Diskussion:Alexios III. (Trapezunt)

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Dass das kleine Reich am Pontos (das trotz seines vollmundigen Titels ja eher einer deutschen Grafschaft (um 1350) entspricht (die Stadt zählte 4-5000, das Reich ca. 250 000 Einwohner) überhaupt so viel Interesse in der WIKIPEDIA gefunden hat, freut mich persönlich, mag auch häufig die Übersetzung aus dem englischen Teil dabei Pate gestanden haben. Leider sind die Artikel etwas unbefriedigend, und das lässt sich auch durch einzelne Verbesserungen kaum ändern. Ich will das am Beispiel Alexios' III. zu zeigen versuchen, dem vielleicht mit am meisten "historisches Unrecht geschieht". Die Probleme liegen auf mehreren Ebenen:

1 Zum Teil sind Informationen einfach u n z u t r e f f e n d, dafür nur ein Beispiel: "Michael war mit Unterstützung des byzantinischen Kaisers Johannes V. Palaiologos [...] auf den Thron von Trapezunt gelangt." Nun war das bekanntlich am 30.7.1341 (Chronik des Michael Panaretos) und besagter Johannes (* 1332)damals 9 Jahre alt- es wäre also allenfalls möglich, die Förderung einer "Partei des byzantinischen Kaisers usw." zuzuschreiben. Auch das ist aber noch fraglich, denn Andronikos III. war erst am 15.6.1341 gestorben und es dauerte einige Zeit, ehe in Byzanz die Gegensätze greifbar und dann unüberbrückbar wurden (und man eine Expedition starten konnte), die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass die Initiative noch auf Andronikos zurückgeht, der ja als Kaiser eine grundsätzlich aktive Politik vertrat.

2 Manche Stellen sind "mit der heißen Nadel gestrickt", so etwa der Satz "Seine beiden Schwestern verheiratete Alexios mit Koutlugbeg, dem Führer der Weißen Hammel und Emir von Chalybien"- als habe der Arme sie buchstäblich gleichzeitig in den Harem eines orientalischen Potentaten gegeben- ausgefallen ist aber lediglich der zweite Teil des Satzes, der den anderen Ehemann nennen sollte, also etwa: "... Weißen Hammel und Haci, dem Emir von Chalybien" (Quelle z.B. Elizabeth A. Zachariadou, Trebizond and the Turks, Archeion Pontou 1978, S. 342 ff.).

3 Die Autoren w i s s e n z u v i e l bzw. greifen auf Autoren zurück, die auch schon zuviel wissen und unser in Wahrheit enormes Nichtwissens häufig durch Spekulationen oder Hypothesen nach dem "gesunden Menschenverstand" ersetzen. Um nur ein Beispiel zu nennen: "Insbesondere der Adel war zunächst mit dem neuen Kaiser zufrieden, da er sich von dessen Jugend und Unerfahrenheit große Spielräume für eigene Machtinteressen versprach." Das geht wahrscheinlich- über welche Vermittlungen immer- schon auf Fallmerayer zurück: "Was die Grossen immer gewünscht hatten, ein Kind auf dem Throne und die Zügel der Regierung in den Händen eines schwachen Weibes, ward nun erfüllt und dem Spiele der Factionen ein weites Feld eröffnet." (Jacob Philipp Fallmerayer, Geschichte des Kaisertums von Trapezunt, Nachdruck Hildesheim-New York (Olms), S.194) Die (heute noch lesenswerte) Originalausgabe ist aber 1827(!) erschienen. Warum die trapezuntischen Großen den jungen Kaiser zunächst gewähren ließen, wissen wir nicht, auch mag die herangezogene Erklärung zum Teil ja durchaus zutreffen, aber wirkliches historisches Wissen wird durch Wiederholen solcher zeitlosen Weisheiten ("Ehrgeizige wünschen sich schwache Gegner")nicht erzeugt. Im konkreten Fall ist es sehr wahrscheinlich, dass u.a.die Reaktionen des trapezuntischen Volkes eine wichtige Rolle gespielt haben. Das kleine "Kaiserreich" war ja ein vielfältig strukturierter und dazu auch wirkungsvoll traditionsbehafteter sozialer Organismus, was besonders Anthony A.M Bryer in unermüdlichen Analysen herausgearbeitet hat (vor allem: "The Empire of Trebizond and the Pontos", London 1980, eine Aufsatzsammlung, und das monumentale "The Byzantine Monuments and the Topography of the Pontos", 2 Bde., Dumbarton Oaks 1985). Die Komnenen waren für den "kleinen Mann" gerade gegenüber dem Adel auch Garanten für Gerechtigkeit und Schutz gegenüber der Willkür der Großen- und nach allem, was wir wissen, hat sich gerade Alexios III. hier Verdienste erworben.

4 Der neuere S t a n d d e r F o r s c h u n g geht offenbar wenig in die Artikel ein. So ist, um nur eine Kleinigkeit zu nennen, um die (völlig unübliche) Namensänderung Alexios' in den vergangenen 20 Jahren eine lebhafte Diskussion entbrannt. Die Vermutung unseres Textes: "Grund hierfür mag das besondere Ansehen gewesen sein, das gerade dieser Namen, den bereits der erste Kaiser von Trapezunt getragen hatte, unter der Bevölkerung Trapezunts hatte." Das ist keine unsinnige Vermutung, aber mehr auch nicht, und auch eher neuzeitlich-individualistisch gedacht: Ein Individuum wird aufgewertet, indem es an ein anderes (großes) Individuum anknüpft. Das Mittelalter dachte aber viel eher in Geschlechterbezügen, in Gruppenordnungen. In der Forschung spielt die sog. AIMA-Hypothese eine Rolle, die auf eine Weissagung im Umfeld des letzten großen komnenischen Kaisers von Byzanz, Manuel (1143-1180) zurückgeht. Das hier auszuführen, würde zu weit führen (nachlesen kann man z.B. bei Rustam Shukurov, AIMA: the blood of the Grand Komnenoi, in: Byzantine and Modern Greek Studies 19, 1995, S. 161-181, dort auch weitere Literatur).

5 I n h a l t l i c h sind die Bewertungen für Alexios III. zu negativ ausgefallen. Er war wahrscheinlich einer der bedeutendsten "Kaiser" von Trapezunt,und in der letzten modernen Gesamtgeschichte des kleinen Reichs wird das auch so gesehen (Emile Janssens, Trébizonde en Colchide, Bruxelles 1969, S. 123). Die Verheiratung von Schwestern und Töchtern Alexios' mit muslimischen Herrschern "trug zu einem weiteren Ansehensverlust Trapezunts bei". Die Berufung auf so luftige Kategorien wie "Ansehen" ist nicht unproblematisch, denn sie werden wahrscheinlich von uns ganz modern, von der Mediengesellschaft her, gedacht. Ob das dem 14. Jahrhundert gerecht wird, ist zumindest zweifelhaft. Auch gegenüber Genua und Venedig- damals übrigens Großmächte - sowie seinem Adel war Alexios erfolgreicher, als der Text das einschätzt. Das Bild, das von Alexios in der Schenkungsurkunde von Dionysiou überliefert ist, ist, wie wir wissen, in Kleidung, Floskeln usw. stark stilisiert, inwieweit es (1374) individuelle Züge trägt, ist nicht mit Sicherheit zu ermitteln. Wenn man es heute betrachtet- es ist im Internet leicht zu finden- scheint es mehr noch als das im Artikel enthaltene Bild Sorge und eine gewisse Müdigkeit auszudrücken. Alexios war 36 Jahre alt, aber es waren schon 25 Jahr der Mühe und der Arbeit gewesen, und 15 weitere lagen vor ihm. In der deutschen Tradition gibt es den Begriff des "Guten Landesvaters", und etwas in der Art, natürlich der vielfältig innerlich und äußerlich anders beschaffenen byzantinischen Welt, dürfte Alexios gewesen sein...

"Als am 13. Januar [1373] der Kaiser wider Cheriana zog und starker Schnee fiel und ein heftiger Wintersturm sich erhob, ergriff Alles die Flucht und es fielen 140 Christen, die einen kamen durch das Schwert, die mehreren aber vor Kälte um" (Aus der Chronik des Michael Panaretos). Cheriana ist ein Gebiet im Süden, jenseits der (zu überquerenden) pontischen Alpen, seit langer Zeit von turkmenischen Stämmen bewohnt bzw. durchzogen, über das die Kaiser von Trapezunt trotz der zu einem Großteil noch griechischen Bevölkerung nicht einmal mehr eine nominelle Oberhoheit ausgeübt zu haben scheinen. Dass Alexios (wie ähnlich schon 1355)im tiefsten Winter dorthin aufbrach, ist ihm von der älteren Forschung nur als militärischer Dilettantismus ausgelegt worden. Erst Bryer hat das in den wahrscheinlich sinnvolleren Kontext gerückt: ""Perhaps the Cherianan Greeks had appealed for help against them [their enemies]in the winters of 1355 and 1373" (Bryer, Byzantine Monuments... I, S. 173) Wir sehen die Byzantiner als Verlierer, und die Verlierer erhalten wenig Sympathie, haben immer schlechte Karten. Aber wir kennen kein Reich der Geschichte, das blieb- jeder wird zum Verlierer. Dem kleinen Reich am Pontos, das bis 1461 widerstand, wird noch heute dafür zu wenig Anerkennung gezollt, auch Alexios III., der mit Zähigkeit und Klugheit viel des damals Möglichen erreicht haben dürfte. Aber die Ehrungen der Geschichtsschreibung waren für ihn immer schmal. Schon die- immer lakonische- Chronik des Michael Panaretos vermeldet seinen Tod einzig mit der dürren Notiz: ""Es entschlief aber der Kaiser Kyr-Alexius der Grosscomnen, zweiter Sohn des Grosscomnen Kyr-Basilius anno 6898 [1390 n. Chr.] am 20. März, am Sonntag der fünften Woche, um die zweite Stunde des Tages, nachdem er vierzig Jahre und drei Monate regiert und ein u. fünfzig Jahre gelebt hatte." Immerhin: Die Angabe der Todesstunde ist selten und verrät - vielleicht- etwas mehr an Interesse als üblich...

Hallo;
wie wäre es, wenn Du Deine Fachkenntnisse einfach hier einbringst und die Artikel über die Komnenen von Trapezunt fachgerecht verbesserst. Als lediglich interessierter Laie habe ich mich im Wesentlichen mit der -durchaus freien- Übersetzung der Artikel aus der englischen Wikipedia begnügt. Dass die so entstandenen sehr kurzen Lebensbeschreibungen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht gerecht werden können und sollen dürfte auf der Hand liegen. Sieh die Artikel doch einfach als Vorlage an den fachlich Versierteren hier Hand anzulegen. Jedenfalls habe ich einige wenige der von Dir genannten Fakten bereits in den gegenständlichen Artikel eingearbeitet, dem indes eine Überarbeitung durch jemanden vom Fach durchaus guttäte. Also schwing einfach mal die Tasten:-) --Sisal13 20:27, 6. Jun 2006 (CEST)