Kriminalbiologie

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Als Kriminalbiologie bezeichnet man die Wissenschaft, die sich mit den körperlichen, insbesondere den genetischen Merkmalen eines Straftäters eines Verbrechens beschäftigt. Früher wurde verbreitet auch die Bezeichnung Kriminalanthropologie synonym verwendet.

Ursprünge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kriminalbiologie spielte in Folge der Rezeption von Charles Darwin eine zunehmend wichtige Rolle im Wissenschaftsdiskurs über das Verbrechen. Der Verbrecher, einst als moralisch gestrauchelter Mensch angesehen, wurde nunmehr eher als biologisch defektes Wesen, als „verhinderter“ mehr denn als „gefallener“ Mensch angesehen (Peter Becker). Mit Lombrosos Studien (1876) und den Diskussionen darum etablierte sich der biologische Ansatz als eine unter mehreren Strömungen, die in den 1880er und 1890er Jahren die Entstehung der Kriminologie als Wissenschaft beeinflussen sollten. In Bayern sammelte der Kriminalbiologische Dienst seit 1924 Angaben zu den physischen Merkmalen von Gefangenen. 1927 gründete Adolf Lenz (Graz) die Kriminalbiologische Gesellschaft.

Zeit des Nationalsozialismus und die Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ihren Durchbruch erlebte die Kriminalbiologie in der Zeit des Nationalsozialismus. Der spätere städtische „Jugendpsychiater“ Robert Ritter in Frankfurt am Main wendete sie zu jener Zeit umfangreich an, in der Absicht, die Grundlagen zur Ermordung zigtausender Roma und Sinti zu schaffen. Nach seiner und Heinrich Himmlers Auffassung hatten 9 von 10 „Zigeunern“ kein Recht zu leben. Ab 1941 leitete Ritter ein Kriminalbiologisches Institut der Sicherheitspolizei im Hauptamt Sicherheitspolizei, das seit September 1939 Teil des RSHA war. Notker Hammerstein rechtfertigte Ritters Taten noch 1999 in einer „Auftragsarbeit“ (Ernst Klee) für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (und damit auch die seiner NS-Mitarbeiterinnen Eva Justin, ebenfalls Stadt Frankfurt, und Sophie Ehrhardt). Das Buch Hammersteins wurde allerdings nach Klees Kritik von der DFG selbst indirekt in Frage gestellt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christian Bachhiesl: Der Fall Josef Streck. Ein Sträfling, sein Professor und die Erforschung der Persönlichkeit (= Feldforschung. 1). Lit, Wien u. a. 2006, ISBN 3-8258-9579-3 (2. Auflage. ebenda, 2010, ISBN 978-3-8258-9579-2).
  • Christian Bachhiesl: Zur Konstruktion der kriminellen Persönlichkeit. Die Kriminalbiologie an der Karl-Franzens-Universität Graz (= Schriftenreihe rechtsgeschichtliche Studien. 12). Dr. Kovač, Hamburg 2005, ISBN 3-8300-2166-6 (Zugleich: Graz, Universität, Dissertation, 2004).
  • Walter Bagehot: Physics and Politics, or: Thoughts on the Application of the Principles of „Natural Selection“ and „Inheritance“ to Political Society. King, London 1872.
  • Peter Becker: Verderbnis und Entartung. Eine Geschichte der Kriminologie des 19. Jahrhunderts als Diskurs und Praxis (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte. 176). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, ISBN 3-525-35172-0 (Zugleich: Göttingen, Universität, Habilitations-Schrift, 2000).
  • Peter Busse (Red.): Kriminalbiologie (= Juristische Zeitgeschichte NRW. 6, ZDB-ID 1424746-x). Justizministerium des Landes NRW, Düsseldorf 1997.
  • Nadine Hohlfeld: Moderne Kriminalbiologie. Die Entwicklung der Kriminalbiologie vom Determinismus des 19. zu den bio-sozialen Theorien des 20. Jahrhunderts. Eine kritische Darstellung moderner kriminalbiologischer Forschung und ihrer kriminalpolitischen Forderungen (= Würzburger Schriften zur Kriminalwissenschaft. 2). Peter Lang, Frankfurt am Main u. a. 2002, ISBN 3-631-38899-3 (Zugleich: Würzburg, Universität, Dissertation, 2001).
  • Claudia Schoßleitner: Der Beitrag Österreichs zur Kriminalbiologie. Linz 1991, (Linz, Universität, Dissertation, 1991).
  • Jürgen Simon: Kriminalbiologie und Zwangssterilisation. Eugenischer Rassismus 1920–1945 (= Internationale Hochschulschriften. 372). Waxmann, Münster u. a. 2001, ISBN 3-8309-1063-0 (Zugleich: Münster, Universität, Dissertation, 2001).