Erdölkonstante

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Als Konstanz der statischen Reichweite oder etwas ironisch Erdölkonstante[1] (keine Konstante im mathematischen Sinn) wird die medial aufgegriffene Beobachtung bezeichnet, dass sich die statische Reichweite von Erdöl, d. h. das Verhältnis von förderwürdigen Reserven zu jährlicher Förderung, seit mehreren Jahrzehnten kaum verändert hat.[2]

Konstanz der Reichweite[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Statische Reichweite von Rohöl

Im Jahre 2018 wurden 4,5 Gt (186,5 EJ) Erdöl verbraucht; die gesicherten Reserven lagen bei 244 Gtoe (10.201 EJ).[3]:41ff Somit errechnet sich eine statische Reichweite von 54 Jahren. 1919 lag die statische Reichweite in den USA bei nur 9 Jahren und im Jahr 1948 global bei 20 Jahren, was bis 1972 auf Werte um 35 Jahre anstieg und seither weitgehend konstant blieb.[4] 1975 ergab sich ein Wert von 35, der bis 2003 langsam auf 40 Jahre wuchs.[5]

Die in der Industrie gern zitierte Konstanz der Reichweiten[6] ist vor allem Folge einer besseren Ausbeutung von bekannten Ölfeldern.[4] Die Reichweitenverlängerung entsteht vor allem durch bereits bekannte Vorkommen, die mit besseren und teureren Methoden ausgebeutet werden.[7] Zudem werden mit steigendem Ölpreis bekannte, unkonventionelle Vorkommen wie etwa Ölsande und Tight Oil im Schiefergestein und andere schwer erschließbare Vorkommen in der Tiefsee oder arktischen Regionen attraktiv.

Reservenausweitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein großer Teil des Reservenwachstums seit 2000 und damit der Verlängerung der statischen Reichweite beruht auf der "Umbuchung" der ausgedehnten Schwerölvorkommen Venezuelas und der Ölsande Kanadas von Kategorie "Ressource" in "Reserve". Dies ist auf die Entwicklung des Ölpreises zurückführen, der ab der Jahrtausendwende von 20 $/bbl auf über 100 $/bbl anstieg. Zudem war in den späten 80er Jahren bei den OPEC-Staaten eine höhere Reserveausweisung zu beobachten, ohne dass aktuelle Neufunde gemeldet wurden; diese deklaratorische Strategie hatte damit zu tun, dass die Förderquote von der Reservengröße des jeweiligen Landes abhing.[8]

Laut Abdallah Dschumʿa, dem ehemaligem CEO von Aramco, muss sich die Welt in absehbarer Zeit keine Sorgen über versiegende Ölvorkommen machen. Er ging 2008 davon aus, dass von den vorhandenen flüssigen Ölvorkommen (oil in place: recoverable conventional and non-conventional liquid fuel resources) weniger als zehn Prozent bereits gefördert wurden. Er vertrat die Auffassung, dass Erdöl noch für rund ein Jahrhundert reicht. Zusätzlich zur kumulierten Ölförderung von 1,1 Mrd. Barrel, nehme er an, dass nicht nur die übliche Schätzung von 1,3 Mrd. Barrel noch gewinnbar seien, sondern unter konservativen Annahmen noch über 3 Mrd. Barrel gefördert werden können und bei optimistischeren Annahmen bis zu 6 Mrd. Barrel.[9] Auch gemäß Leonardo Maugeri sei das Zeitalter von Öl und fossilen Rohstoffen noch lange nicht vorbei, ein Großteil der fossilen Rohstoffe sei noch gar nicht erschlossen.[4][7]

Die Erschließung neuer Ölvorkommen beruht zum einen auf technologischem Fortschritt in der Prospektion, auf Tiefseebohrtechniken, und Zugänglichmachung von Ölfeldern in den polnahen Regionen mit ihrer Transportproblematik. Zum anderen werden aufgrund höherer Ölpreise zunehmend auch unkonventionelle Ölvorkommen wie Ölsande und Tight Oil Formationen als Reserve bewertet.[10] Zu den Technologien gehört auch Fracking minderwertigerer oder schon als ausgebeutet beurteilter Vorkommen. Die Erschließung von Energieträgern wie Methanhydrat im Permafrost oder den Kontinentalhängen steht erst in der Erforschung.

Rohölfunde (incl. rückdatierte Reserven­ausweitung) und Ölförderung von 1930 bis 2006

Kritiker wie Matthew Simmons oder Colin J. Campbell halten dies für eine problematische Überschätzung der Ölvorkommen und weisen darauf hin, dass das Reservenwachstum durch die fehlende Rückdatierung auf erstmalige Entdeckung einer Lagerstätte falsch dargestellt werde. Seit den 1980er Jahren werde weniger neues Öl gefunden als gefördert. Neben politisch motivierten Reservenausweitungen von OPEC-Ländern (siehe oben) tragen auch die Bilanzierungsregeln für börsennotierte Ölfirmen dazu bei, dass bei Neufunden nicht der Erwartungswert der förderbaren Menge angegeben wird, sondern die vorsichtige untere P90-Schätzung, die dann im Laufe der Förderung scheibchenweise erhöht wird.[8] Campbell hat das als globales Ölfördermaximum bekannte Szenario seit den 1980er Jahren[11] regelmäßig und jeweils immer unzutreffend vorausgesagt. 2019 wurde mit 101,3 Millionen Barrel pro Tag ein Höchststand der weltweiten Ölförderung (all liquids, incl. Biokraftstoffen und unkonventionellem Öl) erreicht,[12] wobei die Förderung des konventionellen (billigen) Erdöls seit 2005 stagniert.[3]:43

Öl & Gas vs. Kohle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Gegensatz zu den Öl & Gas Reserven, die von börsennotierten Unternehmen nach dem Vorsichtsprinzip eher zurückhaltend bilanziert wurden und somit dem Aufbau von stillen Reserven dienten, ist bei Kohlereserven ein umgekehrter Trend zu beobachten. Hier ist häufiger ein Verfall der Reserven zu beobachten, wie z. B. in Großbritannien (1968) oder Deutschland (2004). Dies liegt daran, dass die Reservenschätzungen von öffentlich bestellten Geologen durchgeführt wurden, die den zu bewerteten Untergrund sehr gut kannten, aber mit zu positiven Annahmen bzgl. der Abbauwürdigkeit arbeiteten (z. B. 1 Fuß Flößdicke bis in 4000 Fuß Tiefe bei der Royal Commission on Coal, 1871). An diesen normativen Festlegungen wurde über Jahrzehnte festgehalten, bis später realisiert wurde, dass diese Abgrenzungen nicht zu halten sind und es zu einem Reservenkollaps in diesen Ländern kam.[13] Gleichermaßen kam es zu einem Abschmelzen der statischen Reichweite für Kohle in diesen Ländern.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fusion: Bereits seit Mitte des letzten Jahrhunderts wird die technische Beherrschung der kontrollierten Kernfusion und thermischer Energiegewinnung in Kernfusionsreaktoren mit einer annähernd konstant bleibenden Restentwicklungszeit von 30–40 Jahren vorhergesagt.[14]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Arndt Reuning: Energie aus Erdöl und Erdgas. In: Wissenschaft im Brennpunkt – Serie: Die letzten Tage der Saurier? Kraftwerkstechnik auf dem Prüfstand, Teil 2. Deutschlandfunk, 23. Juli 2006, abgerufen am 17. Januar 2021.
  2. BP: Statistical Review of World Energy 2020. 69th edition. BP, 15. Juni 2020, S. 15, abgerufen am 19. Januar 2021: „Reserves-to-production (R/P) ratios, History“
  3. a b C. Gaedicke, D. Franke, S. Ladage, R. Lutz, M. Pein, D. Rebscher, M. Schauer, S. Schmidt, G. von Goerne: BGR ENERGIESTUDIE 2019 (= Daten und Entwicklungen der deutschen und globalen Energieversorgung. Band 23). Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Hannover 2020, ISBN 978-3-9814108-3-9 (bund.de [PDF; 8,5 MB]): „Tabelle 4: Reserven und Ressourcen nicht-erneuerbarer Energierohstoffe sowie theoretische CO2–Emissionen“
  4. a b c Leonardo Maugeri: Oil: Never Cry Wolf – Why the Petroleum Age Is Far from over. In: Science. Band 304, Nr. 5674, 21. Mai 2004, S. 1114–1115, doi:10.1126/science.1096427 (resilience.org [abgerufen am 15. Januar 2021]).
  5. Johannes Pollak, Samuel Schubert, Peter Slominski: Die Energiepolitik der EU. utb, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8252-3131-6, S. 20.
  6. Wolfgang W. Merkel, Die WELT 3. Dezember 2005: Energie aus der Tiefe, aufgerufen 23. Mai 2012
  7. a b Leonardo Maugeri: Oil: The Next Revolution. Discussion Paper 2012-10. Belfer Center for Science and International Affairs, Harvard Kennedy School, Cambridge, MA Juni 2012 (belfercenter.org [PDF; 1,6 MB; abgerufen am 15. Januar 2021]).
  8. a b Colin Campbell: Peak Oil – A Turning Point for Mankind. In: Video-Server. TU Claustahl, 7. Dezember 2000, S. 15:30, abgerufen am 15. Januar 2021. Vortragstext
  9. Peter Glover: Aramco Chief Debunks Peak Oil. (Nicht mehr online verfügbar.) In: Energy Tribune. 17. Januar 2008, archiviert vom Original am 15. Februar 2012; abgerufen am 29. Juli 2008 (englisch).
  10. Endliche Ölreserven: Apokalypse irgendwann Spiegel 11. Juni 2012 Alexander Jung
  11. Beleg ergänzen; Campbell ist Mitte der 90er Jahre in Pension gegangen und hat The End of Cheap Oil 1998 veröffentlicht.
  12. Oil Market Report - January 2020. In: Oil Market Report. IEA, 16. Januar 2020, S. 53, abgerufen am 15. Januar 2021: „Table 1 World Oil Supply and Demand“
  13. Dave Rutledge: Hubbert Analysis for Coal. In: Energy Supplies and Climate. California Institute of Technology, März 2018, abgerufen am 14. Januar 2021.
  14. Ulf von Rauchhaupt: Sonnenfeuer am Boden. In: Die Zeit, 1999, aufgerufen 23. Mai 2012.