An die ferne Geliebte

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Titelblatt der Erstausgabe (1816), Bonn, Beethoven-Haus

An die ferne Geliebte“, Opus 98, ist ein Liederzyklus von Ludwig van Beethoven aus dem Jahre 1816. Er gilt als erster Liederzyklus überhaupt.

Entstehung und Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beethoven beendete den Zyklus laut Autograph „1816 im Monath April“. Es befindet sich seit 1907 im Bonner Beethoven-Haus (Signatur BH 69). Die Erstausgabe erschien im Oktober 1816 im Verlag S. A. Steiner & Comp. in Wien.[1] Sie ist Beethovens langjährigem Gönner Fürst Joseph von Lobkowitz gewidmet. Die Vignette auf dem Titel zeigt rechts einen Sänger mit Laute, auf einem Steinhügel sitzend, der nach links zu einer Wolke mit der Geliebten schaut.

Mehrere Forscher vermuten, dass das Werk direkt im Auftrag des Fürsten entstand – der im Übrigen auch als Sänger auftrat –, und zwar zum Andenken an dessen Frau, Fürstin Maria Karoline von Schwarzenberg. Es wäre damit eine Art weltliches „Requiem“. Die Fürstin starb am 24. Januar 1816 in Prag im Alter von 40 Jahren. Lobkowitz soll seine Frau sehr geliebt haben und war in den folgenden Tagen „in einem schräcklichen Zustande ganz wie vernichtet“.[2] Birgit Lodes wies 2011 erstmals nach, dass sowohl der Text als auch das Titelblatt der Erstausgabe tatsächlich auf eine Geliebte im „Himmel“ deuten.[3] Hinzu kommt, dass die sechs Gedichte von Alois Jeitteles, auf denen der Zyklus basiert, offenbar nicht separat gedruckt wurden. Lodes meint deshalb, dass wohl nicht nur die Musik, sondern schon der Text im Auftrag des Fürsten entstand.

Lobkowitz überlebte seine Frau nur um wenige Monate und starb am 15. Dezember 1816, kurz nach dem Erscheinen der Erstausgabe.

Einige Beethoven-Forscher rezipieren das Werk im Zusammenhang mit dem berühmten Brief an die „Unsterbliche Geliebte“, den der Komponist allerdings schon 1812 geschrieben hatte.

Franz Liszt nahm das Werk zur Vorlage für eine seiner zahlreichen Klaviertranskriptionen.

Libretto[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1. Auf dem Hügel sitz ich spähend

Auf dem Hügel sitz ich spähend
In das blaue Nebelland,
Nach den fernen Triften sehend,
Wo ich dich, Geliebte, fand.

Weit bin ich von dir geschieden,
Trennend liegen Berg und Tal
Zwischen uns und unserm Frieden,
Unserm Glück und unsrer Qual.

Ach, den Blick kannst du nicht sehen,
Der zu dir so glühend eilt,
Und die Seufzer, sie verwehen
In dem Raume, der uns teilt

Will denn nichts mehr zu dir dringen,
Nichts der Liebe Bote sein?
Singen will ich, Lieder singen,
Die dir klagen meine Pein!

Denn vor Liebesklang entweichet
Jeder Raum und jede Zeit,
Und ein liebend Herz erreichet
Was ein liebend Herz geweiht!

2. Wo die Berge so blau

Wo die Berge so blau
Aus dem nebligen Grau
Schauen herein,
Wo die Sonne verglüht,
Wo die Wolke umzieht,
Möchte ich sein!

Dort im ruhigen Tal
Schweigen Schmerzen und Qual
Wo im Gestein
Still die Primel dort sinnt,
Weht so leise der Wind,
Möchte ich sein!

Hin zum sinnigen Wald
Drängt mich Liebesgewalt,
Innere Pein
Ach, mich zög's nicht von hier,
Könnt ich, Traute, bei dir
Ewiglich sein!

3. Leichte Segler in den Höhen

Leichte Segler in den Höhen,
Und du, Bächlein klein und schmal,
Könnt mein Liebchen ihr erspähen,
Grüßt sie mir viel tausendmal.

Seht ihr, Wolken, sie dann gehen
Sinnend in dem stillen Tal,
Laßt mein Bild vor ihr entstehen
In dem luft'gen Himmelssaal.

Wird sie an den Büschen stehen
Die nun herbstlich falb und kahl.
Klagt ihr, wie mir ist geschehen,
Klagt ihr, Vöglein, meine Qual.

Stille Weste, bringt im Wehen
Hin zu meiner Herzenswahl
Meine Seufzer, die vergehen
Wie der Sonne letzter Strahl.

Flüstr' ihr zu mein Liebesflehen,
Laß sie, Bächlein klein und schmal,
Treu in deinen Wogen sehen
Meine Tränen ohne Zahl!

4. Diese Wolken in den Höhen

Diese Wolken in den Höhen,
Dieser Vöglein muntrer Zug,
Werden dich, o Huldin, sehen.
Nehmt mich mit im leichten Flug!

Diese Weste werden spielen
Scherzend dir um Wang' und Brust,
In den seidnen Locken wühlen.
Teilt ich mit euch diese Lust!

Hin zu dir von jenen Hügeln
Emsig dieses Bächlein eilt.
Wird ihr Bild sich in dir spiegeln,
Fließ zurück dann unverweilt!

5. Es kehret der Maien, es blühet die Au

Es kehret der Maien, es blühet die Au,
Die Lüfte, sie wehen so milde, so lau,
Geschwätzig die Bäche nun rinnen.

Die Schwalbe, die kehret zum wirtlichen Dach,
Sie baut sich so emsig ihr bräutlich Gemach,
Die Liebe soll wohnen da drinnen.

Sie bringt sich geschäftig von kreuz und von quer
Manch weicheres Stück zu dem Brautbett hieher,
Manch wärmendes Stück für die Kleinen

Nun wohnen die Gatten beisammen so treu,
Was Winter geschieden, verband nun der Mai,
Was liebet, das weiß er zu einen.

Es kehret der Maien, es blühet die Au.
Die Lüfte, sie wehen so milde, so lau.
Nur ich kann nicht ziehen von hinnen.

Wenn alles, was liebet, der Frühling vereint,
Nur unserer Liebe kein Frühling erscheint,
Und Tränen sind all ihr Gewinnen.

6. Nimm sie hin denn, diese Lieder

Nimm sie hin denn, diese Lieder,
Die ich dir, Geliebte, sang,
Singe sie dann abends wieder
Zu der Laute süßem Klang.

Wenn das Dämmrungsrot dann zieht
Nach dem stillen blauen See,
Und sein letzter Strahl verglühet
Hinter jener Bergeshöh;

Und du singst, was ich gesungen,
Was mir aus der vollen Brust
Ohne Kunstgepräng erklungen,
Nur der Sehnsucht sich bewußt:

Dann vor diesen Liedern weichet
Was geschieden uns so weit,
Und ein liebend Herz erreichet
Was ein liebend Herz geweiht.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kurt Dorfmüller, Norbert Gertsch und Julia Ronge (Hrsg.), Ludwig van Beethoven. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis, München 2014, Band 1, S. 627–632
  • John David Wilson, Lieder und Gesänge nach 1810, in: Beethovens Vokalmusik und Bühnenwerke, hrsg. von Birgit Lodes und Armin Raab (= Das Beethoven-Handbuch, hrsg. von Albrecht Riethmüller, Band 4), Laaber 2014, S. 365–385

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Verlagsanzeige in der Wiener Zeitung, Nr. 356 vom 21. Dezember 1816, S. 1416 (Digitalisat)
  2. Beethoven in the Diaries of Johann Nepomuk Chotek, hrsg. von Rita Steblin, Bonn 2013, S. 221
  3. Birgit Lodes: Zur musikalischen Passgenauigkeit von Beethovens Kompositionen mit Widmungen an Adelige. „An die ferne Geliebte“ op. 98 in neuer Deutung, in: Widmungen bei Haydn und Beethoven. Personen – Strategien – Praktiken. Bericht über den internationalen wissenschaftlichen Kongress Bonn, 29. September bis 1. Oktober 2011, hrsg. von Bernhard R. Appel, Bonn 2015, S. 171–202