Akkordtastatur

Eine Akkordtastatur ist eine Tastatur, die allein durch Bewegung der Finger und ohne Handbewegungen und oft auch mit nur einer Hand betätigt werden kann. Um die komplette Tastaturfunktionalität zu erreichen, muss man dabei ggf. mehrere – bis hin zu fünf – Tasten gleichzeitig drücken, so dass die Zeichen gleichsam wie bei einem Klavier als Akkorde dargestellt werden. Dazu weist die Tastatur besonders viele Modifier-Tasten auf.[1]
Diese Tastaturen kommen zum Einsatz, wenn normale Tastaturen unpraktisch wären (zum Beispiel wenn die Eingaben im Stehen, Gehen oder Liegen (Bettlägerigkeit) zu erfolgen haben). Zur einfacheren Bedienung werden die Akkorde nach Erkenntnissen aus der Codierungstheorie und der Psychologie festgelegt, um einfache Akkorde für häufige Zeichen verwenden zu können.
Nachteilig ist der vergleichsweise höhere Trainingsaufwand, wobei nach abgeschlossener Lernphase normale oder schnellere Zeichenraten als mit Standardtastaturen erreicht werden können. Akkordtastaturen für Stenographen zählen zu den schnellsten und exaktesten Eingabegeräten für Texte, wofür jedoch typischerweise eine dreijährige, intensive Ausbildung des Benutzers erforderlich ist.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die früheste bekannte Akkordtastatur war Teil der „Fünf-Nadel“-Telegrafenstation, die 1836 von Charles Wheatstone und William Fothergill Cooke entwickelt wurde. Dabei zeigten zwei beliebige der fünf Nadeln nach links oder rechts, um Buchstaben auf einem Raster auszuwählen. Sie war für ungeschulte Bediener konzipiert (die anhand des Rasters bestimmten, welche Tasten sie drücken mussten) und wurde nicht eingesetzt, wenn geschulte Telegrafisten zur Verfügung standen.
Die erste weit verbreitete Verwendung einer Akkordtastatur fand sich in der Stenotype-Maschine, die von Gerichtsreportern verwendet wurde. Sie wurde 1868 erfunden und ist noch heute in Gebrauch. Die Ausgabe der Stenotype-Maschine war ursprünglich ein phonetischer Code, der später transkribiert werden musste (in der Regel von demselben Bediener, der die ursprüngliche Ausgabe erzeugt hatte), und kein beliebiger Text – wie es heute mit automatischer Konvertierungssoftware üblich ist.


Im Jahr 1874 wurden der 5-Bit-Baudot-Telegrafencode und eine passende 5-Tasten-Akkordtastatur entwickelt, die zur manuellen Bildung der Codes verwendet werden sollten. Der Code ist auf Geschwindigkeit und geringen Verschleiß optimiert: Die Akkorde wurden so gewählt, dass die am häufigsten verwendeten Zeichen die einfachsten Akkorde verwendeten. Aber Telegrafisten verwendeten bereits Schreibmaschinen mit QWERTY-Tastaturen, um empfangene Nachrichten zu „kopieren“, so dass es zu dieser Zeit sinnvoller war, eine Schreibmaschine zu bauen, die die Codes automatisch generieren konnte, anstatt ihnen die Verwendung eines neuen Eingabegeräts beizubringen.
Frühe Lochkartenlocher mit 12 beschrifteten Tasten stanzten kodierte Informationen in Papierkarten. Die Zahlen 0 bis 9 wurden durch einen Stanzvorgang dargestellt, 26 Buchstaben durch Kombinationen von zwei Stanzvorgängen und Symbole durch Kombinationen von zwei oder drei Stanzvorgängen. Die Brailleschrift (für Blinde) verwendet entweder 6 oder 8 taktile „Punkte“, aus denen alle Buchstaben und Zahlen gebildet werden. 1892 entwickelte Frank Haven Hall, Leiter des Illinois Institute for the Education of the Blind, den Hall Braille Writer, eine Art Schreibmaschine mit 6 Tasten, eine für jeden Punkt in einer Braille-Zelle.[2] Der Perkins Brailler, der erstmals 1951 hergestellt wurde, verwendet eine Tastatur mit 6 Tasten (plus einer Leertaste) zur Erzeugung von Brailleschrift und ist als erschwingliches Produkt für den Massenmarkt sehr erfolgreich. Braille verwendet wie Baudot ein Zahlensymbol und ein Umschaltsymbol, das für die Umschaltsperre wiederholt werden kann, um Zahlen und Großbuchstaben in die 63 Codes zu integrieren, die mit 6 Bit darstellbar sind.
Der Erfinder der Computermaus, Douglas C. Engelbart, entwarf in den 1960er Jahren eine Akkordtastatur als seinerzeit neuartiges Tastaturkonzept. Seine Tastatur bestand aus nur fünf unbeschrifteten Tasten und konnte mit einer Hand bedient werden, wobei für die meisten Zeichen mehrere Tasten gleichzeitig gedrückt werden mussten. Ihr Vorteil ist, dass die Finger auf den Tasten ruhen. Seine Untersuchungen ergaben, dass sich die Bedienung einer solchen Tastatur schneller erlernen lässt als die einer herkömmlichen Tastatur. In Kombination mit der Maus hätte der Benutzer damit für jede Hand jeweils ein Eingabegerät.[3]
Microwriter und CyKey
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1978 stellten der US-amerikanische Regisseur Cy Endfield und sein britischer Partner Chris Rainey Microwriter MW4 mit sechs Tasten und einem LC-Display vor.[4] Den Angaben zufolge war die Bedienung in weniger als einem halben Tag erlernbar, weil die Tastenzuordnung als mnemonische Hilfe der Form der Buchstaben angepasst war.[5] 1996 stellte die britische Firma Bellaire Electronics mit CyKey eine von Chris Rainey betriebene Weiterentwicklung mit vier zusätzlichen Tasten vor.[6] Sie konnte sowohl mit der linken als auch der rechten Hand bedient werden und erlaubte die Eingabe vieler Sonderzeichen. Aufgrund der ungewohnten Bedienung blieb ihnen der Markterfolg versagt.
Velotype
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Mit Velotype wurde ein anderer Ansatz gewählt: Statt mit einzelnen Tasten Buchstaben einzugeben, werden hier mit Hilfe von Tastenkombinationen ganze Silben geschrieben. Diese Erfindung der Holländer Nico Berkelmans und Marius den Outer im Jahr 1933[7] wurde ursprünglich Tachotype genannt. Herman Schweigman und Rudolf Nitzsche bauten 1982 eine elektronische Version der Tachotype und nannten sie Velotype.
Im Gegensatz zu herkömmlichen QWERTY-Tastaturen, bei denen der Schreibende normalerweise jeweils eine Taste drückt, um jeweils ein Zeichen zu erzeugen, muss der Benutzer einer Velotype mehrere Tasten gleichzeitig drücken, wodurch Silben statt Buchstaben erzeugt werden.[8] Ein geübter Velotypist kann bis zu 200 Wörter pro Minute schreiben, doppelt so viel wie bei schneller herkömmlicher Schreibweise. Aus diesem Grund wird Velotype häufig für Live-Anwendungen wie Untertitelung für das Fernsehen und für Hörgeschädigte verwendet.[9]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Quellen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Sabra Chartrand: Patents; A keyboard fits in the palm of the hand to make computing mobile, but it doesn't speak Qwerty. New York Times, 12. August 2002, abgerufen am 19. September 2009 (englisch).
- ↑ Ingenuity. In: America! The Greatest Country in the History of Mankind. Archiviert vom am 1. Mai 2012; abgerufen am 25. Februar 2012 (englisch).
- ↑ Keyset. Doug Engelbart Institute, abgerufen am 23. Januar 2015 (englisch).
- ↑ Write into type - The revolutionary of transferring your thoughts directly into print. (PDF) 1978, abgerufen am 30. Juli 2022 (englisch).
- ↑ Bill Buxton: Microwriter. Microsoft, April 2011, abgerufen am 30. Juli 2022 (englisch).
- ↑ Bill Buxton: CyKey. Microsoft, April 2011, archiviert vom (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 20. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Fred Lagnol: Cronica. In: Cosmoglotta. Band 22, Nr. 1, Februar 1939, S. 53 (Interlingue, onb.ac.at [PDF; abgerufen am 20. Dezember 2025]).
- ↑ Velotype. Functioning of the keyboard. Abgerufen am 20. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ LTA Cource: Velotyping Track. (Video, 10:28 min) Live Text Access, 8. August 2021, abgerufen am 20. Dezember 2025 (englisch).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- FrogPad. FrogPad, Inc., 12. August 2002, abgerufen am 19. September 2009 (englisch).
- John W. McKown: Yet Another One-hand Keyboard. 12. August 2002, abgerufen am 19. September 2009 (englisch).
- ENTIkey++, Einhändig tippen auf einer Standard-Tastatur. eastcoast laboratories, 12. August 2002, abgerufen am 19. September 2009 (englisch).