Sozialtherapeutische Anstalt

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Eine Sozialtherapeutische Anstalt ist eine Sonderform des Strafvollzuges, die sich mit besonderen therapeutischen Mitteln und sozialen Hilfen rückfallgefährdeten Straftätern widmet. Die Einrichtung ist gesetzlich vorgeschrieben.

Rechtliche Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Strafrechtsreform von 1969 wurden zu Beginn der 70er Jahre in den meisten Bundesländern Sozialtherapeutische Anstalten eingerichtet. Man hatte damals erkannt, dass es verschiedene Gruppen von (rückfallgefährdeten) Straftätern gibt, die ohne die speziellen Hilfestellungen der Sozialtherapeutischen Anstalten nicht aus eigener Kraft aus der Straffälligkeit herauskommen, sei es, weil ihre Persönlichkeit gestört ist, oder sie mit ihren erworbenen Verhaltensweisen das Leben nicht sozialverträglich bewältigen können. Seit 1977 ist die Unterbringung in einer Sozialtherapeutischen Anstalt als vollzugsinterne Verlegung im Strafvollzugsgesetz verankert (§ 9 StVollzG).

Dabei handelte es sich zunächst um eine bloße Kann-Vorschrift, die es ermöglichte, einen Gefangenen zu verlegen, „wenn die besonderen therapeutischen Mittel und sozialen Hilfen einer solchen Anstalt zu seiner Resozialisierung angezeigt sind.“ Mit dem „Gesetz zur Bekämpfung von Sexualdelikten und anderen gefährlichen Straftaten“ vom 28. Januar 1998 (BGBl. I S. 160) haben sich die Aufgabenstellungen der Sozialtherapeutischen Anstalten und Abteilungen deutlich verändert. Die bisherige Regelung wurde durch eine verpflichtende Vollzugslösung (§ 9 Abs. 1 StVollzG) ergänzt, die für Sexualstraftäter mit Verurteilungen zu mehr als zwei Jahren Freiheitsstrafe einen Rechtsanspruch auf Verlegung in eine Sozialtherapeutische Einrichtung bei Angezeigtheit der Behandlung vorsieht. Nachdem die Gesetzgebungskompetenz für den Strafvollzug im Rahmen der Föderalismusreform vom Bund auf die Länder übertragen worden ist, finden sich auch in den jeweiligen Landesgesetzen ähnliche Bestimmungen über Sozialtherapeutische Einrichtungen im Erwachsenen- sowie im Jugendstrafvollzug.

Sozialtherapeutische Einrichtungen in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Haftplätze in Sozialtherapeutischen Einrichtungen des Strafvollzuges werden entweder in eigenen Sozialtherapeutischen Anstalten oder in speziellen Abteilungen des Regelvollzuges angeboten. Während früher die Anzahl der Anstalten überwog, gibt es im März 2011 in Deutschland 8 selbständige und 53 unselbständige Sozialtherapeutische Einrichtungen, die insgesamt mehr als 2.200 Haftplätze zur Verfügung halten. Rund 54 % der Plätze wurden 2011 von Sexualstraftätern belegt, gefolgt von den Verurteilten wegen Tötungsdelikten mit rund 19 %.

Haftplatzentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit der gesetzlichen Einführung einer verpflichtenden sozialtherapeutischen Behandlung von Sexualstraftätern im Jahre 1998 stieg die Zahl der verfügbaren Haftplätze in der Sozialtherapie von ursprünglich zirka 900 Plätzen in 20 Einrichtungen im Jahre 1997 auf 2.262 Plätze in 61 Einrichtungen im Jahr 2011.

In den letzten Jahren ist es nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 31. Mai 2006 (2 BvR 1673/04) vor allem im Bereich des Jugendstrafvollzuges zu einem Ausbau der Sozialtherapie gekommen. 2011 gab es hier 426 Plätze in 18 Einrichtungen, was einem Anteil von 18,8 % an den Gesamtplätzen entspricht. Gravierender sind nach wie vor die Defizite im Frauenvollzug. Hier standen 2011 lediglich 56 Plätze an 4 Orten zur Verfügung.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Größe, Gestaltung und Programm dieser Einrichtungen sind sehr heterogen, dennoch hat sich in der Vergangenheit eine gewisse Standardisierung durch die Akzeptanz sogenannter Mindestanforderungen ergeben, die vom Arbeitskreis Sozialtherapeutische Anstalten im Justizvollzug e. V. entwickelt wurden. Jährliche Umfragen der Kriminologischen Zentralstelle zeigen, dass diese Standards bezüglich Organisation und Struktur sowie Dokumentation und Evaluation bereits von über 50 % der Einrichtungen erfüllt werden. Ein Defizit zeigt sich jedoch bei den personellen Mindestanforderungen, die gegenwärtig nur etwa 33 % erfüllen.

Wirksamkeitsforschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Beurteilung der Wirksamkeit sozialtherapeutischer Straftäterbehandlung liegen seit den 1970er Jahren zahlreiche Untersuchungen vor. Meta-Evaluationstudien ergaben einen moderaten Haupteffekt der Sozialtherapie in Höhe von 8 bis 14 % (z.B. weniger Rückfall im Vergleich zum Regelvollzug). Für Straftäter mit hoher Rückfallgefahr gilt die Sozialtherapie im Justizvollzug nach Ansicht von Experten als wesentliches Instrument zur Senkung von Rückfälligkeit. Der Erfolg einer sozialtherapeutischen Behandlung hängt in vielen Fällen jedoch nicht zuletzt von der Nachsorge entlassener Gefangener ab. Hier war in den letzten Jahren ein Anstieg zu verzeichnen (2009: 192 Personen; 2010: 216 Personen; 2011: 270 Personen).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Egg, R. u.a.: Evaluation von Straftäterbehandlungsprogrammen in Deutschland. Überblick und Meta-Analyse. In: G. Rehn u.a. (Hrsg.): Behandlung „gefährlicher Straftäter“. Grundlagen, Konzepte, Ergebnisse. Centaurus, Herbolzheim 2001, S. 321–347.
  • Egg, R.: Sozialtherapeutische Anstalten und Abteilungen im Justizvollzug. Mindestanforderungen an Organisation und Ausstattung. Indikationen zur Verlegung.In: Forum Strafvollzug. 56, 3, 2007, S. 100–103.
  • Lösel, F.: Meta-analytische Beiträge zur wiederbelebten Diskussion des Behandlungsgedankens. In: M. Steller u.a. (Hrsg.): Straftäterbehandlung. Centaurus, Pfaffenweiler 1994, S. 13–34.
  • Niemz, S.: Sozialtherapie im Strafvollzug 2011. Ergebnisübersicht zur Stichtagserhebung zum 31.3.2011. Kriminologische Zentralstelle, Wiesbaden 2011.
  • Niemz, S.: Evaluation sozialtherapeutischer Behandlung im Justizvollzug. Kriminologische Zentralstelle, Wiesbaden 2015. (= Kriminologie und Praxis, Bd. 68) ISBN 978-3-945037-07-2.
  • Wischka, Pecher, van den Boogaart: Behandlung von Straftätern: Sozialtherapie, Maßregelvollzug, Sicherungsverwahrung.
  • JVA Ludwigshafen – Sozialtherapeutische Anstalt: Konzeption, Ludwigshafen 2005, S. 1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]