Theorie sozialer Schließung

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Die Theorie sozialer Schließung ist eine Fortführung von Max Webers Konzept offener und geschlossener sozialer Beziehungen. Im Mittelpunkt der Theorie sozialer Schließung steht die Erklärung jener Prozesse, in denen soziale Akteure den Versuch unternehmen:

zu monopolisieren und andere Akteure davon auszuschließen, d. h. die Zahl der Konkurrenten um Ressourcen, Privilegien, Macht und/oder Prestige gering zu halten.

Der Ausschluss von Konkurrenz findet anhand von beliebigen äußerlich feststellbaren Merkmalen (z. B. Rasse, Sprache, soziale Herkunft) statt. Diese werden zum Anlass genommen, aktuelle oder auch potentielle Konkurrenten vom Mitbewerb um die oben genannten Güter auszuschließen.

Eine Schlüsselposition für soziale Schließung nimmt das sogenannte Gatekeeping ein, das heißt das Bewachen von privilegierten Feldern durch hierfür autorisierte Personen.

Negative Folgen (hoher) sozialer Schließung[Bearbeiten]

  • Soziale Schließung impliziert erheblichen Druck für den Einzelnen innerhalb der abgeschlossenen Gruppe, der zur Aufrecht- und Machterhaltung vor allem von anderen Familienmitgliedern und der Kirche ausgeübt wird. Mögliche Folgen: „In-sich-hineinfressen“ des eigenen psychischen Leides als scheinbar unabwendbare Lebenssituation, psychische Störungen und Krankheiten, übersteigerte Religiosität, organische Krankheiten (Herzinfarkte), oft heimliche Alkohol- und Drogensucht, Ausbrüche aus der Familie, erhöhte Selbstmordrate, Familientragödien mit Gewalt und Toten, Ehrenmorde. Ein besonders aufschlussreiches Beispiel ist die österreichische Kaiserfamilie im 19. Jahrhundert.
  • Fehlbesetzungen von Spitzenpositionen mit unfähigem Personal, das als einzige Qualifikation die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Familie mitbringt. Dadurch schwere wirtschaftliche Schäden möglich: Insolvenz der Firma, Zusammenbruch von Großkonzernen, Niedergang ganzer Wirtschaftszweige und sogar ganzer Staaten. Weitere Folge: Massenentlassungen, Massenarmut, Obdachlosigkeit, Kriminalität, Hinwendung zu extremistischen Parteien und revolutionären Bewegungen, gewaltsame Aufstände bis hin zu Massen- und Völkermord und jahrzehntelangem Bürgerkrieg. Im Erfolgsfall Hinwegfegen der alten Zustände, oder auch noch schlimmere Unterdrückung.
  • Im Extremfall: Versäumen von Modernisierungsprozessen, aktives Bekämpfen von Modernisierern aus Gründen der persönlichen Machterhaltung bis hin zu langjährigen Haftstrafen und sogar Hinrichtung (unter dem Vorwand des Hochverrates etwa), Bildung von Mafiastrukturen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Jürgen Mackert: Die Theorie sozialer Schließung. Das analytische Potenzial einer Theorie mittlerer Reichweite. In: ders. (Hrsg.): Die Theorie sozialer Schließung. Tradition, Analysen, Perspektiven, Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S. 9–24. 2004.
  • Raymond Murphy: Social Closure: The Theory of Monopolization and Exclusion. Clarendon Press. 1996.
  • Frank Parkin: Max Weber, Taylor & Francis Ltd. Überarbeitete Ausgabe. 2002.
  • Frank Parkin: Strategien sozialer Schliessung und Klassenbildung. In: R. Kreckel (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten. Soziale Welt, Sonderband 2. Göttingen. 1993.

Weblinks[Bearbeiten]