Totschlagargument

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Totschlagargumente sind inhaltlich nahezu leere Argumente, also Scheinargumente, bloße Behauptungen oder Vorurteile, von denen der Disputant annimmt, dass die Mehrheit der Diskussionsteilnehmer entweder mit ihm in der Bewertung übereinstimmt oder keinen Widerspruch wagt, da dies in der öffentlichen Meinung auf Ablehnung stößt (siehe Schweigespirale). Der auf Charles Clark zurückgehende Begriff Killerphrase (killer phrase) wird umgangssprachlich oft synonym für „Totschlagargument“ benutzt. Im Gegensatz zum Totschlagargument fehlt der Killerphrase aber der argumentative Schein, der damit unmittelbar die Absicht ausdrückt, ein Gespräch, eine Diskussion oder einen kreativen Prozess beenden zu wollen.

Ziele[Bearbeiten]

Beide Arten von Phrasen haben das gleiche kommunikative Ziel. Das „Totschlagargument“ ist eine bestimmte Form der Killerphrase, die einen argumentativen Anschein hat.

Solche Phrasen sollen entweder Widerspruch verhindern („totschlagen“), der Ablehnung dienen, der Herabsetzung der Gesprächspartner dienen oder mehrere dieser Ziele gleichzeitig erreichen. Killerphrasen und Totschlagargumente werden z. B. eingesetzt, wenn Zweifel bestehen, den Diskussionspartner überzeugen zu können oder wenn der eigene Standpunkt kurzfristig durchgesetzt oder die eigenen Interessen gewahrt werden sollen.[1] Mit solchen Phrasen wird ein kreativer Prozess in einer Diskussion verhindert. Die fehlende Überzeugungsabsicht unterscheidet das Totschlagargument von einem Argument.

Beispiele[Bearbeiten]

  • Killerphrase: „Das hat doch keinen Sinn!“, „Das ist Unsinn!“, „Das wäre ja noch schöner!“, „Das ist eben so.“, „Es ist alternativlos.“, „Haben Sie keine anderen Sorgen?“, „Das besprechen wir ein andermal!“, „Werden wir nicht alle oft erst aus Schaden klug?“
  • Totschlagargument: „Das würde den Rahmen sprengen.“, „Das ist unserer Zielgruppe nicht vermittelbar.“, „Daran sind schon ganz andere gescheitert.“, „Das hat noch nie funktioniert!“, „Das ist politisch nicht korrekt.“, „Das ist doch ein Totschlagargument.“, „Es gibt keine vernünftige Alternative!“ (siehe auch: TINA-Prinzip (There Is No Alternative)).

Kategorisierung[Bearbeiten]

Die Autorin Meike Müller unterscheidet sechs Arten von Killerphrasen nach der damit verbundenen Absicht.

  • Beharrungs-Killerphrasen sollen Veränderungen verhindern. (Beispiel: „Das haben wir schon immer so gemacht.“)
  • Autoritäts-Killerphrasen drücken ein Überlegenheitsgefühl zur Einschüchterung aus. (Beispiel: „Wie oft muss ich das noch sagen: Das läuft so nicht!“)
  • Besserwisser-Killerphrasen werden von Leuten benutzt, die sich für intelligenter halten und anderen ihre Ansichten aufdrängen wollen. (Beispiel: „Ich weiß schon, wie das endet.“, „Das brauchst Du mir nicht zu sagen.“)
  • Bedenkenträger-Killerphrasen drücken eine mitunter zögerlich vorgetragene Angst vor Veränderungen aus. (Beispiel: „Das sollten wir lieber lassen. Wir wollen uns doch nicht die Finger verbrennen.“)
  • Vertagungs-Killerphrasen sollen aus Angst vor Fehlern Entscheidungen hinauszögern. (Beispiel: „Meiner Meinung nach ist die Zeit dafür noch nicht reif.“)
  • Angriffs-Killerphrasen sind offene, persönliche Angriffe. (Beispiel: „Typisch Meier!“ oder „Typisch deutsch!“)

Weitere Varianten:

  • Bescheidenheits-Killerphrasen suggerieren, dass das geäußerte Vorhaben unrealisierbar ist. (Beispiel: „Wir sind doch nicht die Royal Bank of Scotland!“)
  • Vorwurfskillerphrasen sollen den Ansprechpartner durch einen sehr allgemein gehaltenen Vorwurf mundtot machen. (Beispiel: „Da hätten Sie vorher mal besser zuhören sollen!“, „Das weiß doch jedes Kind/jeder Idiot.“)

Kennzeichen[Bearbeiten]

  • Der Einsatz kann beinahe an beliebiger Stelle erfolgen.
  • Dem Diskussionsergebnis wird vorgegriffen, die Diskussion damit als solche in Frage gestellt.
  • Die Argumentation kommt der Verletzung oder Herabsetzung des Gegenübers (Verunglimpfung) sehr nahe.
  • Der Diskussionsverlauf wird manipuliert, weil es zur sinnvollen Weiterführung nötig ist, erst den Konsens wiederherzustellen, und dieser zumindest vorübergehend den ursprünglichen Gegenstand der Diskussion als solchen verdrängt (Metakommunikation).
  • Sie sind nicht zwingend logisch widerlegbar, womit rhetorisch der Eindruck erzeugt wird, sie seien für das Thema relevant, auch wenn das nicht der Fall ist.

Es wird überspielt, dass sowohl die Behauptung als auch ihr Gegenteil weder be- noch widerlegbar sind und sich einer sachlichen Auseinandersetzung entziehen. Damit ist eine solche Behauptung zumindest im Kontext der Situation wertlos. Meist handelt es sich um subjektive Bewertungen des Gegenstands einer Diskussion, vor allem des Vorredners mit massiver impliziter Wertung ohne einhergehende Begründung.

Totschlagargumente können für gewöhnlich von den Beteiligten nicht hinterfragt werden, da sie nur auf der so genannten Meta-Ebene der Kommunikation behandelt werden, was eine gewisse rhetorische Kompetenz erfordert. Sie beeinträchtigen kreative Prozesse, wie zum Beispiel beim Brainstorming, stören die Beziehungsebene der Beteiligten und sind damit eine Form der so genannten „gewaltsamen Kommunikation“ (siehe hierzu: Gewaltfreie Kommunikation). Sie widersprechen somit den Prinzipien der Teamfähigkeit.

Häufig zu beobachten sind auch stark übertriebene Aussagen, die zu einer Polarisierung der Gesprächspartner und Ablenkung von der eigentlichen Diskussion führen sollen. Beispielsweise kann ein Vorwurf, etwas habe NS-Nähe, bei einem Opponenten der Diskussion zu Distanzierungen oder Rechtfertigungen von Aussagen führen, die vom eigentlichen Thema ablenken.

Lösungen[Bearbeiten]

Ein Totschlagargument kann als solches gekennzeichnet und zurückgewiesen und dieses Prinzip zur Diskurskultur erklärt werden. Auch ein Ignorieren von Totschlagargumenten oder ein subversives Vorgehen kann erfolgreich sein. Vorbeugend können auch folgende Grundsätze hilfreich sein: Die Leitung einer Diskussion verhält sich vorbildlich und achtet in der Moderation der Diskussionsrunde auf die Einhaltung der Regeln, die für Workshops, Brainstorming etc. auch schriftlich aufgestellt werden können:

  • jeder darf ausreden / niemand unterbricht,
  • jeder hört zu,
  • ein Mensch – eine Stimme.

Das Streben nach asymmetrischer Kommunikation kann als Grundlage für den Einsatz von unfairen Stilmitteln erkannt und vermieden werden. So bieten das Win-Win-Konzept in der Verhandlungsführung, das Clienting, das Harvard-Konzept, die Moderationsmethode sowie die Themenzentrierte Interaktion im Umgang mit einem Thema, der eigenen Rolle und dem Gegenüber hinreichend erprobte Kommunikationsmodelle zur Vermeidung von Gesprächsumfeldern, in denen es zur Anwendung von Totschlagargumenten kommt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Charles Hutchison Clark: Brainstorming. Methoden der Zusammenarbeit und Ideenfindung. Verlag Moderne Industrie, 1973.
  •  Antonia Cicero, Julia Kuderna: Clevere Antworten auf dumme Sprüche. Killerphrasen kunstvoll kontern; Powertalking in Aktion. Paderborn, 2001, ISBN 3-87387-455-5.
  •  Meike Müller: Killerphrasen… und wie Sie gekonnt kontern. Verlag Eichborn, Frankfurt/Main 2003, ISBN 3-821-85564-9.
  •  Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger, Harald Böck: Das hat noch nie funktioniert. Die besten Killerphrasen von A wie „Aber“ bis Z wie „Zielgruppe“. Weinheim, 2005, ISBN 3-527-50197-5.
  •  Hubert Schleichert: Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren. Anleitung zum subversiven Denken. 4. Auflage. Beck, 2004, ISBN 978-3406511240.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Totschlagargument – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Eberhardt Hofmann: Lassen Sie sich nicht manipulieren!. Moderne Verlagsges. Mvg, 2005, ISBN 978-3636070821, S. 17-19.