Konflikttransformation

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Über eine Konflikttransformation wird gelegentlich diskutiert, nachdem eine Konfliktintervention eine gewisse Änderung bewirkt hat.

Das heißt, dass ein verändertes Sozialverhalten und eine veränderte Einstellung dem Konflikt gegenüber, sowie entsprechende be- und verarbeitete strukturelle und kulturelle Dimensionen es erlauben, eine neue gewaltfreie Wirklichkeit zu schaffen.

Solche Prozesse finden entsprechend sowohl auf psycho- und gruppensozialer Ebene statt als auch überall dort, wo Menschen aufgrund ihrer Eigenschaften und Lebensumstände zu Gruppen zugeordnet werden können. Dies schließt Ökonomie, Politik und viele weitere Bereiche ein und zeigt den notwendigen Umfang und Aufwand zur erfolgreichen Transformation an. Praktiker der Konflikttransformation sind Generalisten mit Schwerpunkten in Sozio- und Politikwissenschaften, Psychologie, Ökonomie und weiteren Bereichen. Auch das Konzept Restorative Justice kann im Sinn einer alternativ-konstruktiven Herangehensweise zu Gerechtigkeit als Form von Konflikttransformation verstanden werden. Auch das Konzept der Mediation beruht auf einem ähnlichen Ansatz.

Im Unterschied zur klassischen Konfliktlösung, die darauf beruht, gewaltfreie Lösungen für bestimmte konfligierende Angelegenheiten zu finden, werden bei der Konflikttransformation Strukturen reformiert, Kulturen hinterfragt, eigene und fremde Grundbedürfnisse bewusstgemacht und Beziehungen geheilt.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Entstehung der Tradition der Konflikttransformation geht eng einher mit dem sich seit den 1990er Jahren verbreitenden Phänomen postmoderner Kriege. Der postmoderne Krieg, in welchem auf allen Seiten das Töten von Zivilisten als Hauptstrategie eingesetzt wird, übertrumpft den klassischen zwischenstaatlichen Krieg in seiner Komplexität. In der Praxis zeigten sich diese neuen Kriege als resistent gegenüber traditionellen Ansätzen, wie man einem bewaffneten Konflikt zu begegnen habe. Insbesondere im Fall von Friedensverhandlungen, wo traditionelle Abkommen diskutiert oder gar getroffen wurden, brach die Gewalt bei gegebenem Anlass stets von neuem aus. Beispiele finden sich in Angola, Ruanda, Palästina und Sri Lanka. Im Falle von Angola und Ruanda starben mehr Menschen nach dem Unterzeichnen der Abkommen als vorher. Auch im aktuellen Kontext des globalen Krieges gegen den Terror haben beispielsweise in Afghanistan und Irak die neue Verfassungen keinen Frieden gebracht. Einer von vielen Gründen für dieses Versagen bei Verhandlungen und Abkommen ist das Fehlen einer Konfliktanalyse. Die auftretenden Formen kriegerischer Gewalt sind nur die Spitze des Eisbergs in einem Feld vieler neuer struktureller und kultureller Konfliktformationen in der neuen Phase eines globalen multinationalen Weltkapitalismus. Vor dem Hintergrund wichtiger Lehren, die aus vergangenen Friedensprozessen gezogen wurden, ist die Tradition der Konflikttransformation entstanden. Zu ihnen gehören unter anderem, dass Friedensprozesse oft scheitern, weil sie auf der Top-Ebene der Entscheidungsträger hinter verschlossenen Türen stattfinden, die Betroffenen vom Prozess ausgeschlossen bleiben, was von oppositionellen Kräften oft politisch genutzt wird, um den Friedensprozess zu boykottieren. Dass man oft dazu tendiert, komplexe Konflikte auf zwei Konfliktparteien zu reduzieren, meist ausschließlich moderate Vertreter dieser Konfliktparteien an einen Tisch setzt, währenddessen ausgeschlossene Konfliktparteien, die nicht als Verhandlungspartner akzeptiert werden, eine konstruktive Lösung durch Gewaltanwendung verhindern. Dass die Konfliktparteien sehr unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit haben, sich natürlich selbst im Recht sehen und die anderen im Unrecht. Speziell in interkulturellen Kontexturen erscheint die Frage nach einer gerechten Konfliktlösung nicht beantwortbar. Dass die Bereitschaft zur Empathie, dem Verstehen der anderen Konfliktparteien nicht gegeben ist, sondern dass Verhandlungen nur als Fortsetzung des Kampfes mit Worten geführt werden. Dass die Konfliktparteien so sehr in ihren Positionen verhaftet sind, dass ihnen unmöglich wird, neue kreative Konfliktlösungsperspektiven zu explortieren. Dass der Konflikt als eine winlose Konstellation verstanden wird, wobei ein definierter Wert verteilt werden muss. Diesem Verständnis nach haben Parteien Ziele. Und sie müssen an einem gewissen Punkt nachgeben, um ihre Ziele in Einklang mit den Zielen der anderen Partei zu bringen. Die mit diesen Ansätzen verbundenen Begriffe sind winlose, Nullsummenspiel, Konkurrenz, legalistisch, inkludiert, Taktik, Carrot, Stick, Gewaltandrohung, Drohung, Täuschung und Unterschlagung.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • John Paul Lederach: Vom Konflikt zur Versöhnung. Kühn träumen – pragmatisch handeln. Neufeld Verlag, Schwarzenfeld 2016, ISBN 978-3-86256-068-4.
  • Berghof Foundation (Hrsg.): Berghof Glossar zur Konflikttransformation. 20 Begriffe für Theorie und Praxis. Berghof Foundation, Berlin 2012, ISBN 978-3-941514-11-9 (englische und deutsche Ausgabe online).
  • Johan Galtung: 50 Years, 25 Intellectual Landscapes Explored. Transcend University Press / Kolofon Press, Oslo 2008, ISBN 978-82-300-0471-5.
  • Wilfried Graf, Gudrun Kramer, Augustin Nicolescou: Conflict Transformation through Dialogue: from Lederach’s rediscovery of the Freire method to Galtung’s 'Transcend' approach. In: Journal für Entwicklungspolitik. Band 22, Nr. 3, 2006, S. 55–83, ISSN 0258-2384.
  • Fredric Jameson: Postmoderne. Zur Logik der Kultur im Spätkapitalismus. In: Andreas Huyssen, Klaus R. Scherpe (Hrsg.): Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels. (= rowohlts enzyklopädie. Band 427) Reinbek bei Hamburg 1986, S. 45–102.
  • John Paul Lederach: Preparing for Peace: Conflict Transformation across Cultures. Syracuse University Press, New York 1995, ISBN 978-0-8156-2656-5.
  • Hugh Miall: Conflict Transformation: A Multi-Dimensional Task. Berghof Forschungszentrum für konstruktive Konfliktbearbeitung, Berlin 2004. berghof-handbook.net (PDF, 247 KB)
  • Kathleen O’Toole: Why peace agreements often fail to end civil wars. Stanford Report, Nov. 19, 1997.[1]
  • Petra Purkarthofer: Verhandlung und Mediation: Permanenter Dialog als Weg zu dauerhaftem Frieden. In: Anita Bilek (Hrsg.): Welcher Friede? Lehren aus dem Krieg um Kosovo. (= Agenda Frieden. Nr. 36) Agenda-Verlag, Münster 2000, ISBN 3-89688-084-5, S. 62–75.
  • Cordula Reimann: Assessing the state-of-the-art in conflict transformation. Berghof Forschungszentrum für konstruktive Konfliktbearbeitung, Berlin 2004. berghof-handbook.net (PDF, 406 KB)
  • Howard Zehr: Fairsöhnt. Restaurative Gerechtigkeit – Wie Opfer und Täter heil werden können. Neufeld Verlag, Schwarzenfeld 2010, ISBN 978-3-937896-96-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Why peace agreements don't end civil wars: 11/19/97 In: news.stanford.edu