Cinderella-Komplex

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Der Cinderella-Komplex bezeichnet als Schlagwort die Angst von Frauen vor Unabhängigkeit. In der wissenschaftlichen Psychologie und der Psychiatrie ist ein solcher Komplex nicht bekannt. Eine Verwendung des Ausdrucks findet sich ausschließlich bei seiner Urheberin, Colette Dowling, und im Anschluss an Dowling in der Populärpsychologie.

Schöpfung des Begriffs durch Dowling[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Cinderella-Komplex wurde 1981 von der niedergelassenen Psychotherapeutin Colette Dowling beschrieben, die in ihrem gleichnamigen Buch über die Angst von Frauen vor Unabhängigkeit geschrieben hat. Sie charakterisierte ihn als unbewusstes Begehren nach Umsorgung durch Andere, basierend auf der Angst, unabhängig zu sein. In ihrem Bestseller vertritt sie die These, dass Frauen Angst vor der Selbständigkeit haben, und sieht die Ursachen in Zweifeln an der eigenen Kompetenz, die begründet sind in der unterschiedlichen Sozialisation von Jungen und Mädchen. Dadurch hätten Frauen nicht gelernt, mit ihren Ängsten umzugehen. Die unbewusst akzeptierte weibliche Rolle, das Warten auf den Retter (wie im Märchen von Aschenputtel) verhindere die volle Entfaltung ihrer geistigen Kräfte. Dowling sieht Belege in der „Erfolgsangst“ von Frauen in Spitzenberufen der Wirtschaft.

Dowling identifiziert nur eine Motivation, während das Syndrom tatsächlich eine Kombination von vielen Motivationen umfasst, die in sich selbst Eigenschaften darstellen, die sich zu einem Komplex zusammensetzen.

Ein sehr wichtiger Aspekt ihrer Arbeit besteht darin, herauszufinden, warum Frauen beschließen, in einer dysfunktionalen Beziehung zu bleiben.

Namensherkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieser Komplex wurde nach dem Märchencharakter Cinderella benannt (der englischen Entsprechung für Aschenputtel), bekannt unter anderem durch den Walt Disney-Zeichentrickfilm Cinderella aus dem Jahr 1950. Hier sieht Dowling eine Frau, die schön, anmutig und höflich ist, aber keinen starken, unabhängigen Charakter haben kann, und von außen gerettet werden muss, beispielsweise durch einen Mann (einen Prinzen). Interessanterweise zeigt Cinderella im Märchen aber Unabhängigkeit, indem sie sich nicht in die ihr zugedachte Rolle fügt, sondern gegen den Willen ihrer Stiefmutter einen Ball besucht, auf dem der Königssohn nach einer Braut Ausschau hält und sie nach einigen Verwicklungen in Cinderella schließlich findet. Wenn es auch der Königssohn ist, der Cinderella endgültig aus ihren misslichen Lebensumständen errettet, erscheint Cinderella im Märchen keineswegs als Frau, die unabhängige Entscheidungen scheut, so dass diese Namenswahl Fragen offen lässt.

Bereits 1955 nutzte Agatha Christie in ihrem Kriminalroman Die Kleptomanin einen Cinderella-Komplex für die Figur der Celia Austin, den Colin McNabb, ein Student der Psychologie, diagnostiziert. 1960 veröffentlichte Osbert Sitwell die Komödie The Cinderella Complex.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Colette Dowling: Der Cinderella-Komplex: Die heimliche Angst der Frauen vor der Unabhängigkeit (Originaltitel: The Cinderella Complex: Women's Hidden Fear of Independence. Simon & Schuster, 1990, ISBN 0-671-73334-6, übersetzt von Manfred Ohl und Hans Sartorius). Fischer-Taschenbuch, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-596-23068-3.