 2015.

  • Das Bruttoarbeitsentgelt des Midijobs sei 650,00 € monatlich.
  • Der Arbeitnehmer hat keine Kinder. Der Arbeitgeber nimmt am Ausgleichsverfahren bei Krankheit teil.
  • Es besteht Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherungspflicht

Beitragssätze:

  • Krankenversicherung: 14,6 % + 0,9 % (durchschnittlicher Zusatzbeitragssatz) = 15,5 %
  • Rentenversicherung: 18,7 %
  • Arbeitslosenversicherung: 3,0 %
  • Pflegeversicherung: 2,35 % + 0,25 % (Zusatzbeitragssatz bei Kinderlosen)

Umlagesätze:

  • Umlage U1 (Ausgleichsverfahren bei Krankheit): 2,0 %[4]
  • Umlage U2 (Ausgleichsverfahren Mutterschaftsgeld): 0,38 %[4]
  • Umlage U3 (Ausgleichsverfahren Insolvenzgeld): 0,15 %

Berechnung:

Gleitzonenentgelt (Bemessungsentgelt)
= 0,7585 x 450 € + (2,125 − 1,125 x 0,7585) x (650 € − 450 €)
=    341,34 €    +         1,27165          x     200 €
= 595,67 €
Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge in Euro

Krankenversicherung:

  • Gesamtbeitrag mit Zusatzbeitrag: 595,67 € x 15,5 % = 92,33 €
  • Arbeitgeberanteil: 650,00 € x 7,3 % = 47,45 €
  • Arbeitnehmeranteil mit Zusatzbeitrag: 92,33 € − 47,45 € = 44,88 €

Rentenversicherung:

  • Gesamtbeitrag: 595,67 € x 18,7 % = 111,39 €
  • Arbeitgeberanteil: 650,00 € x 9,35 % = 60,78 €
  • Arbeitnehmeranteil: 111,39 € − 60,78 € = 50,62 €

Arbeitslosenversicherung:

  • Gesamtbeitrag: 595,67 € x 3,0 % = 17,87 €
  • Arbeitgeberanteil: 650,00 € x 1,5 % = 9,75 €
  • Arbeitnehmeranteil: 17,87 € − 9,75 € = 8,12 €

Pflegeversicherung:

  • Gesamtbeitrag ohne Zusatzbeitrag: 595,67 € x 2,35 % = 14,00 €
  • Arbeitgeberanteil: 650,00 € x 1,175 % = 7,64 €
  • Arbeitnehmeranteil ohne Zusatzbeitrag: 14,00 € − 7,64 € = 6,36 €
  • Zusatzbeitrag: 595,67 € x 0,25 % = 1,49 €
  • Arbeitnehmeranteil mit Zusatzbeitrag: 6,36 € + 1,49 € = 7,85 €

Nur Arbeitgeber:

Umlage U1 zum Ausgleichsverfahren bei Krankheit:

  • Gesamtbeitrag: 595,67 € x 2,0 % = 11,91 €

Umlage U2 zum Ausgleichsverfahren Mutterschaftsgeld:

  • Gesamtbeitrag: 595,67 € x 0,38 % = 2,26 €

Umlage U3 zum Ausgleichsverfahren Insolvenzgeld:

  • Gesamtbeitrag: 595,67 € x 0,15 % = 0,89 €

Auswirkungen[Bearbeiten]

Bei Entgeltersatzleistungen wie Krankengeld oder Übergangsgeld, die nach einem Regelentgelt berechnet werden, geben die gesetzlichen Bestimmungen vor, dass diese Leistungen 90 % eines fiktiven Nettoarbeitsentgeltes nicht übersteigen dürfen. Das fiktive Nettoarbeitsentgelt ist das Nettoarbeitsentgelt, das ohne Anwendung der Gleitzonenregelungen errechnet worden wäre. Der Gesetzgeber wollte höhere Leistungen vermeiden, die durch die Berechnung mit dem tatsächlichen Nettoentgelt entstanden wären.

Gesetzliche Fundstellen[Bearbeiten]

Im § 20 SGB IV findet sich die Definition der Gleitzone (Midijob). Die Berechnungsvorschrift ist bei dem jeweiligen Versicherungssystem notiert, im Fall der Rentenversicherung z. B. in § 163 Abs. 10 SGB VI.

Geschichtliche Entwicklung[Bearbeiten]

Bis 31. Dezember 2012 lag die Gleitzone zwischen 400,01 Euro und 800,00 Euro.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. etwa die Rede der Bundestagsabgeordneten Thea Dücker, Bündnis 90/Die Grünen, in der Sitzung des Deutschen Bundestages vom 19. Dezember 2002, Plenarprotokoll 15/16, S. 1237.
  2. Formel als PDF nach § 163 Abs. 10 SGB VI
  3. Infos zur Gleitzone auf lohn-info.de, abgerufen am 4. Januar 2015
  4. a b abhängig von Krankenkasse (Beispiel DAK Gesundheit, Erstattungssatz 70 %, PDF abgerufen am 15. Januar 2015)
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