Ein Leben

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Ein Leben (Une vie) ist ein französischer Roman von Guy de Maupassant. Das Buch erschien 1894 in Deutschland unter diesem Titel, nach dem Original Une vie ou L’Humble Vérité („Ein Leben“ oder „Die schlichte Wahrheit“) von 1883.

Veröffentlichung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Leben, der erste Roman von Guy de Maupassant, erschien erstmals im Jahr 1883 als Fortsetzungsroman in der französischen Zeitschrift Gil Blas und später im selben Jahr als eigenständiges Buch unter dem Titel L’Humble Vérité („Die schlichte Wahrheit“). Die deutsche Erstausgabe erschien, in der Übersetzung von Walter Vollmann, unter dem Titel Ein Leben 1894 in Frankfurt an der Oder bei dem Verlagshaus Hugo Andres & Co. Später erschien der Roman in der DDR (1952) unter dem Titel „Ein Menschenleben“. Der Roman beschreibt das Leben „einer Frau vom Erwachen ihres Herzens bis zu ihrem Tod“.[1]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Titel der französischen Ausgabe von 1883. Zeichnung von A. Leroux, Stich von G. Lemoine

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jeanne, die Tochter des Barons Simon-Jacques und der Baronin Adélaïde, ist eine junge Adelige, die mit 17 Jahren das Kloster verlässt, um ein „richtiges Leben“ zu führen. Sie zieht aus dem elterlichen Haus aus, um mit ihrem zukünftigen Ehemann Julien de Lamare in einem Schloss, das ihr von den Eltern vermacht wird, zu leben. Diesen hat sie einige Tage nach ihrem Ausscheiden aus dem Kloster kennengelernt. Er ist ein zutiefst geiziger und egoistischer Mensch, was Jeanne jedoch erst nach der Eheschließung bewusst wird. Er betrügt sie mit Rosalie, ihrem Dienstmädchen, und später mit einer Nachbarin namens Gilberte de Fourville. Jeanne bringt Paul, ihr erstes Kind, als Frühgeburt zur Welt. Es erweist sich als kränklich. Ihr zweites Kind wird tot geboren. Am selben Tag wird Julien vom Nachbarn de Fourville ermordet. Paul geht mit 15 ins Internat nach Le Havre, obwohl seine Familie wenig von seinen schulischen Bestrebungen hält. Jeanne bleibt nach dem Tod des Barons, der Baronin und der Tante Lison allein. Doch Paul gibt ihr ein Kind in Obhut, das er von einer Prostituierten hat.

Personen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Illustration aus Une Vie

Jeanne Le Perthuis des Vauds: Jeanne, die Hauptfigur des Romans, ist ein junges Mädchen mit blonden Haaren und blauen Augen. Nach einer Erziehung, die in ihr die Liebe zur Natur erwecken sollte, weiß sie nichts vom wirklichen Leben und träumt vom idealen Mann. Sie ist von der Schönheit und der Reinheit der Ehe überzeugt. Obwohl sie glaubt, in Julien die wahre Liebe gefunden zu haben, wird sie nur die sexuelle Bestialität und die Heuchelei ihres Ehemannes kennenlernen. Sie widmet ihr Leben ihrem Sohn, der im Alter von 15 Jahren von zu Hause auszieht. Sie bleibt mit ihm in Kontakt, vermisst ihn allerdings sehr und leidet unter seiner Abwesenheit. Die Figur Jeannes ist von Laura de Maupassant, Emma Bovary und Madame Aubain (Ein schlichtes Herz) inspiriert.

Jeannes Eltern: Ihr Vater ist der Baron Simon-Jacques Le Perthuis des Vauds, ein Verehrer Jean-Jacques Rousseaus, antiklerikal und großzügig, aber schwach. Seine Liebe zur Natur macht ihn zum Anhänger Rousseaus. Diese Figur ist inspiriert von den Großeltern Maupassants väter- und mütterlicherseits. Ihre Mutter, die Baronin Adélaïde, leidet unter einer Herzhypertrophie, über die sie regelmäßig klagt. Sie pflegt heimlich Erinnerungen an eine frühe Liebschaft, die sie ihre Existenz ertragen lassen. Sie geht oft an der Allee ihres Landsitzes spazieren.

Julien de Lamare: Jeannes Ehemann. Beide lernen sich kurze Zeit nach der Ankunft Jeannes im Les Peuples kennen (so heißt die imposante Familienresidenz des Barons, die später in das Eigentum des Ehepaares Jeanne/Julien übergeht). Sie heiraten drei Monate später und machen eine Hochzeitsreise nach Korsika. Nach ihrer Rückkehr entdeckt Jeanne den Geiz und den Egoismus ihres Mannes. Kurz danach erfährt sie, dass er ihr Dienstmädchen geschwängert hat. Jeanne möchte ihre Dienerin daraufhin entlassen, doch der Graf ist strikt dagegen und findet einen Mann für sie. Jeanne wird schwanger, doch ihr Mann wird ihr schnell fremd und sie widmet sich ausschließlich ihrem Sohn. Julien hingegen zeigt wenig Interesse an diesem und wendet sich einer Nachbarin zu, mit der er ein Verhältnis hat. Jeanne erfährt davon, reagiert aber nicht. Als der Ehemann von Juliens Geliebter durch den Pfarrer von diesem Verhältnis erfährt, dreht er vor Eifersucht durch und stößt das Liebespaar von einer Felswand in den Tod. Jeanne, die nun Witwe ist, behält das Geheimnis, wie das ehebrecherische Paar zu Tode kam, für sich. An dem Tag, an dem ihr Mann stirbt, bringt sie ein Mädchen zur Welt, das jedoch tot geboren wird.

Paul: Paul, der von Jeanne „Lison“ und dem Baron „Poulet“ genannt wird, ist das eheliche Kind Jeannes. Er wohnt im elterlichen Haus Les Peuples und wird von seiner Mutter, seinem Großvater und seiner Großtante sehr geliebt. Er bekommt allerdings keine besonders gute Ausbildung und wird erst mit 15 Jahren aufs Internat in Le Havre geschickt. Zwei Jahre später reißt er aus der Schule aus, ohne von sich hören zu lassen. Er reist nach London und Paris auf der Suche nach einem Geschäft, das ihm Reichtum verschaffen könnte. Leider verschuldet er sich dabei, und ihm bleibt nichts anderes übrig, als seine Mutter um große Geldsummen zu bitten. Diese muss Teile ihres Landguts verkaufen, um dem Sohn zu helfen, den sie seit vielen Jahren nicht gesehen hat. Paul lernt ein Mädchen aus den üblen Vierteln von Paris kennen, das er erst kurz vor dessen Tod heiratet, um ihr gemeinsames Kind zu retten, das kurz vorher geboren wird. Trotz der schlechten Eigenschaften ihres Sohnes denkt Jeanne ständig an ihn. Sie besucht seine Liebhaberin – eine Pariser Prostituierte –, die sie als eine Rivalin betrachtet. Im letzten Kapitel des Romans nimmt sie dennoch das Kind in ihre Obhut.

Rosalie: Fast im ganzen Roman ist Rosalie die Dienerin der Familie. Als Kind war sie die Milchschwester von Jeanne und bleibt auch als Erwachsene an ihrer Seite, obwohl sie die Schuld an dem Unglück Jeannes trägt. Sie zieht aus der Familienresidenz aus, nachdem sie von Julien geschwängert wird, kehrt aber 24 Jahre später zurück, um ihrer Milchschwester Hilfe zu leisten, als diese wegen ihres Sohnes in Schwierigkeiten gerät.

Themen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehebruch, Geld, Verbrechen, Mädchenerziehung, Ehe, Religion, Kinder, Familie, Frauen, die Bosheit des Menschen, Liebe und Tod sind die Hauptthemen dieses Romans Maupassants. Ein Leben schildert zugleich diverse Milieus, unter anderen die Kirche. Insbesondere anhand der Figuren der zwei Priester Picot und Tolbiac beschreibt Maupassant zwei unterschiedliche Priestertypen: Picot ist ein gutmütiger Priester, der es aufgegeben hat, seinen Gemeindemitgliedern, insbesondere den jungen Frauen, Strafpredigten über die unterschiedlichen Aspekte des Lebens, namentlich die Sexualität, zu halten. Er akzeptiert es, dass sie eine Pilgerfahrt zu der von ihm so genannten Notre-Dame du Gros-Ventre („Unserer Lieben Frau des dicken Bauchs“) machen, da er dadurch mit einer Vergrößerung seiner Gemeinde rechnet. Diese Figur kann entweder als eine perfekte Veranschaulichung der christlichen Vergebung oder im Gegenteil als ein Mensch betrachtet werden, der aus Angst oder Heuchelei davon absieht, die „Sünde“ zu bekämpfen, um die Gläubigen nicht abzuschrecken. Der Pfarrer Tolbiac auf der anderen Seite, fanatisch und exaltiert, ist dieser Figur diametral entgegengesetzt. In einer recht gewalttätigen Szene tritt er eine Hündin mit dem Fuß, als diese gerade Welpen zur Welt bringt, weil er den Blick der Kinder, die dieses Spektakel in größter Unschuld verfolgen, nicht erträgt. Während des Gottesdiensts scheut er sich nicht, die jungen Leute, die eine Sünde begangen haben, namentlich zu benennen. Er informiert betrogene Eheleute über die Ehebrüche ihrer Partner, ohne an die möglichen Folgen zu denken. Wegen seiner Grausamkeit und seiner Intoleranz wird er von der ganzen Gemeinde gehasst. Durch diese gegensätzlichen Figuren, den Pfarrer Picot, einen fröhlichen, ländlichen, toleranten, redseligen, rechtschaffenen, aber auch etwas feigen Menschen, einerseits und den überaus strengen Pfarrer Tolbiac andererseits drückt er seinen Antiklerikalismus und seine Meinung über die Kirche und manche ihrer Einstellungen aus.

Inspirationsquellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Inspirationsquellen dienten Honoré de Balzac: Die Frau von dreißig Jahren, Gustave Flaubert: Madame Bovary, Flaubert: Die Erziehung der Gefühle/des Herzens, Edmond und Jules de Goncourt: Madame Gervaise, und Arthur Schopenhauer.

Verfilmungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1947: Une vie, Finnland, Toivo J. Särkkä
  • 1958: Ein Frauenleben, Frankreich/Italien, Alexandre Astruc (86 Minuten)
  • 2004: Une vie, französischer Fernsehfilm, Élisabeth Rappeneau (90 Minuten) mit Barbara Schulz als Jeanne
  • 2016: Ein Leben, französischer Kinofilm (119 Minuten)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gil Blas vom 21. Februar 1883.