Sinthgunt

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Sinthgunt (handschriftlich Sinhtgunt) ist der Name einer vermutlichen germanischen Göttin, die nur im sogenannten Zweiten Merseburger Zauberspruch belegt ist. Ungeklärt ist die Funktion der Göttin innerhalb des germanischen Pantheons und damit eng verbunden die Etymologie des Namens.[1]

In der Beschwörungsformel (Incantatio) des Spruchs zur Pferdeheilung wird Sinthgunt als Schwester der Sunna bezeichnet.

Phôl ende Wuodan fuorun zi holza.
dû wart demo balderes folon sîn fuoz birenkit.
thû biguol en Sinthgunt, Sunna era swister;
thû biguol en Frîja, Folla era swister;
thû biguol en Wuodan, sô hê wola conda:
sôse bênrenki, sôse bluotrenki,
sôse lidirenki:
bên zi bêna, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sôse gelîmida sîn.
     
Phol und Wodan begaben sich in den Wald
Da wurde dem Fohlen des Herrn/Balders sein Fuß verrenkt
Da besprach ihn Sinthgunt, die Schwester der Sunna
Da besprach ihn Frija, die Schwester der Volla.
Da besprach ihn Wodan, wie er es wohl konnte.
So Beinrenkung, so Blutrenkung,
so Gliedrenkung:
Bein zu Bein, Blut zu Blut,
Glied zu Glied, wie wenn sie geleimt wären

Name[Bearbeiten]

In der Handschrift[2] ist der Name als Sinhtgunt eingetragen worden und wird gemein auf die Graphie th verbessert, da überwiegend ein Übertragungsfehler angenommen wird.[3][4] Nach Stefan Schaffner ist dies deshalb zwingend, da das handschriftliche erste Namensglied Sinht- keine vorauszusetzende germanische Lautform *sinχt- fortführen kann, die lautgesetzlich althochdeutsch *sīht ergeben hätte müssen.[5] Für die Grundform des Namens gehen Heiner Eichner und Schaffner von einem zweigliedrigen Komposit germanisch *Senþa-gunþjō aus, in der Bedeutung: „Gang, Kriegszug + Kampf“.[6][7] Die emendierte (verbesserte) Form lässt sich des Weiteren zum Korpus der weiblichen althochdeutschen Personennamen stellen wie zum Beispiel zur synonymen Form Sindhilt aus germanisch *Senþa-χilðijō, (vgl. -hilt zu altnordisch hilðr, altenglisch hild) = „Kampf“.[8]

Deutung[Bearbeiten]

Die mythologische und religionswissenschaftliche Deutung zur Funktion und zum Wesen der Sinthgunt hing und hängt in der Forschung von der jeweiligen favorisierten Etymologisierung des Namens und von der Interpretation des umgebenden literarischen Kontext des zweiten Merseburger Spruchs ab. Da die Sinthgunt zusammen mit der Sunna[9] die ebenfalls namentlich nur im zweiten Merseburger Spruch erscheint als (literarische) Personifikation der Sonne, wurde im 19. Jahrhundert mit Jacob Grimm eine nicht weiter bestimmbare Gerstirnsgottheit angenommen. Sophus Bugge[10] etymologisierte in Bezug auf die nordischen mythologischen Vorlagen[11] Sol[12] und Mani[13] (Sonne und Mond) unter Beibehaltung der handschriftlichen Graphien eine falsche komplizierte Form (Eichner, Schaffner) germanisch *Sin-naχt-gund als „die Nacht-Gehende“[14] – den Mond als Mondgöttin. Die Problematik ist bei diesen Deutungshintergrund, dass weder Sol noch Mani eine relevante Rolle in den Quellen spielen, und Mani männlich ist. Des Weiteren weist Rudolf Simek auf die fehlenden Belege für einen personifizierten Gestirnskult bei den Germanen hin.[15] Friedrich Kauffmann[16] hob hervor, dass gerade die Endungen auf -gund und -hild in den Quellen vor allem als Glieder in walkürischen Personennamen vorliegen, so dass er Sinthgunt dem Kreis der Walküren zuordnete. Ihm folgen Eichner und Schaffner unter Einbeziehung von Gunter Müllers Untersuchung zur Heilerfunktion walkürischer Wesen.[17] Karl Helm lehnte die These von Kauffmann ab und bevorzugt eine Zuordnung der Sinthgunt zu den Idisi des Ersten Zauberspruchs als eine gesonderte definierte Gruppe germanischer Göttinnen.[18] Simek bleibt ob der vielfältigen Deutungsansätze und sich widersprechenden Lösungen unbestimmt und verweist auf die Kernpunkte der ungelösten Fragen der Etymologie und die unklare funktionelle Bestimmung hin. Aus der Gesamtsituation heraus tendiert Wolfgang Beck nach seiner Analyse der Forschungsgeschichte und diversen Deutungsansätze zu einer These Siegfried Gutenbrunners. Dieser deutete Sinthgunt als eine untergeordnete Göttin in Verbindung mit der Sunna, die durch ihre literare Singularität im Kontext des gesamten Spruchs eine Art „Situationsgöttin“ darstellt.[19]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Beck: Die Merseburger Zaubersprüche. (Imagines Medii Aevi 16), Wiesbaden 2003, ISBN 3-89500-300-X.
  • Heiner Eichner: Zum Zweiten Merseburger Zauberspruch. In: Heiner Eichner, Robert Nedoma (Hrsg.): „insprinc haptbandun“. Referate des Kolloquiums zu den Merseburger Zaubersprüchen auf der XI. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft in Halle/Saale (17.-23. September 2000) Teil 2. In: Die Sprache – Zeitschrift für Sprachwissenschaft. 42, Heft 1/2 (2000/2001; erschienen 2003), Wiener Sprachgesellschaft. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2001. ISSN 0376-401X
  • Michael Lundgreen: Merseburger Zaubersprüche. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.) Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Bd. 19, de Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 3-11-017163-5, S. 601–604.
  • Vladimir Orel: A Handbook of Germanic Etymology. Brill, Leiden/Boston 2003, ISBN 90-04-12875-1.
  • Stefan Schaffner: Die Götternamen des Zweiten Merseburger Zauberspruchs. In: Heiner Eichner, Robert Nedoma (Hrsg.): „insprinc haptbandun“. Referate des Kolloquiums zu den Merseburger Zaubersprüchen auf der XI. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft in Halle/Saale (17.-23. September 2000) Teil 1. In: Die Sprache – Zeitschrift für Sprachwissenschaft. 41, Heft 2 (1999; erschienen 2002), Wiener Sprachgesellschaft. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1999. ISSN 0376-401X
  •  Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. 3 Auflage. Kröner Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36802-1.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie, S. 347
  2. Merseburg, Domstiftsbibliothek, Cod. 136, fol. 85r
  3. Heiner Eichner: Zum Zweiten Merseburger Zauberspruch, S.118f.
  4. Stefan Schaffner: Die Götternamen des Zweiten Merseburger Zauberspruchs, S. 169
  5. Stefan Schaffner: Die Götternamen des Zweiten Merseburger Zauberspruchs, S. 169
  6. Heiner Eichner: Zum Zweiten Merseburger Zauberspruch, S.118
  7. Stefan Schaffner: Die Götternamen des Zweiten Merseburger Zauberspruchs, S. 169
  8. Stefan Schaffner: Die Götternamen des Zweiten Merseburger Zauberspruchs, S. 169f.
  9. Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie, S. 397.
  10. Sophus Bugge: Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen. München 1889, S. 298
  11. Lideredda: Grimnismal 37, 39; Vafthrudnismal 22, 23 ; Prosa-Edda: Gylfaginning Kap. 11;
  12. Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie, S. 392f.
  13. Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie, S. 263
  14. Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie, S. 374
  15. Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie, S. 392, 397.
  16. Friedrich Kauffmann: Der Zweite Merseburger Zauberspruch. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 15, 1891, S. 207 – 210 ; Noch einmal der zweite Merseburger Spruch. In: Zeitschrift für deutsche Philologie, 26, 1894, S. 454 – 462
  17. Gunter Müller: Zur Heilkraft der Walküren. Sondersprachliches der Magie in kontinentalen und skandinavischen Zeugnissen. In: Frühmittelalterliche Studien, 10, 1976, S. 358ff.
  18. Karl Helm: Altgermanische Religionsgeschichte, Bd. 2,2 , Universitätsverlag Winter, Heidelberg 1953, S. 219, 227
  19. Wolfgang Beck: Die Merseburger Zaubersprüche, S. 163–171. Hier: S. 171