Gutsherr

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Gutsherrschaft ist die Bezeichnung für eine feudale Herrschaftsform, die sich seit dem Mittelalter mit der Ostkolonisation in den östlichen Gebieten des Heiligen Römischen Reichs entwickelte. Sie ging auf die Grundherrschaft zurück.[1] Seit dem 16. Jahrhundert entstand daraus der Typus des ostelbischen Junkers.[2]

Herrschaftsform[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der adelige Gutsherr verfügte nicht nur über weiträumiges Grundeigentum von 100 bis 150 ha (Gutsbezirk, Rittergut), auf dem überwiegend Getreide angebaut wurde und verschiedene Monopole (Braugerechtsame, Mühlenzwang, Ziegel- und Kalkbrennmonopole),[3] sondern hatte auch mittels Erbuntertänigkeit sowie übertragener Straf- und Polizeigewalt (Patrimonialgerichtsbarkeit) eine beherrschende Stellung in der Agrargesellschaft noch vor den Landesherrn inne.[4]

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlosch diese Funktionsweise allmählich und wurde in Deutschland und Österreich in den 1920er-Jahren gesetzlich abgeschafft. Die deutschen Gutsbezirke wurden 1927 endgültig aufgelöst. In Hessen bestehen bis in die Gegenwart gemeindefreie moderne Gutsbezirke fort.

Redewendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Redewendung „etwas nach Gutsherrenart tun“ bedeutet, nach eigenem Gutdünken zu handeln.

Der Ausdruck nimmt Bezug auf die Stellung der Gutsherren im 19. Jahrhundert, welche – auch noch nach der Bauernbefreiung – aufgrund des Preußischen Allgemeinen Landrechts neben der wirtschaftlichen auch die polizeiliche und gerichtliche Herrschaft über ihre Untergebenen hatten. Der Gutsherr durfte nach eigenem Ermessen entscheiden, was nicht selten den Charakter von Willkür und Arroganz annahm.

Im deutschen Sprachraum findet die Formulierung vor allem im politischen Journalismus Verwendung, ist aber stilistisch umstritten. In der Werbung findet eine weitere Bedeutung Anwendung, hier sind häufig Lebensmittel und Gerichte gemeint, die mit kräftigen Gewürzen, Speck u. a. zubereitet sind, wie es in der gehobenen ländlichen Küche üblich ist. Diese Redewendung weist darauf hin, dass der Gutsherr von allem, was er von seinem Gut erntete, das Beste für sich nahm.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Carsten Porskrog Rasmussen: Ostelbische Gutsherrschaft und nordwest-deutsche Freiheit in einem Land – die Güter des Herzogtums Schleswig 1524 bis 1770. Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie, 2004, S. 25 ff.
  • Eduard Maur: Gutsherrschaft und „zweite Leibeigenschaft“ in Böhmen, rezensiert von Dirk Schleinert für sehepunkte Rezensionsjournal für die Geschichtswissenschaften, Ausgabe 2 (2002), Nr. 3
  • Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt: Gutsherrschaft über reiche Bauern. Übersicht über bäuerliche Widerständigkeit in den Marschgütern an der Westküste Schleswig-Holsteins und Jütlands, in: Historische Zeitschrift. Beihefte Bd. 18, Gutsherrschaft als soziales Modell. Vergleichende Betrachtungen zur Funktionsweise frühneuzeitlicher Agrargesellschaften (1995), S. 261-278
  • Hartmut Harnisch: Die Gutsherrschaft in Brandenburg in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte / Economic History Yearbook, Band 10, Heft 4 (April 1969)

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Gutsherr – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gutsherrschaft Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte
  2. Gutsherrschaft Rundfunk Berlin-Brandenburg, abgerufen am 24. Februar 2016.
  3. Hanna Schissler: Der Bauer - Die Verhältnisse in Ostelbien Preußische Agrargesellschaft im Wandel. Göttingen 1978, S. 94-100
  4. Peter C. A. Schels: Gutsherrschaft Kleine Enzyklopädie des deutschen Mittelalters