Civic Education

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Civic Education (ins Deutsche übertragen: Bürgerschaftliche Erziehung) bzw. Civics ist ein im angloamerikanischen Sprachraum entstandenes pädagogisches Modell mit dem Ziel, durch lebenslanges soziales und multikulturelles Lernen demokratisches Handeln und Denken einzuüben und dadurch sicherzustellen, dass Demokratie und Zivilgesellschaft in der Praxis funktionieren.[1]

Civic Education (auch Citizenship Education) kann als „Lernen für Demokratie und Zivilgesellschaft“ übersetzt werden. Dabei geht es um die Gestaltbarkeit der Gesellschaft im Sinne einer künftig demokratischen, gerechten und friedlichen Welt. Das National Curriculum sieht deshalb seit 2002 die Pflichtaufgabe „Education for Citizenship“ vor und auch die Europäische Union hat dies in ihren Empfehlungen erklärt.

Civic Education soll zum einen politisches Engagement und soziale Kompetenz fördern und zum anderen helfen, fundamentale demokratische Prinzipien zu verstehen und sich für diese einzusetzen.

Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Civic Education ist eine Reaktion auf spezifische gesellschaftliche Probleme (Immigrationsprobleme, Rassismus, Intoleranz, Egoismus, Globalisierung, Kulturverlust) und Aufgaben (Gender-Mainstreaming, Ethik) und die Notwendigkeit, dass auch die Jugend aktiv die Demokratie und Gesellschaft mitgestalten sollte. Kommunikativer Unterricht und soziales Lernen stehen dabei im Mittelpunkt. Nach dieser Erziehungsmethode soll nicht nur Toleranz geübt werden; Ziel ist vielmehr eine bewusste Förderung pluralistischer Anschauungen und divergenten Denkens. Sie soll die Jugend an die Aufgabe heranführen, die Gesellschaft bewusst und aktiv mitzugestalten. Durch Angebote und neue Perspektiven soll eine humanistische Prägung erfolgen, die schließlich Zivilcourage hervorbringt.

Jüngste inhaltliche Erweiterungen erfuhr Civic Education aufgrund der neuesten Erkenntnisse in Gen- und Hirnforschung: Life Science und Self Science. Die evolutionäre Erkenntnistheorie (Popper/Lorenz), teilweise auch die Anthroposophie (Steiner/Beuys/Krischnamurti), die Neurosenlehre Erwin Ringels und die Logotherapie Viktor Frankls, sowie die Dialogpädagogik Martin Bubers waren dabei wesentliche Vorläufer. Da es insgesamt gesehen um die Bekämpfung von Vorurteilen, Klischees und Illusionen geht, ist neuerdings auch der Erwerb von Medienkompetenz wesentlich geworden. Schließlich bedeutet Civic Education auch die Abkehr von der bisherigen Dominanz der Milieutheorie und des Kulturdeterminismus.

Civic Education beruht unter anderem auf der pädagogischen Theorie von John Dewey und der Philosophie des Pragmatismus. Diese setzt eine hohe Priorität auf lernendes Handeln im Vergleich zur bloßen Rezeption von Inhalten. Civic Education bietet erfahrungsorientierte Lernsituationen im demokratischen Sprechen und die Übernahme von Verantwortung im Handeln.

Civic education ist auch eine Reaktion auf das Böckenförde-Diktum: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, dass er, um der Freiheit willen, eingegangen ist.“ Wenn die Individuen in der säkularen Gesellschaft aus den Religionen kein soziales Kapital mehr erwerben können, dann könnte dieser Ansatz dem abhelfen.

Zwei Ansätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innerhalb der Civic Education werden zwei Ansätze unterschieden. Der erste Ansatz (nach John Rawls, Ronald Dworkin, Bruce Ackerman) betont die Aufgabe (der Schule), die kommunikative Kompetenz der Bürger (Schüler) zu fördern und nicht normative Vorgaben des guten Lebens zu vermitteln.

Der zweite Ansatz (Benjamin R. Barber) betont weniger die Förderung der kommunikativen Kompetenz, sondern die aktive Gestaltung der Lebenswelt. Schule soll hier normative Tugenden vermitteln und diese sollen dann in der Öffentlichkeit angewendet werden, um gesellschaftliche Probleme zu lösen.

Abgrenzung zur Politischen Bildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Unterschied zur „Politischen Bildungbeanspricht die Civic Education die Verwendung eines erweiterten Begriffs von Demokratielernen, der sich nicht nur mit Politik, Geschichte, Wirtschaft und Recht auseinandersetzt, sondern mit dem ganzen Menschen und seiner Umwelt, seiner Herkunft und Zukunft genauso wie mit seiner Biologie und Kultur.

Von seiten der CE wird an der politische Bildung kritisiert, dass sie im deutschsprachigen Raum primär auf zeitgeschichtlichem und institutionenkundlichem Wissen beruhe. Ihr Ziel sei es vorwiegend durch kognitives Lernen die Demokratiefähigkeit zu verbessern.

Civic Education geht bis auf Thomas Jefferson und John Dewey zurück. CE erlebt seit dem „Mauerfall“ aufgrund vielfältiger sozialer Probleme (Alltagsfaschismus, Mobbing, Rassismus, Migrationsprobleme, Konsumismus,…) eine Renaissance. CE arbeitet nahezu grundsätzlich team- und projektorientiert. CE ist ein wichtiger Aspekt des so genannten lebenslangen Lernens. Der Erwerb emotionaler, sozialer sowie demokratischer Kompetenzen steht dabei im Mittelpunkt.

Im klassischen Verständnis ist Politische Bildung:[2]

  • stärker fachwissenschaftlich zentriert
  • mehr auf Wissen und weniger auf Können und Handeln angelegt
  • stärker auf systematische und staatliche Ebene, auf Regierung und Herrschaft ausgerichtet

Aus Sicht der CE sind Civic Education bzw. Demokratiepädagogik der Dachbegriff für die Aufgabe, die mit Erhalt und Erneuerung von Demokratie verbunden ist, eine übergreifende Kategorie, der sich politische Bildung, demokratische Erziehung und demokratisches Handeln als Teilaspekte zuordnen lassen. Sie

  • hat stärker die übergreifende Aufgabe der Erziehung im Blick
  • betrachtet Schule insgesamt – über den Unterricht hinaus
  • ist mehr auf Kompetenz und Handeln ausgelegt
  • ist primär im Sinne eines Menschenrechts-Universalismus angelegt
  • fasst mehr das Ganze der Kultur auf und thematisiert Demokratie als Lebens-, Gesellschafts- und Herrschaftsform

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Civic Education und Demokratiepädagogik wurden in der Fachwissenschaft breit debattiert und auch kritisiert. Im Kern lässt sich die Kritik auf folgende Punkte eingrenzen.

  • Die CE vernachlässige kognitives Lernen, da komplexe politische Inhalte nur dabei ausreichend durchdrungen werden können.[3] Ein Komplex wie die Finanzkrise 2007 und die Auseinandersetzung um politische Lösungsansätze ließe sich nicht allein erfahrungsbasiert erfassen.
  • Der Fokus auf die Lebenswelt und damit auf das Soziale bzw. Zwischenmenschliche verstelle den Blick auf strukturelle Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Der Lebensweltbezug, welcher auch in der Politischen Bildung essenziell ist, dürfe nicht dazu führen, dass strukturell sehr unterschiedliche politische Ebenen gleichgesetzt werden. Diverse Studien legen nahe, dass Erfahrungen aus dem sozialen Nahbereich keinen Transfer des Gelernten auf andere politische Ebene garantieren. Engagement in der Nachbarschaft, wie z. B. im Ansatz des Service Learnings, erweitern die politische Handlungskompetenz bei der Auseinandersetzung um größere gesellschaftliche Fragen (z. B. im Konflikt um die Nutzung von Atomkraft) also eher nicht.[4]
  • Die CE geht von einem allgemeinen interessenausgleichenden Gemeinwohlbegriff aus, was das Ziel von Politik sei. Dies wurde teilweise als zu einseitiger Politikbegriff verstanden, der strukturelle Konflikte unbetrachtet lässt bzw. als destruktiv versteht. Diese Kritik basiert auf einem Konflikt, der schon früher in der Politischen Bildung um den Gemeinwohlbegriff geführt wurde.[5]

Allgemein lässt sich sage, dass sich CE und Politische Bildung im Verlaufe der Debatte angenähert haben. Während in der Praxis der CE die Reflexion, und damit das kognitive Lernen, einen höheren Stellenwert erlangt hat, wurde auch die Politische Bildung von der CE beeinflusst. Erfahrungsbasiertes Lernen und neue Ansätze, wie die Betrachtung des Zusammenhangs von Emotionen und politischer Bildung, machen auch hier Veränderungen deutlich.

Neuere Entwicklungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Civic Education moderneren Zuschnitts bedient sich insbesondere der Methode des implizit sozialen Lernens, das u. a. die Zusammenführung unterschiedlichster Wissenschaftsdisziplinen sowie deren Anwendung darstellt. Das Lernen lernen und das Lehren/Lernen nach gehirngerechten (brain compatiblen) Maßstäben bildet dabei einen festen Rahmen. So werden im Rahmen von schulischem und außerschulischem Lernen bspw. die neuesten Erkenntnisse aus der Hirn- und Genforschung (Lernen lernen, Kognitionsforschung, Aggressionsforschung, Spracherwerb,…) nutzbar gemacht. Das öffnet das Tor zu einer noch im Aufbau befindlichen neuen wissenschaftlichen Disziplin, den sozialen Neurowissenschaften. Führend bei dieser neueren Entwicklung im Rahmen des „brain compatible learning“ ist das Team der European Civic Education Foundation.[6]

Methoden der Civic Education[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Methoden der Civic Education sind u. a.:

Lernen durch Sprechen

Es wird angenommen, dass die Fähigkeit eines Menschen zur Argumentation, zur Abwägung und dann zur Entscheidung eines Problems die zentrale Tugend ist, um eine Demokratie aufrechtzuerhalten bzw. weiterzuentwickeln. Zum Lernen durch Sprechen gehören:
Deliberieren ist vernunftgeleitetes und freies Sprechen. Das Ziel ist eine grundsätzliche Verständigung über ein Problem. Deliberieren führt nicht zu einer abschließenden Abstimmung wie beim Debating. Die Teilnehmer müssen sich hier auf die Inhalte des Diskurses konzentrieren. Hier steht also nicht die Form, das rhetorische Geschick oder die Schlagfertigkeit im Vordergrund, sondern der Verständigungsprozess über ein Problem, um zu kreativen Lösungen zu kommen.
Die Teilnehmer eines Diskurses sitzen in einem Kreis, ohne Führung und fester Tagesordnung. Es wird völlig frei nacheinander laut gedacht. Die Teilnehmer müssen hier die Umwelt – alte Konflikte, Machtspiele, … - zurückstellen, um sich partnerschaftlich zu verständigen.[7]

Lernen durch Handeln

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anne Sliwka: Demokratie lernen und leben: Gutachten und Empfehlungen. Freudenberg Stiftung, Weinheim 2001. (beide Bände können bei der Stiftung kostenlos angefordert werden)
    • Bd. 1. Probleme, Voraussetzungen, Möglichkeiten
    • Bd. 2. Das anglo-amerikanische Beispiel.
  • Andrea Wolf (Hrsg.): Der lange Anfang : 20 Jahre „Politische Bildung“ in den Schulen. Sonderzahl, Wien 1998, ISBN 3-85449-132-8. (Geschichte der Politischen Bildung in Österreich – Andrea Wolf, Deutschland – Walter Gagel, sowie im europäischen Vergleich – Olga Bombardelli)
  • Wolfgang Sander (Hrsg.): Handbuch politische Bildung. Bonn 2005, ISBN 3-89331-589-6.
  • Georg Weißeno u. a. (Hrsg.): Wörterbuch politische Bildung. Wochenschau-Verlag, 2007, ISBN 978-3-89974-248-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Susanne Frank: “Civic education” – was ist das? In: Demokratie-Baustein „Civic education – was ist das?“, www.blk-demokratie.de, BLK-Programm „Demokratie lernen & leben“, 25. Mai 2005 (pdf; 67 kB) (Memento vom 28. September 2007 im Internet Archive)
  2. Demokratiepädagogik, Zusammenstellung nach Peter Fauser – Universität Jena (MS PowerPoint; 2,4 MB)
  3. Gotthard Breit: Demokratiepädagogik und Politikdidaktik — Gemeinsamkeiten und Unterschiede. In: Georg Weißeno (Hrsg.): Politik besser verstehen. ISBN 978-3-531-14671-3, S. 43–61.
  4. Sibylle Reinhardt: Was leistet Demokratie-Lernen für die politische Bildung? Gibt es empirische Indizien zum Transfer von Partizipation im Nahraum auf Demokratie-Kompetenz im Staat? Ende einer Illusion und neue Fragen. In: Dirk Lange, Gerhard Himmelmann (Hrsg.): Demokratiedidaktik - Impulse für die Politische Bildung. ISBN 978-3-531-17116-6, S. 125–141.
  5. Rainer-Olaf Schultze: Gemeinwohl. In: Dieter Nohlen, Florian Grotz (Hrsg.): Kleines Lexikon der Politik. S. 211–215.
  6. European Civic Education Foundation
  7. Anne Sliwka, Silvia Lauble, Susanne Frank: Das Deliberationsforum als neue Lernform. Wissen-, Meinungs- und Konsensfindung zu gesellschaftspolitischen Themen verstehen und gestalten. Baden-Württemberg 2006. (PDF; 621 kB (Memento vom 18. Dezember 2007 im Internet Archive))