AWH-Standard

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Der AWH-Standard („AWH“ = Arbeitskreis der wertermittelnden Berater im Handwerk) ist ein Standard zur Unternehmensbewertung von kleinen und mittleren Betrieben. Die Bewertungssystematik geht nach dem Ertragswertverfahren vor und lehnt sich stark am IDW S1-Standard an, wurde jedoch an den Stellen modifiziert bzw. ergänzt, an denen der IDW-Standard für kleine und mittlere Betriebe nicht oder nur schwer anwendbar ist. Der AWH-Standard wurde entwickelt von Beratern der Handwerksorganisation und findet vornehmlich dort Anwendung.

Systematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der AWH-Standard orientiert sich stark an den Regelungen des IDW-Standards S1 und ES 1. Grundlegend findet das Ertragswertverfahren Anwendung. Es wird dabei versucht, ein möglichst neutralisiertes Betriebsergebnis herzuleiten und dieses dem Risiko der „Kapitalanlage Unternehmen“ gegenüberzustellen.

Die Systematik der Wertermittlung sieht dabei vor, einen möglichst neutralen Ertrag des zu bewertenden Betriebes zu ermitteln (Korrektur bspw. um nicht marktgerechte Mietzahlungen etc.) und diesen dann mit einem Kapitalisierungszinssatz abzuzinsen. Dabei wird die Risikostruktur des zu bewertenden Unternehmens mit Aufschlägen auf den Kapitalisierungszinssatz abgebildet. Dies dürfte die wohl größte Abweichung zur Vorgehensweise im Rahmen des IDW-Standards sein, der die Abbildung des unternehmensindividuellen Risikos alleine durch Veränderungen des prognostizierten Ertrags und nicht durch Anpassungen auf der Seite des Kapitalisierungszinssatzes vorsieht (vgl. auch IDW Praxishinweis 01/2014: "Besonderheiten bei der Ermittlung eines objektivierten Unternehmenswerts kleiner und mittelgroßer Unternehmen).

Unterscheidung zu vorhandenen Bewertungssystematiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das AWH-Verfahren berücksichtigt die Besonderheiten kleiner und mittlerer Unternehmen. Diese sind unter anderem:

  • starke Prägung des Unternehmens vom Inhaber
  • Verflechtung von Privat- und Betriebsvermögen
  • häufig fehlende Planung

Dem wird mit den nachstehenden Besonderheiten Rechnung getragen, die das AWH-Verfahren von den bisherigen Systematiken zur Unternehmensbewertung abheben:

  • Herleitung der Planwerte aus den gewichteten Vergangenheitszahlen
  • Ansatz des kalkulatorischen Unternehmerlohns durch Herleitung von Tariflöhnen zzgl. Zuschlägen möglich
  • detaillierte Risikoermittlung durch Zuschläge auf den Kapitalisierungszinssatz in 10 Risikokategorien
  • starke Berücksichtigung der Inhaberabhängigkeit durch hohe Gewichtung in der Risikoanalyse

Dies führt unter anderem dazu, dass bei Bewertungen nach dem AWH-Verfahren regelmäßig Kapitalisierungszinssätze nach Steuern zwischen 15 und 25 % verwendet werden, was letztlich aber der tatsächlichen Risikostruktur eines Handwerksbetriebes und allgemein eines kleinen und mittleren Unternehmens Rechnung trägt.

Dies zeigt sich in einer Erhebung, die im Jahr 2008 anlässlich der Diskussionen um die Anerkennung von Wertermittlungen bei der Erbschaft- und Schenkungsteuer gemacht wurden. In einer bundesweiten Befragung unter den Handwerkskammern wurden die ermittelten Werte von Unternehmen (nach dem AWH-Verfahren) den tatsächlich erzielten Kaufpreisen gegenübergestellt. Im Ergebnis war festzuhalten, dass der Kapitalisierungszinssatz nach Steuern, der zum tatsächlich erzielten Kaufpreis geführt hätte, bei durchschnittlich 19,44 % gelegen wäre.

Aktuelle Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der AWH-Standard wird bundesweit von fast allen Handwerkskammern und zahlreichen Fachverbänden angewendet. In regelmäßigen Grundlagen- und Fortgeschrittenenschulungen werden die Berater, die diesen Standard anwenden, professionell geschult.

Seit dem Jahr 2005 ist die „Planungsgruppe Unternehmensbewertung“ als offizielles Gremium im Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZdH) installiert, der Standard wird seitdem im Rahmen dieser Planungsgruppe weiterentwickelt und -verbreitet.[1]

Anerkennungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben der offiziellen Installation des AWH-Verfahrens als Standard-Bewertungsverfahren im deutschen Handwerk wurde dieses im Jahr 2008/2009 als branchentypisches Verfahren zur Ermittlung des Unternehmenswerts für Zwecke der Erbschaft- und Schenkungsteuer offiziell anerkannt. Eine Arbeitsgruppe des Bundesfinanzministeriums und aller Länderfinanzministerien hat im Januar 2009 festgesetzt, dass das AWH-Verfahren für die Zwecke der Betriebsbewertung zur Ermittlung der Besteuerungsgrundlage bei der Erbschaftsteuer angewendet werden kann. Auch in der aktuellen Diskussion um eine Novellierung des Erbschaftsteuergesetzes wird versucht, den AWH-Standard weiterhin als branchentypisches Bewertungsverfahren Anerkennung zukommen zu lassen.[2]

Ursprünge und Anfänge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ersten Arbeiten zur Entwicklung eines eigenen Standards zur Unternehmensbewertung von kleinen und mittleren Betrieben wurden Ende des Jahres 2002 aufgenommen. Betriebsberater der bayerischen Handwerkskammern und der Handwerkskammer Ulm fanden sich regelmäßig zusammen, um die bisherigen Ansätze bei Unternehmensbewertungen zusammenzutragen und ein gemeinsames Gerüst zu entwickeln. Anlass war die Beobachtung, dass der Markt die Besonderheiten von Handwerksbetrieben, und damit kleinen und mittleren Betrieben allgemein, bisher noch nicht ausreichend in den bestehenden Methoden zur Wertermittlung von Unternehmen berücksichtigte. Ziel der Gruppe war somit, ein Instrumentarium zu entwickeln, das speziell für diese Unternehmen passend sein sollte.

Nach rund zwei Jahren Arbeit wurde im Jahr 2004 die erste Version des „AWH-Standards“ veröffentlicht. Bis zum Jahr 2006 wurde das Handbuch zur Unternehmensbewertung nach dem AWH-Standard bereits über 6.000-mal heruntergeladen, die Akzeptanz stieg stetig an. Mit dem Jahr 2006 wurde dann die Version 2.0 veröffentlicht, die weitere Verfeinerungen und Anpassungen enthielt. Es folgten nach und nach Weiterentwicklungen, bis im Jahr 2013 die nun aktuelle Version des AWH-Standards 5.0 veröffentlicht wurde.[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andreas Conrad Schempp: Unternehmensbewertung im Handwerk. Betriebswirtschaftliche Analyse des AWH-Standards zur Unternehmensbewertung. Ludwig-Fröhler-Institut, München 2012. ISBN 978-3-925397-68-4 (online, PDF-Datei)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Flyer AWH (Memento des Originals vom 7. Januar 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.zdh.de.
  2. Pressemitteilung ZdH zum AWH-Standard.
  3. offizielle AWH-Seite.