Prekariat

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Prekariat, ein Begriff aus der Soziologie, definiert „ungeschützte Arbeitende und Arbeitslose“ als eine neue soziale Gruppierung. Der Begriff selbst ist ein Neologismus, vom Adjektiv prekär (schwierig, misslich, bedenklich) analog zu Proletariat abgeleitet.

Etymologisch sind für den deutschen Sprachbereich die Schreibweisen 'Prekariat' und 'Präkariat' gleichberechtigt akzeptabel. Vgl. lat. precarium = ein bittweises, auf Widerruf gewährtes Besitzverhältnis. [1]

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Näheres

Betroffen sind einkommensschwache Selbstständige und Angestellte auf Zeit, Praktikanten, auch chronisch Kranke, Alleinerziehende und Langzeitarbeitslose aber zunehmend auch in wissenschaftlichen Arbeitsverhältnissen Angestellte: Prekariat definiert keine sozial homogene Gruppierung. Evelyne Perrin von Stop-Précarité sagt hierzu: „In dieser neuen kapitalistischen Organisation wird das Prekariat strukturell und für die Arbeitgeber handelt es sich darum, dem Prekariat das Risiko der Beschäftigung aufzulasten, alles zu veräußerlichen, was sozialer Schutz und gemeinsame Garantie vor dem Verlust des Arbeitsplatzes war.“[2] Darüber hinaus sind auch Randexistenzen aller Schichten hinzu zu nehmen, z.B. verarmte Adelige, fallierte Unternehmer, erfolglose Wissenschaftler oder Künstler.

Umgangssprachlich und in Massenmedien wird auch der wissenschaftlich nicht exakte Begriff Neue Unterschicht als Synonym benutzt, den jedoch viele Soziologen anders einordnen bzw. als zu plakativ und unpräzise ablehnen.

Nach der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung „Gesellschaft im Reformprozess“ gehören zum Prekariat die Untergruppen des „abgehängten Prekariats“, die „autoritätsorientierten Geringqualifizierten“, sowie ein Teil der „selbstgenügsamen Traditionalisten“. Im Jahr 2006 wählte die Gesellschaft für deutsche Sprache den Begriff auf Platz 5 der Wörter des Jahres.

Seit einigen Jahren gibt es die Internationale Zusammenkunft des Prekariats in Berlin. [3] Sie fand zuletzt im Januar 2005 statt.

[Bearbeiten] Ursprung des Begriffs

Die Idee der Existenz einer sozial als niedrig einzustufenden Gruppierung, die als Prekariat bezeichnet werden kann, ist an sich alt (vgl. Unehrliche Berufe, Lumpenproletariat, Sozial Verachtete). Gegenwärtig [ab 2006] geht sie auf die Konzeption des Bordiguismus zurück, nach der sich das Proletariat als die Leute ohne Mittel definiert. Gruppen wie die französische „Sans Reserves“ in den 1980er Jahren und die anarchistisch-bordiguistische italienische „Precari Nati“ arbeiteten diese Konzeption aus.

„Prekariat“ ist heute eine neue Konzeption der post-industriellen Soziologie, wozu der italienische Politologe Alex Foti erklärt: „Das Prekariat ist in der post-industriellen Gesellschaft, was das Proletariat in der Industriegesellschaft war“.

[Bearbeiten] Demoskopie

Nach der im Dezember 2006 veröffentlichten Studie „Gesellschaft im Reformprozess“ der Friedrich-Ebert-Stiftung gehören 6,5 Millionen Deutsche (das entspricht acht Prozent der Gesamtbevölkerung) zum abgehängten Prekariat. Frank Karl von der Friedrich-Ebert-Stiftung betonte, dass der Begriff „Neue Unterschicht“ in der Studie nicht vorkomme. Dennoch diskutierten die Massenmedien diese Studie schon vor ihrer Veröffentlichung unter dem Titel „Unterschichtsstudie“.

Nach Statistiken des DGB breitet sich 2007 die als „prekär“ bezeichnete Beschäftigung weiter aus: verglichen mit 2003 gibt es doppelt so viele (650 000) Zeitarbeiter; 600 000 sind Ein-Euro-Jobber; 440 000 Vollzeittätige auf Hartz IV angewiesen; 1,3 Mio. arbeitende s.g. "Aufstocker".

Ungeschützte, sogenannte flexibilisierte Arbeitsverhältnisse, Arbeitslosigkeit oder Niedrigsteinkommen, Verschuldung, oft mangelnde Bildung charakterisieren das Prekariat. Kommen mehrere Faktoren zusammen und mündet dies in langfristige Aussichtslosigkeit auf Verbesserung der Situation, häufig in Verbindung mit Resignation, wird vom „abgehängten Prekariat“ gesprochen.

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Literatur

  • Fabian Kessl: Das wahre Elend? Zur Rede von der „neuen Unterschicht“. In: Widersprüche – Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich: Heft 98, Dezember 2005
  • Alex Klein, Sandra Landhäußer, Holger Ziegler: The Salient Injuries of Class: Zur Kritik der Kulturalisierung struktureller Ungleichheit. In: Widersprüche – Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich, Heft 98, Dezember 2005
  • Widersprüche – Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich, Heft 98: Klassengesellschaft reloaded – Zur Politik der „neuen Unterschicht“. Kleine Verlag, Dezember 2005, ISBN 3-89370-412-4
  • Serge Paugam: La disqualification sociale : essai sur la nouvelle pauvreté, PUF, 2002
  • Évelyne Perrin: Chômeurs et précaires au cœur de la question sociale, La Dispute, 2004
  • Franz Schultheis, Kristina Schulz (Hrsg.): Gesellschaft mit begrenzter Haftung. Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag. UVK-Verlag, Konstanz 2005, ISBN 3-89669-537-1
  • Heinz Bude, Andreas Willisch (Hrsg.): „Das Problem der Exklusion. Ausgegrenzte, Entbehrliche, Überflüssige“. Hamburger Edition, Hamburg: HIS-Verlagsgesellschaft 2006, ISBN 978-3-936096-69-9

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Georges-LDHW [Lateinisch-Deutsches Handwörterbuch] Bd. 2, S. 1909
  2. http://listes.rezo.net/archives/cip-idf/2004-10/msg00058.html
  3. http://www.globalproject.info/art-3264.html

[Bearbeiten] siehe auch

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