Grete Minde

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Die Novelle Grete Minde von Theodor Fontane handelt von einer jungen Frau, die aus Hass und Enttäuschung die altmärkische Stadt Tangermünde an der Elbe anzündet und viele Menschen mit sich in den Flammen und unter den Trümmern begräbt. Grete Minde spielt zu Beginn des 17. Jahrhunderts – die Novelle endet 1617 mit dem Brand der Stadt. Fontane schrieb sie 1879.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Beginn der Novelle ist Grete Minde eine etwa 13-jährige Halbwaise, ungeliebt von ihrer Schwägerin Trud Minde und deren Ehegatten, Gretes Halbbruder Gerdt. Gretes Mutter war eine katholische Spanierin. Ihr Vater stirbt kurz nach ihrer Konfirmation. Der einzige, der sie versteht, ist ihr Nachbar und bester Freund Valtin, der sie bereits als Kind verehrt und geliebt hat. Trud Minde sieht jedoch die kindlichen Spielereien von Valtin und Grete mit neidischen Augen, da ihr ein „solches Glück“ versagt blieb. Sie will ihnen den Umgang miteinander verbieten. Auch sieht sie „etwas Böses in ihr“. Grete hört jedoch nicht auf die unbegründeten Vorwürfe von Trud und trifft sich weiter mit Valtin. Zwischen Trud und Grete kommt es zu einem Eklat, und Grete verschwindet mitten in der Nacht mit Valtin ohne Wissen der Eheleute.

Sie leben drei Jahre glücklich bei herumreisenden Puppenspielern. In dieser Zeit wird Grete von Valtin schwanger und bringt ein Kind zur Welt. Doch dann wird Valtin todkrank. Er weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat, und bittet Grete, mit dem Kind nach Hause zurückzukehren und um Verzeihung zu bitten. Valtin stirbt in Arendsee und wird auf dem Friedhof des dortigen Frauenstifts bestattet, da der lutherische Pastor eine Beerdigung auf dem evangelischen Friedhof nicht zulässt.

Nach Valtins Tod folgt Grete dessen Wunsch, aber Gerdt will sie nicht wieder aufnehmen. Sie bittet ihn, als Magd bei ihm arbeiten zu dürfen, doch Gerdt will weder mit ihr zu tun haben noch für ihr Kind sorgen.

Grete möchte wenigstens ihr Erbe ausgezahlt bekommen, doch auch das lehnt er ab. Sie geht vor Gericht und verliert, denn Gerdt schwört meineidisch, dass Gretes Mutter nichts zum Einkommen beigesteuert und Grete deshalb auch kein Anrecht auf ein Erbe habe.

Grete zündet nun, wütend auch auf Richter und Bevölkerung, die Stadt Tangermünde an. Sie selbst steigt inmitten des Feuers auf den schon brennenden Kirchturm, mitsamt ihrem eigenen Kind und dem Kind von Gerdt und Trud. Von dort oben blickt sie auf den Kirchplatz nieder. Aller Augen sind auf sie gerichtet, auch ihr Halbbruder ist anwesend. Ihn will sie sehen, um Rache zu nehmen. Der Kirchturm stürzt ein, die Stadt brennt.

Im Schlusskapitel erfahren die Bewohnerinnen des Frauenstifts in Arendsee von dem Unglück. Sie sind die Einzigen, die ein wenig Mitgefühl für Grete Minde haben. Die Puppenspieler hingegen finden noch am selben Abend Ersatz für Grete.

Leitmotive[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auffällig ist Fontanes einfühlsame Beschreibung der ungerecht behandelten Frau. Dieses Thema findet man auch in anderen Werken Fontanes, in Grete Minde ist es aber besonders plakativ dargestellt. Fontane nimmt klar Partei für die junge, reine Liebe, die nicht den damaligen Konventionen folgt, und gegen Dogmatismus, Ungerechtigkeit, Neid und Gleichgültigkeit.

Historischer Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Darstellung der Grete Minde am Rathaus von Tangermünde
Darstellung der Grete Minde am Stadtbrunnen von Tangermünde

Die Novelle beruht auf wahren Begebenheiten, die Fontane 1878 in Tangermünde recherchierte. Eine Grete Minde lebte dort tatsächlich, einen Erbschaftsprozess gab es auch, und 1617 kam es in der Stadt zu einem Großbrand. Dabei brannten auch große Teile der dortigen St.-Stephans-Kirche. Im Museum innerhalb des historischen Rathauses der Stadt werden einige Dokumente dazu ausgestellt.

Im Unterschied zu Fontanes Novelle, in der Grete Minde aus Rache für das ihr verweigerte Erbe zur Brandstifterin wird, gilt die wahre Grete Minde heute als unschuldig und vielmehr als ein Opfer von Intrige und eilfertiger Justiz, die sie nach Verleumdung und Folter zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilte. Am 22. März 1619 wurde Grete Minde qualvoll hingerichtet. Die heute noch im Stadtarchiv von Tangermünde einsehbaren historischen Gerichtsakten sprechen eine deutliche Sprache: Grete Minde wurden „fünff finger an der Rechten Hand einer nach dem andern mit glühenden Zangen abgezwacket“, so das Urteil, „nachmalen ihr Leib mitt vier glühenden Zangen, nemlich in der Brust und Arm gegriffen, Folglich mitt eisernen Ketten uff einem erhabenen Pfahle angeschmiedet, lebendig geschmochet und allso vom leben zum tode verrichtet werden, von Rechts wegen.“

Im Jahre 1883, also nur drei Jahre nach Erscheinen von Fontanes Novelle, war es der Jurist und Historiker Ludolf Parisius, der in dem Buch Bilder aus der Altmark im Kapitel Grete Minden und die Feuersbrunst vom 13. September 1617 – Eine Ehrenrettung die historische Grete Minde weitgehend rehabilitierte. Als Erster nach über zwei Jahrhunderten studierte er intensiv die Prozessakten und deckte evidente Widersprüche auf, die auf die Unschuld Grete Mindes schließen lassen. Sie musste sterben, weil sie für die etablierte Familie Minde eine Bedrohung sowohl ihres Rufes als auch ihres Besitzes darstellte. Zudem sah sich der Stadtrat unter zunehmendem Zwang, der aufgebrachten Bevölkerung Tangermündes eine Schuldige zu präsentieren. Parisius’ Fazit ist deshalb eindeutig: Das Todesurteil gegen Grete Minde war ein „grausamer Justizmord“.

Am 22. März 2009, also genau 390 Jahre nach ihrer Hinrichtung, wurde am Ort des Geschehens, vor dem historischen Rathaus der Stadt, in dem der Prozess gegen Grete Minde stattfand, eine lebensgroße Bronzeskulptur des Grafikers und Bildhauers Lutz Gaede enthüllt. Sie zeigt Grete Minde in Ketten und gebeugter Haltung. Diese Darstellung als Gefangene greift im Unterschied zu Fontane ausdrücklich auf die wirkliche, dokumentierte Geschichte der Grete Minde zurück und macht so auf das ebenso tragische wie dramatische Schicksal aufmerksam, welches sich real in Tangermünde abspielte und die historische Grundlage für Theodor Fontanes Novelle bildete.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grete Minde erfreute sich lange Zeit großer Beliebtheit. Der spätere deutsche Literaturnobelpreisträger Paul Heyse nahm das Buch in seinen Neuen Deutschen Novellenschatz auf. Heute wird Grete Minde zu den schwächeren Werken Fontanes gezählt. Im Kanon des Deutschunterrichts scheint das Buch wegen der jungen Protagonisten und seiner Kürze bei gleichzeitig klangvollem Autorennamen aber eine gewisse Bedeutung zu haben. Auf jeden Fall ist das Buch aufgrund seiner klaren Sprache und der stringenten Handlungsführung bis hin zum dramatischen Ende auch heute noch gut lesbar. Anlässlich der Tausendjahrfeier der Stadt Tangermünde im September 2009 wurde Grete Minde vom Theater der Altmark auch als Oper uraufgeführt; die Musik komponierte Søren Nils Eichberg, und das Libretto von Constanze John basierte auf Fontanes Novelle.

Verfilmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Grete Minde (Film)

Das Buch wurde von Heidi Genée 1976 mit Katerina Jacob als Hauptdarstellerin und Siemen Rühaak als Valtin für das Fernsehen verfilmt. Die Außenaufnahmen wurden im südostniedersächsischen Hornburg gedreht.

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Theodor Fontane: Grete Minde. Nach einer altmärkischen Chronik. Wilhelm Hertz, Berlin 1880 (Erstausgabe)
  • Theodor Fontane: Grete Minde. Nach einer altmärkischen Chronik. Bearb. von Claudia Schmitz. Berlin 1997, ISBN 3-351-03115-7 (Große Brandenburger Ausgabe, Das erzählerische Werk, Band 3)

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gaby Pailer: Schwarzäugige Mordbrennerin. Fontanes Grete Minde, eine Tochter von Cervantes’ „La gitanilla“. In: Renate Möhrmann (Hrsg.): rebellisch – verzweifelt – infam. Das böse Mädchen als ästhetische Figur. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-89528-875-3, S. 171–186.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Grete Minde – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien