Oxygenien

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Oxygenien (Originaltitel: "Oxygénia") ist ein erstmals 1974 erschienener dystopischer Roman der ungarischen Autorin Klára Fehér. In deutscher Sprache erschien er nur in der DDR, 1977 als Hardcover und 1985 in der Romanzeitung. Eine mögliche zukünftige Entwicklung der Menschheit wird metaphorisch auf den Planeten Oxygenien verlegt, die Erde selbst wird nur kurz erwähnt.

Handlung[Bearbeiten]

Der Roman spielt in einer Zukunft von schätzungsweise 200 Jahren, eine genaue Zeitangabe gibt es nicht. Die Erde ist ein glücklicher Ort, Raumfahrt auch für Privatpersonen etwas Alltägliches. Das frisch verheiratete Ehepaar Peter und July ist mit seinem kleinen Raumschiff in den Flitterwochen unterwegs und nähert sich einem interessant aussehenden Planeten, als es von einer nahegelegenen Raumstation den Warnruf erhält, diesem Planeten unbedingt fernzubleiben. Bevor sie abdrehen können, wird das Schiff jedoch durch einen Mikrometeoriten beschädigt, Peter muss aussteigen, um es zu reparieren. Dabei überschreitet er unwissentlich die Hoheitsgrenze des Planeten und wird durch eine unbekannte Technologie auf die Oberfläche herabgeholt. Bei diesem Transport geht etwas schief, Peter findet sich in einer der Bedienerstädte (siehe weiter unten) wieder, eine Kommunikation mit seiner Frau im Raumschiff ist nicht möglich, auch mit den Lebewesen lässt es sich kaum kommunizieren. Glücklicherweise trägt er seine Weltraumausrüstung mit Sauerstoffvorrat, zu der auch eine Art Replikator gehört, mit dem er sich selbst aus den Stoffen der Umgebung Sauerstoff und Nährstoffe herstellen kann, das Vorhandensein dieser Ausrüstung sichert zunächst sein unmittelbares Überleben und erweist sich später als unverzichtbar, um der Bedienerstadt zu entkommen. Zufällig findet er einen Einheimischen, mit dem er sprechen kann. In der Folge lernt Peter dank der Hilfe einiger einheimischen Wesen unfreiwillig die drei Gesellschaftsschichten des Planeten kennen, bis ihm mit seiner Frau die Flucht von Oxygenien gelingt.

Der Planet Oxygenien[Bearbeiten]

Oxygenien ist ein sehr erdähnlicher Planet mit Ozeanen und Kontinenten. Gravitation, Temperatur, atmosphärischer Druck und Tagesdauer sind scheinbar identisch mit der Erde, ein Planetenjahr entspricht jedoch nur etwa 0,8 Erdenjahren (der Faktor lässt sich anhand der Angaben im Roman errechnen). Er wird von einer aerotropen humanoiden intelligenten Art bewohnt, für die keine Eigenbezeichnung auftaucht, deren Vertreter aber den Menschen äußerst ähnlich sind.

Oxygeniens Geschichte[Bearbeiten]

Im Verlauf der Handlung wird Peter in die Geschichte des Planeten eingeweiht. Demnach hat sich eine hochentwickelte, hochindustrialisierte Kultur entwickelt, die jedoch am Problem einer enormen Umweltverschmutzung leidet. Zahlreiche ergebnislose Konferenzen werden abgehalten und nach Lösungen und Auswegen gesucht, während die Umweltzerstörung voranschreitet und bereits "Menschen" erkranken, bis von den Konzernmachthabern des Oxygenien-Trusts diese Bemühungen als sinnlos beendet werden, man muss eben mit der Situation klarkommen. Die Wohlhabenden sichern sich Bauland hoch auf Bergen in unverseuchter Umgebung, siedeln dorthin um und bestimmen in der Folge von dort aus die Geschicke des Planeten. In den folgenden etwa 1000 Planetenjahren (entspricht circa 800 Erdenjahren) entwickelt sich der Ist-Zustand, den der Protagonist kennenlernt.

Oxygeniens Gesellschaftsschichten[Bearbeiten]

Der Protagonist landet zunächst in der untersten Gesellschaftsschicht und erfährt nacheinander alle drei vorkommenden Gesellschaftsschichten. Dies sind:

Die unterste Schicht, für diese gibt es keine Bezeichnung. Sie umfasst etliche Milliarden "Menschen", die in sogenannten Bedienerstädten, welche sich alle gleichen, leben, Peter lernt davon nur eine stellvertretend kennen. In der Luft gibt es keinen Sauerstoff, die Luft besteht nur aus Rauchgasen aller Art. Durch die enorme Verschmutzung dringt kein natürliches Licht mehr zur Oberfläche vor, ein Tag-Nacht-Rhythmus wird durch unterschiedlich starke Beleuchtung simuliert. Allgemein herrscht nur ein diffuses Zwielicht, Farben gibt es fast nicht. Da die Bewohner sauerstoffatmende Lebewesen wie auch der Mensch sind, sind sie zeitlebens auf das Tragen von Atemgeräten angewiesen. Auch in den (sich optisch rein gar nicht voneinander unterscheidenden, einfach nur würfelförmigen) Häusern findet sich nur dieselbe lebensfeindliche Atmosphäre wie außerhalb, die Atemmasken müssen also ständig getragen werden. Spitzname der "Menschen" ist aufgrund der speziellen Form dieser Atemgeräte "Rüsselträger", verwendet wird dieser allerdings nur innerhalb der beiden oberen Gesellschaftsschichten. Sauerstoff gibt es nur in Form sublimierender Tabletten, die in spezielle Behälter der Atemgeräte eingelegt werden, für die Zuteilung solcher Sauerstofftabletten ist jedoch Arbeit zu verrichten. Dies sind stumpfsinnige Tätigkeiten an Maschinen wie z.B. ein Rad links an der Maschine dreimal drehen, dann ein mittleres Pedal treten, anschließend das Rad rechts an der Maschine dreimal drehen, dann wieder von vorn. Die Sauerstoffrationen, die die "Menschen" für ihre Arbeit erhalten, sind gering, sie sichern nur das Überleben und gestatten maximal einen arbeitsfreien Tag die Woche, ein Ansparen von Sauerstoff ist nicht möglich. Essen und Trinken werden in sogenannten Restaurants durch vollautomatische Systeme ausgegeben, die Speisen sind jedoch mit Drogen versetzt, die sämtliche Denkprozesse des Gehirns sowie den Geschlechtstrieb lähmen oder ganz unterdrücken und nur die für das Überleben wichtigen Funktionen gestatten. Zum Schlafen gibt es unpersönliche Schlafsäle mit einer Fernseh-Dauerberieselung (die Bilder werden an die Decke projiziert), diese jedoch äußerst langweilig und nur in schwarzweiß. Andere Gegenstände wie z.B. Atemmasken, Schuhe oder Kleidung sind kostenlos und unbeschränkt in sogenannten Kaufhäusern verfügbar, dort gibt es auch ein kleines Universallehrbuch sowie ein Geschicklichkeitsspiel. Interaktion oder gar soziales Zusammenleben zwischen den "Menschen" findet praktisch nicht statt. Eine Überwachung der "Menschen" gibt es nicht, sie ist auch nicht nötig - wer nicht arbeitet, bekommt keinen Sauerstoff und stirbt, ein Verlassen der Städte ist zwar theoretisch möglich, jedoch nicht sinnvoll, da sich außerhalb nur ewige Dunkelheit und lebensfeindliche zerstörte Umwelt befinden, außerdem reicht der maximal mögliche Sauerstoffvorrat ohnehin nicht für irgendwelche Ausflüge. Ein Austausch zwischen den Städten findet nicht statt, es gibt keinerlei Verkehrssysteme.

Einmal im Jahr findet jedoch das sogenannte "Große Frühlingsfest" statt, eine Art Paarungsritual in einer ein wenig außerhalb der Stadt liegenden Höhle, in der es dann auch unbeschränkt Sauerstoff sowie berauschende Speisen und Getränke gibt. Rechtzeitig vorher ändert sich der Drogenmix in den Speisen, um das sexuelle Verlangen zu reaktivieren, und das Dauerfernsehprogramm der Schlafsäle wird zunehmend bunter und teilweise mit Musik untermalt. Jahresziel eines jeden "Menschen" in den Bedienerstädten ist das erneute Erleben dieses "Großen Frühlingsfestes". Während dieser orgiastischen Veranstaltung werden Kinder gezeugt. Am Ende des Festes werden neue Atemmasken und Kleidung ausgegeben, die Bewohner kehren in ihre Bedienerstadt zurück, und der Jahreszyklus beginnt von vorn - bis zum nächsten "Großen Frühlingsfest". Schwanger gewordene Frauen werden durch automatische Scans am Ausgang der Festhöhle identifiziert und kommen in Schwangerschafts- und Geburtskliniken, auch diese sind vollautomatisiert. Nach der Geburt und ersten Tagen mit ihren Kindern werden sie zum frühestmöglichen Zeitpunkt (wenn die Kinder nicht mehr auf das Stillen ihrer Mütter angewiesen sind) von diesen getrennt, ihr Gedächtnis gelöscht, und sie kommen in die Bedienerstädte zurück. Die Kinder werden nun durch automatische Tests selektiert, diejenigen, bei denen keine besondere Begabung oder nützliche Talente festzustellen sind, kommen ebenfalls in eine Bedienerstadt, Begabte hingegen erhalten von nun an eine mehrjährige Ausbildung in vollautomatischen Schulen und Universitäten und gehören damit automatisch der zweiten Gesellschaftsschicht an.

In dieser mittleren Schicht, einer Schicht der (notwendigen) Intelligenz, herrschen bessere Lebensbedingungen. In den Städten gibt es verschiedenfarbige Gebäude unterschiedlichen Aussehens, künstliche grüne Sträucher, Bäume und Rasen, ein innerstädtisches Verkehrssystem in Form von Laufbändern, eine Außenluft mit immerhin bereits 5 % Sauerstoffgehalt, Schleusen an den Hauseingängen, so dass innerhalb der Gebäude keine Atemmasken mehr nötig sind, sowie einen bereits deutlich erkennbaren natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus. Bewohnt werden diese Städte von den "Sich-Erinnernden". Dies sind "Menschen" mit besonderen Talenten, die für Forschung und Entwicklung nötig sind. Jedoch sind auch ihre Gehirne manipuliert, im Lauf der Ausbildung werden sie mehrfach operiert und bestrahlt, so dass die für wertvoll befundenen Bereiche angeregt, andere Bereiche jedoch unterdrückt werden. Gesellschaftliches Denken ist absolut verboten, die bestehende Ordnung darf nicht in Frage gestellt werden, dies wird den "Menschen" bereits während der Ausbildung eindringlich vermittelt. Gegenstände des täglichen Bedarfs, Essen und Trinken werden noch immer in vollautomatischen Einrichtungen ausgegeben, jedoch in deutlicher besserer Qualität und größerer Vielfalt als in den Bedienerstädten. Wohnhäuser gibt es für Einzelpersonen oder für Paare, Freundschaften sind möglich und erlaubt, auch eheähnliche Lebenspartnerschaften sind möglich und erlaubt, genau wie sexuelle Kontakte. Frauen bekommen jedoch über die Nahrung eine zwangsweise Empfängnisverhütung verpasst, sollte doch eine Frau schwanger werden, kommt sie in eine der automatischen Schwangerschafts- und Geburtskliniken und nach der Geburt und Gedächtnislöschung in eine Bedienerstadt. Auch ältere Sich-Erinnernde, deren Arbeitsleistung nachläßt bzw. von deren Gehirnen nichts Neues und Nützliches mehr zu erwarten ist, kommen zur Gedächtnislöschung und anschließend in eine Bedienerstadt. Im Gegensatz zu den Bedienerstädten gibt es hier durchaus eine Kontrolle der Bewohner. Jeder Sich-Erinnernde bekommt eine persönliche Lochkarte, mit der er Zugang zu seinem Haus, seiner Arbeitsstätte sowie den Gemeinschaftsräumen und den Güterverteilautomaten erhält, auch erscheinen auf den Straßen gelegentlich wandähnliche Hindernisse, die nur nach Auswertung der Lochkarte wieder verschwinden. In unregelmäßigen Abständen werden die "Menschen" durch technische Systeme zur Gehirnkontrolle gerufen, ihre Lochkarte wird im selben Moment ungültig und erst dann wieder freigeschaltet, wenn die Gehirnkontrolle erfolgreich absolviert wurde. Eine erfolgreiche Gehirnkontrolle wird dadurch erreicht, dass nur die für die Arbeit nötigen Gehirnbereiche angeregt und aktiv sind, alle anderen Bereiche müssen dagegen inaktiv sein. Ist dies nicht der Fall, erfolgen entweder neue Operationen und Bestrahlungen oder aber die völlige Gedächtnislöschung und Versetzung in eine Bedienerstadt.

Außerhalb wenigstens einer Stadt der Sich-Erinnernden gibt es in einem Höhlensystem eine Kolonie von Renegaten - Sich-Erinnernde, deren Lochkarte ungültig wurde oder Frauen, die schwanger wurden und der automatischen Aussonderung zuvorkommen wollten, samt ihren Kindern. Unterstützt werden sie von einigen Sympathisanten innerhalb der Stadt, die sie mit Lebensmitteln und Sauerstofftabletten (für die Sich-Erinnernden sind diese unbegrenzt vorhanden) versorgen. Diese Sympathisanten innerhalb der Stadt verdecken ihre Aktivitäten vor den Gehirnkontrollen mittels einer speziellen Droge, die sie unmittelbar vor jeder Kontrolle einnehmen. Die Renegaten leben völlig frei und ohne jede Kontrolle oder Einflussnahme.

Kontrolliert wird alles von der obersten Gesellschaftsschicht, den oberen 10.000. Diese sprichwörtliche Herrscherklasse ist im Roman sogar wörtlich zu nehmen, besteht sie doch aus 100 Familien mit jeweils genau 100 Mitgliedern. Ihr Wohnort ist Oxygenville irgendwo hoch in den Bergen. Mittels technischer Systeme werden die beiden verschmutzten unteren Luftschichten voneinander und gegen die obere Luftschicht, in der Oxygenville liegt, getrennt, so dass in dieser Höhe eine geradezu paradiesische Umweltsituation herrscht. Hervorgegangen sind diese oberen 10.000 aus den Begründern des Oxygenien-Trusts vor ca. 1000 Planetenjahren, oberster Regent ist ein König mit zwei Söhnen, die, bis der ältere von ihnen selbst König wird, den Sicherheitsdienst leiten. Ein Vordringen der Planetenbevölkerung, egal ob Rüsselträger oder Sich-Erinnernde, nach Oxygenville ist aufgrund der Umweltsituation und des Fehlens jedweder Verkehrsverbindungen ausgeschlossen, dennoch werden die Sich-Erinnernden, da sie aufgrund ihrer aktiven Gehirne eine potentielle Gefahr darstellen, ständig überwacht. Ein Teil der oberen 10.000 widmet sich auch wirtschaftspolitischen Aufgaben wie Produktionsplanung und Güterverteilung, die meisten Bewohner Oxygenvilles sind allerdings nur zu ihrem Vergnügen auf der Welt und verbringen ihre Zeit mit verschiedenen Freizeitbeschäftigungen. Auch Oxygenville ist durchsetzt mit Technik, hier jedoch als Assistenz für die "Menschen" und um ihnen das Leben möglichst angenehm zu gestalten.

Am Ende des Romans gelingt Peter zusammen mit der sich inzwischen ebenfalls auf Oxygenien befindlichen Julie die Flucht, nachdem er willentlich eine Kette von Geschehnissen in Gang gesetzt hat, durch die die Herrschaft Oxygenvilles über den Planeten beendet und eine neue Ära eingeleitet wird.

Ausgaben[Bearbeiten]