DYRIAS

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Die Dynamischen Risiko Analyse Systeme (Abkürzung DyRiAS) sind computergestützte Instrumente, die für die Prävention zielgerichteter Gewalttaten entwickelt wurden.  Die DyRiAS-Instrumente unterstützen ihre Anwender bei der Abklärung problematischer Verhaltensmuster, indem sie erfassen, inwieweit bedrohlich wirkendes Verhalten einer Person mit dem Risiko für eine schwere tödliche Gewalttat assoziiert ist. Die Instrumente fußen auf den internationalen Standards des Bedrohungsmanagements bzw. der Bedrohungsanalyse (Threat Management/Threat Assessment). Sie wurden im Rahmen verschiedener wissenschaftlicher Studien evaluiert[1][2][3][4].  Eine frühe Identifizierung möglicher Risikoentwicklungen mit DyRiAS soll gewährleisten, dass problematische Eskalationsprozesse bedrohlich wirkender Personen durch ein gezieltes Fallmanagement durchbrochen werden können.[5][6] Mit DyRiAS-Schule, -Arbeitsplatz und -Intimpartner sind derzeit drei Instrumente verfügbar, die jeweils auf spezifische Bereiche der schweren zielgerichteten Gewalt fokussieren. 

Wissenschaftliche Grundlage und Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hinter DyRiAS steht die Erkenntnis, dass eine schwere, zielgerichtete Gewalttat den Endpunkt eines Entwicklungsweges darstellt. Internationale Studien zeigen, dass dieser Weg von charakteristischen und potentiell beobachtbaren Merkmalen im Verhalten und in der Kommunikation des späteren Täters begleitet ist[7][8]. Häufig nahm das soziale Umfeld zwar auffälliges Verhalten der späteren Täter im Vorfeld zielgerichteter Gewalt wahr, konnte dieses aber nicht richtig einschätzen[7]. An der potentiellen Beobachtbarkeit dieser Entwicklung im Vorfeld zielgerichteter Gewalt setzt DyRiAS an[1][2][9].

DyRiAS ist den Grundpfeilern des psychologischen Bedrohungsmanagements verpflichtet. Gewalttätigkeit wird im Rahmen des Bedrohungsmanagements nicht als eine unveränderliche Persönlichkeitseigenschaft verstanden, sondern als eine Folge, die sich aus dem ständigen Wechselspiel zwischen Täter, Opfer und situativen Einflüssen ergibt[7]. Die Instrumente sind daher sowohl für die Einstellungen einer Person gegenüber Gewalt und potentiellen Opfern als auch für die Zuspitzung ihrer individuellen Lebenssituation sowie bereits gezeigtes aggressives Verhalten sensibel. Die Entwickler weisen darauf hin, dass eine Risikoeinschätzung immer fallbegleitend erfolgen sollte und ggf. aktualisiert werden muss, sobald sich das Verhalten des Täters oder seine Situation deutlich verändert[10].

Die Entwicklung der DyRiAS-Instrumente basiert auf der Auswertung internationaler Studien und Forschungsarbeiten der Arbeitsstelle für Forensische Psychologie der Technischen Universität Darmstadt sowie des Instituts Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Dem fortschreitenden Forschungsstand entsprechend werden die Module regelmäßig aktualisiert, was aus unterschiedlichen Versionsnummern hervorgeht[11].

DyRiAS-Module: Fokus und Validität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Derzeit sind drei DyRiAS-Instrumente verfügbar, die jeweils auf spezifische Bereiche der schweren zielgerichteten Gewalt fokussieren. Um den fachgerechten Einsatz der Instrumente sicherzustellen, ist die Nutzung jeweils an eine Anwenderschulung gebunden[11]

DyRiAS-Schule[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

DyRiAS-Schule erfasst das aktuelle Risiko eines (ehemaligen) Schülers bzw. einer (ehemaligen) Schülerin, im Schulkontext eine schwere zielgerichtete Gewalttat zu begehen (School Shooting, Amok an Schulen). Im Rahmen einer Validierungsstudie konnte gezeigt werden, dass das Instrument in der Lage ist, Hochrisikofälle korrekt zu identifizieren und zugleich Fälle mit geringem Bedrohungspotenzial als wenig risikobehaftet einzustufen[1].

DyRiAS-Arbeitsplatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

DyRiAS-Arbeitsplatz wird zur Einschätzung des Risikos für eine schwere Gewalttat im Arbeitskontext in Unternehmen und Behörden genutzt. Insgesamt ist DyRiAS-Arbeitsplatz in drei Spezifizierungen verfügbar, welche auf unterschiedliche Beziehungsmuster zwischen der auffälligen Person und der Organisation fokussieren[11][12] :

  • Das Modul Mitarbeiter betrachtet das Risikopotential von aktuellen oder ehemaligen Mitarbeitern des Unternehmens bzw. der Behörde für eine schwere Gewalttat.
  • Bei dem Modul Kunde stehen externe Personen im Fokus, wie zum Beispiel Kunden, Lieferanten oder andere Personen, die mit dem Unternehmen bzw. der Behörde in Verbindung stehen.
  • Das Modul Intimpartner fokussiert auf bedrohliche Personen, die beispielsweise zu einer Mitarbeiterin des Unternehmens bzw. der Behörde in einer intimpartnerschaftlichen Beziehung stehen oder standen.

DyRiAS-Intimpartner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

DyRiAS-Intimpartner betrachtet das Risiko für schwere tödliche Gewalt durch den (Ex-)Intimpartner.

Bei der Konstruktion des Moduls wurden insgesamt 70 Fälle von versuchter oder vollendeter Tötung der (Ex-)Partnerin oder des (vermuteten) neuen Lebensgefährten durch männliche Partner und Ex-Partner ausgewertet. Überprüft wurden die Ergebnisse anhand einer Kontrollgruppe von häuslichen Gewalttätern beziehungsweise Männern, die wegen bedrohlichen Verhaltens gegenüber ihrer (ehemaligen) Partnerin auffällig geworden waren. Das Instrument war in der Lage, die Gruppe der Täter korrekt zu identifizieren[2][3].

Kritik an der Validität von DyRiAS-Intimpartner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

DyRiAS-Intimpartner wurde bislang im Rahmen von drei Studien evaluiert[2][3][4]. Zwei wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge ist das Instrument in der Lage, das Risiko von tödlicher Gewalt in Abgrenzung zu nicht- tödlicher Aggression, etwa in Form von Drohungen, physischer Gewalt und Stalking durch (Ex-)Intimpartner, korrekt zu identifizieren[2][3]. Der Schweizer forensische Psychiater Andreas Frei kommt bspw. vor dem Hintergrund seiner Validierungsstudie zu folgendem Ergebnis[3]:

„Die Ergebnisse der Analyse zeigen, dass das DyRiAS ein verlässliches Instrument zur Erkennung potentieller schwerer Gewalttäter im Kontext der häuslichen Gewalt darstellt. DyRiAS trifft eine valide Zuordnung zu den jeweiligen Gruppen. Dafür spricht schon der statistisch signifikante Unterschied der Mittelwerte der beiden vergleichsweise kleinen Vergleichsgruppen.“

Eine dritte Studie, die das Rückfallrisiko von Tätern bei häuslicher Gewalt untersuchte, ohne allerdings Tötungsdelikte durch männliche (Ex-)Intimpartner zu berücksichtigen, kam zu dem Schluss, dass das Instrument nicht zur verlässlichen Vorhersage fähig war[4]. In einer Stellungnahme weisen die Entwickler jedoch darauf hin, dass dies insofern ein erwartbares Ergebnis sei, da tödliche Gewalt im Studiendesign von Gerth et al. keine Berücksichtigung fand – DyRiAS sei jedoch zur Abklärung des Risikos für tödliche Gewalttaten entwickelt worden. Die Studie klammere somit das eigentliche Zieldelikt, zu dessen Prävention DyRiAS-Intimpartner entwickelt worden ist, vollständig aus[13].

Kritik zur Unabhängigkeit der Studien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei den Ergebnissen einer Studien handelt es sich um keine unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchung, da diese von den Entwicklern selbst durchgeführt wurde[2]. Im Gegensatz zu dieser Studie fallen die Resultate weiterer Validierungen deutlich differenzierter aus. Andreas Frei kam bei seiner Untersuchung zum Schluss, dass lediglich 11 % der Probanden, welchen durch das Modul ein hohes Gewaltrisiko (Stufe 4 und höher) attestiert wurde, letztendlich ein Gewaltdelikt begingen, stimmte den Entwicklern im Bezug auf die Erkennungsrate jedoch zu. Diese werde allerdings nur mit einer hohen Zahl an Falschtreffern erreicht[3]. Die dritte Studie bemängelt diese starke Überschätzungstendenz ebenfalls. Weiter bemängelt sie die Verhältnismässigkeit der Strategien, welche auf Grundlage von DyRiAS Prognosen getroffen werden[4][14]. Damit sind die Ergebnisse der herstellereigenen Studie, insbesondere aufgrund der starken Abweichung zu den Schlüssen einer dritter unabhängiger Studie kritisch zu beurteilen.

Screener-Islamismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Screener-Islamismus ist ein standardisiertes Instrument zur frühzeitigen Erkennung von möglichen Radikalisierungsprozessen im Bereich Islamismus. Es unterstützt die Anwender bei der Identifizierung und Abklärung von Verhaltensmustern, die sich im Zuge von islamistischen Radikalisierungsprozessen als relevant erwiesen haben. Das Instrument ist sensibel für die Verfestigung individueller Radikalisierungstendenzen einer Person und für damit möglicherweise einhergehende islamistisch motivierte Handlungen wie Anschlagsplanungen und -durchführungen und den Anschluss einer Person an dschihadistische Gruppierungen im In- und Ausland. Der Screener-Islamismus findet ausschließlich dann Anwendung, wenn eine Person durch besorgniserregendes Verhalten aufgefallen ist.

Der Screener wurde an 31 Fällen strafrechtlich relevanter dschihadistischer Aktivität getestet, wobei das Instrument auf der Grundlage der im Vorfeld der Tat gezeigten Verhaltensmuster alle Fälle korrekt identifizieren konnte[15].

Nutzung von DyRiAS[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die DyRiAS-Instrumente wurden für Fachleute aller Berufsgruppen entwickelt, die sich mit der Risikoeinschätzung und dem Fallmanagement in dem jeweiligen Feld beschäftigen (bspw. Mitarbeiter des Unternehmens, die mit der Risikoanalyse betraut wurden, wie Pädagogen, Psychologen, Psychiater, Therapeuten, Polizeibeamte). Neben Beratungseinrichtungen und Schulämtern arbeitet auch die Kantonspolizei Zürich seit mehreren Jahren mit DyRiAS[16][17][18][19].

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Internetpräsenz des Projekts

Lausitzer Rundschau, 7. November 2014 ("Ein Amoklauf ist keine Kurzschlusshandlung")

Neue Zürcher Zeitung, 24. Juni 2014 ("Psychologen sollen Polizei bei Drohungen helfen")

St. Galler Tagblatt Online, 27. Dezember 2012 ("Ein Frühwarnsystem, das funktioniert")

Tagesanzeiger Schweiz, 30. Dezember 2012 ("30 Fragen verraten potenzielle Amokläufer")

Deutschlandfunk, 11. März 2011 ("Psychologe: Technisierung ist die Illusion von Kontrolle")

Basler Zeitung, 1. September 2010 ("Computer sucht nach Amokschülern")

SAT1, Live, September 2010 (Interview zum Prozess vom Amokläufer in Ludwigshafen)

Spiegel Online, 19. September 2009 ("Wie Amokläufe verhindert werden können")

SF, Schweiz Aktuell, 31. März 2009 ("Amokprävention - DyRiAS im Einsatz bei Polizei Zürich")

Tele Züri, 31. März 2009 ("Prävention von Amok an Schulen in der Schweiz")

Stern.de, 14. März 2009 ("Amoklauf - Software zur Früherkennung")

salzburg24.at, 7. März 2016 ("Ziel ist, Gewalt frühzeitig erkennen und stoppen. Das neue Gewaltpräventionstool 'DyRiAS' wird aktuell in den Salzburger Opferschutzeinrichtungen neu implementiert")

HR4, Juni 2012 (Radiointerview mit Justine Glaz-Ocik)

Frankfurter Rundschau, 8. Juni 2012 ("Schutz vor Beziehungstat")

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Jens Hoffmann, Roshdi, K. & Allwinn, M. (2013): DyRiAS-Schule: Entwicklung und Validierung eines online gestützten Analyse-Instruments zur Risikoeinschätzung von schwerer zielgerichteter Gewalt an Schulen. In: Polizei & Wissenschaft. Nr. 2, S. 49–59.
  2. a b c d e f Hoffmann, J. & Glaz-Ocik, J. (2012): DyRiAS-Intimpartner: Konstruktion eines online gestützten Analyse-Instruments zur Risikoeinschätzung von tödlicher Gewalt gegen aktuelle oder frühere Intimpartnerinnen. In: Polizei & Wissenschaft. Nr. 2, S. 45–57.
  3. a b c d e f Frei, A. (in Druck): Die Risikoeinschätzung von schwerwiegender häuslicher Gewalt anhand des computerisierten Prognoseinstrumentes DyRiAS - Eine Evaluationsstudie anhand von Fällen aus der Schweiz. In: Hoffmann, J., Roshdi, K. & Rudolf von Rohr, H. (Hrsg.): Bedrohungsmanagement in der Schweiz. Zweite erweiterte Auflage. Verlag für Polizeiwissenschaft.
  4. a b c d Gerth, J., Rossegger, A., Singh, J. P., & Endrass, J. (2015): Assessing the Risk of Severe Intimate Partner Violence: Validating the DyRiAS in Switzerland. In: Archives of Forensic Psychology. Band 1, Nr. 2, S. 1–15.
  5. Hoffmann, J. & Roshdi, K. (2014): "Erkennen – Einschätzen – Entschärfen" mit DyRiAS-Schule. In: forum kriminalprävention. Nr. 3, S. 46–48.
  6. Hoffmann, J., & Streich, K. (2017): Bedrohungsmanagement in Fällen von Stalking. Ein verhaltensorientierter Ansatz zur Risikoeinschätzung und zur Prävention von psychischer und physischer Gewalt. In: Stalking - das Praxishandbuch: Opferhilfe, Täterintervention, Strafverfolgung. Nr. 18.
  7. a b c Meloy, J. R., & Hoffmann, J. (Eds.) (2013): International Handbook of Threat Assessment. Oxford University Press.
  8. Amman et al. (2017): Making Prevention a Reality: Identifying, Assessing, and Managing the Threat of Targeted Attacks. U.S. Department of Justice, Federal Bureau of Investigation (Bahavioral Analysis Unit).
  9. Hoffmann, J., Roshdi, K. & Robertz, F. (2009).: Zielgerichtete schwere Gewalt und Amok an Schulen. In: Kriminalistik. Nr. 4.
  10. Hoffmann, J. (2017): Bedrohungsmanagement und psychologische Aspekte der Radikalisierung. In: Böckler, N., & Hoffmann, J. (Hrsg.): Radikalisierung und terroristische Gewalt: Perspektiven aus dem Fall- und Bedrohungsmanagement. Verlag für Polizeiwissenschaft, Frankfurt am Main.
  11. a b c DyRiAS: Dynamische Risiko Analyse Systeme. Abgerufen am 23. November 2017.
  12. Hoffmann, J. (2014).: Drohungen, Gewalt und Stalking am Arbeitsplatz. In: MANAGEMENT. Nr. 40, S. 41.
  13. DyRiAS: Aktuelle Studie stärkt Aussagekraft des Risikoeinschätzungs-Istruments DyRiAS-Intimpartner. Abgerufen am 23. November 2017.
  14. «Predictive Policing» - Polizei-Software verdächtigt zwei von drei Personen falsch. In: Schweizer Radio und Fernsehen (SRF). (srf.ch [abgerufen am 7. April 2018]).
  15. Böckler, N., Allwinn, M., Hoffmann, J. & Zick, A. (2017): Früherkennung von islamistisch motivierter Radikalisierung: Vorstellung und empirische Validierung eines verhaltensbasierten Instrumentes zum Fallscreening. In: Kriminalistik. Band 8, Nr. 9, S. 497–503.
  16. Anette Langer: Wie Amokläufe verhindert werden können. Abgerufen am 23. November 2017.
  17. SF, Schweiz Aktuell: Amokprävention - DyRiAS im Einsatz bei Polizei Zürich. Abgerufen am 23. November 2017.
  18. Georg Ismar: Wie lässt sich ein Amoklauf verhindern? Abgerufen am 23. November 2017.
  19. Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW (Abteilung Münster), Projektbericht