Publius Petronius Niger

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Publius Petronius Niger war ein Politiker der frühen römischen Kaiserzeit. Geboren wurde er vermutlich vor 20, sein Vater war möglicherweise Gaius Petronius Pontius Nigrinus, der 37 das Konsulat bekleidete. Publius Petronius selbst war 62 Suffektkonsul.[1] Über seinen Lebensweg ist sonst nichts bekannt.

Name[Bearbeiten]

Auf zwei Täfelchen aus Herculaneum las man seinen Namen längere Zeit als „T. Petronius Niger“.[2] Da Vornamen im Lateinischen stets abgekürzt geschrieben wurden, kam es hier nicht selten zu Abschreibfehlern oder Fehllesungen. Zudem sind die Buchstaben T. und P. in der römischen Kursivschrift leicht zu verwechseln.

Die Lesung „Titus“ musste durch einen archäologischen Fund des Jahres 1989 korrigiert werden: Auf dem auf den 8. Juli 62 datierten, in griechisch verfassten Zollgesetz der Provinz Asia aus Ephesos wird er mit der Namensform Ποπλίωι Πετρωνίωι Νίγρωι (Publio Petronio Nigro, Dativ Singular) genannt.[3] Damit darf das praenomen Publius als geklärt gelten.

Fehlzuschreibung des Satyricon[Bearbeiten]

Petronius Niger wird in der Forschung mitunter mit dem Autor des Satyricon, Titus Petronius, identifiziert. Dies erfolgte in erster Linie aufgrund des in der Familie Petronius sehr seltenen praenomens „Titus“.

Als sich abgezeichnet hatte, dass das praenomen des Petronius Niger auch auf den Täfelchen von Herculaneum nicht mehr als Titus, sondern als Publius gelesen werden musste, warnte einer der bedeutendsten Petroniuskenner vor der Aufrechterhaltung der Identifizierung.[4]

Nachdem sich das Titus des Petronius Niger endgültig als Fehllesung herausstellte, erfolgte aber nun nicht die fällige Rücknahme der Identifizierung. Vielmehr wurde nun umgekehrt der Vorname Publius auch „Petronius Arbiter“ dem Autor des Satyricon zugeschrieben.

Außer dieser höchst fragwürdigen Vorgehensweise erscheint die Identifizierung mit dem Autor des Satyricon aus mehreren Gründen als unwahrscheinlich:

  • Widerspruch zu den antiken Quellen:
    Die Zuschreibung des Vornamens Publius ist angesichts der eindeutigen antiken Überlieferung (Plinius, Plutarch, siehe Titus Petronius) nicht zu rechtfertigen. Für die Namensklärung des Satyricondichters richtet die Inschrift des Publius Petronius Niger nichts aus.
  • Chronologischer Widerspruch:
    Gemäß Tacitus[5] wurde Petronius Arbiter erst nach seinem Konsulat arbiter elegantiae. Aber von 62 an wurde er in der Position als arbiter durch Tigellinus abgelöst,[6] der aber nie die elegantia des Petronius erreicht habe.[5]
  • Genealogischer Widerspruch:
    Publius Petronius Niger dürfte ein Sohn des Gaius Petronius Pontius Nigrinus sein. Titus Petronius war vermutlich der Sohn eines anderen Publius Petronius.

Identifizierung mit dem Pharmakologen Petronius[Bearbeiten]

Die Identifizierung des Petronius Niger mit Petronius, dem Pharmakologen des 1. Jahrhunderts n. Chr., erfolgte über eine Stelle bei Dioskurides, der unter Claudius und Nero (41–68) als Militärarzt tätig war und als berühmtester Pharmakologe des Altertums gilt:

καί Νικήρατος καί Ρετρώνιος Νίγερ (τε) καί Διόδοτος. (Diosk. De mater. med. I praef.)
„Nikeratos, Petronius (,) Niger und Diodotos.“

Die besten Handschriften enthalten das τε (nachgestelltes „und“), das Niger von Petronius trennt. Nur in zwei jüngeren Handschriften erscheint Petronius Niger als zusammenhängender Name. Aller Wahrscheinlichkeit nach müssen die Wörter Petronius und Niger also getrennt gelesen werden (hier in der Übersetzung durch das in Klammern gesetzte Komma angedeutet), so dass weitere Namensbestandteile der hier genannten Personen Petronius und Niger völlig unbekannt sind und wegen der Häufigkeit beider Namen ein Identifizierungsversuch nicht sinnvoll ist. Zwar kann nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass sich sowohl Niger als auch Diodotos als Cognomina auf Petronius beziehen, dann fragt es sich aber, warum Dioskurides diesen Bezug nicht durch eine Pluralbildung von Petronius deutlich gemacht hätte.[7]

Der Pharmakologe Petronius scheint bereits zu Beginn des 1. Jahrhunderts gelebt zu haben. Plinius der Ältere nennt ihn Petronius Diodotus,[8] vielleicht nur um anzudeuten, dass Diodotos ihn benutzte.[9] Galen nennt ihn Petronios Musas.[10] Max Wellmann vermutete eine Verwendung der pharmakologischen Bücher des Petronius durch Sextius Niger.[11]

Literatur[Bearbeiten]

  • RE XIX (1938) Sp. 1193f. (zum Pharmakologen Petronius)
  • Peter Habermehl: P. Niger (Arbiter). In: Der Neue Pauly. Bd. 9, 2001, Sp. 672ff. (dort mit T. Petronius Arbiter identifiziert).

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Das Jahr 62 wird heute überwiegend akzeptiert. Dass Petronius Niger nicht im Jahr 61 oder 62 Konsul gewesen sein kann, meint Paul A. Gallivan "Some Comments on the Fasti for the reign of Nero" in: The Classical Quarterly, New Series Vol. 24, Nr. 2 (1974) S. 303 u. 310
  2. Zur sehr schwierigen Lesung der Täfelchen aus Herculaneum und der Zuschreibung siehe G. Pugliese Caratelli, in: La parola del passato 1, 1946, S. 379–385; 3, 1948, 165–184; 8, 1953, 458–460.
  3. Helmut Engelmann, Dieter Knibbe: Das Zollgesetz der Provinz Asia. Eine neue Inschrift aus Ephesos. Habelt, Bonn, 1989 (Epigraphica Anatolica, 14), Z. 1 (= Supplementum epigraphicum Graecum 39, Nr. 1180; L’Année épigraphique 1989, Nr. 681).
  4. "Note that there is good evidence that the praenomen of Petronius Niger was in fact P." Edward Courtney, A Companion to Petronius, New York (2001), S. 7 Anm. 1
  5. a b Tacitus, Annalen 16, 16.
  6. Tacitus, Annalen 15, 37 und 57
  7. William Smith Dictionary of Greek and Roman Biography and Mythology Boston 1867, III 218 f. Zur Textüberlieferung siehe den Kommentar der kritischen Ausgabe von M. Wellmann, 2. Aufl. 1958, ad locum.
  8. Plin. nat. hist. 20,32
  9. Karl Deichgräber: Petronius, in: RE XIX Sp. 1193.
  10. Galen XII 989, XIII 462, 502.
  11. Max Wellmann: Sextius Niger. Eine Quellenuntersuchung zu Dioscurides. In: Hermes 24, 1889, S. 530–569, hier: 568.