Ethnomathematik

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Unter Ethnomathematik versteht man eine jüngere Fachrichtung der Mathematik, die im interdisziplinären Zusammenhang mit anderen Fächern wie Anthropologie und Ethnologie mathematische oder protomathematische Konzepte und Operationen in ihrem kulturellen Kontext erforscht.

Gegenstand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ethnomathematik untersucht Arten der Symbolisierung von Zahlen, Mengen und Verhältnissen, des Zählens und des Rechnens, der Perspektivierung, Gliederung und Messung von Zeit und Raum und mögliche andere auf mathematische Konzepte zurückführbare kognitive oder physische Operationen anhand von Praktiken wie z. B. Spiel, Tanz, Musik und rituellen Handlungen, in der Ordnung von Verwandtschafts- und Sozialbeziehungen, in Wirtschaft und Landwirtschaft, Handwerk, Kunst und Architektur.

Konzept und Verhältnis zur Geschichte der Mathematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der herkömmlichen Geschichte der Mathematik liegt in der Regel ein universalistisches und teleologisches Konzept zugrunde, das ältere und außereuropäische Kulturen unter dem Gesichtspunkt ihrer Ausbildung universeller mathematischer Fähigkeiten betrachtet, die für alle Menschen gleich, aber nicht in allen Kulturen gleich hoch entwickelt sind und in der europäischen, durch die indische und arabische Tradition geprägten Entwicklung ihren höchsten Entwicklungsstand erreicht haben sollen.

Die Ethnomathematik setzt dagegen einen relativistischen oder multikulturalistischen Ansatz, der in einer gegebenen Kultur, Ethnie oder sozial definierten Gruppe deren je eigene Ausprägung mathematischer Fähigkeiten unter dem Gesichtspunkt ihrer spezifischen kulturellen, sozialen und institutionellen Prägung und ihrer für diese Kultur (Ethnie, Gruppe) relevanten Entwicklung betrachtet. Leitend ist dabei die Absicht, einem eurozentrischen Konzept von Mathematik entgegenzuwirken, die Kenntnis und das Verständnis vermeintlich primitiver Formen von Mathematik zu verbessern und auch didaktisch und pädagogisch verwertbare Einsichten über die Aneignung und Vermittlung mathematischer Fähigkeiten zu gewinnen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ethnomathematik hat Vorläufer in der Mathematikgeschichte und Ethnologie (z.B. Ewald Fettweis), wurde jedoch als Begriff und eigene Fachrichtung seit den 70er-Jahren maßgeblich von dem brasilianischen Mathematiker Ubiratan D'Ambrosio eingeführt. Sie ist heute vor allem an US- und lateinamerikanischen Universitäten, aber auch im afrikanischen und europäischen Lehr- und Forschungsbetrieb vertreten.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Marcia Ascher: Ethnomathematics. A Multicultural View of Mathematical Ideas. Brooks/Cole Publishing Co., Pacific Grove Calif. 1991, ISBN 0-534-14880-8.
  • Paulus Gerdes: Ethnomathematik. Dargestellt am Beispiel der Sona-Geometrie. Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft, Heidelberg u. a. 1997, ISBN 3-8274-0201-8.
  • Paulus Gerdes: Ethnogeometrie. Kulturanthropologische Beiträge zur Genese und Didaktik der Geometrie. Franzbecker Verlag, Bad Salzdetfurth 1990, ISBN 3-88120-189-0.
  • Klaus-Dieter Linsmeier u. a. (Red.): Ethnomathematik. Flechtwerke der Kelten, Astronomie der Chinesen, Knotenschnüre der Inka, Kalender der Maya. Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft, Heidelberg 2006, ISBN 3-938639-41-5 (Spektrum der Wissenschaft Spezial 2, 2006).
  • Arthur B. Powell, Marilyn Frankenstein (Hrsg.): Ethnomathematics. Challenging Eurocentrism in Mathematics Education. State University of New York, Albany NY 1997, ISBN 0-7914-3352-8, (SUNY series, reform in mathematics education).
  • Claudia Zaslavsky: Africa counts. Number and Pattern in African Cultures. 3rd Edition. Lawrence Hill Books, Chicago Ill. 1999, ISBN 1-556-52350-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]