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Spannungskurve

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Unter einer Spannungskurve bzw. einem Spannungsbogen wird in der Literatur, insbesondere bei dramatischen Texten, die Stärke und Wirksamkeit von Verwicklungen, Konflikten und anderen Ereignissen bezeichnet.

Im einleitenden Teil eines Werkes steigt die Spannungskurve nur langsam an, denn hier werden die Verhältnisse unter den Figuren erklärt, um einen Ausgangspunkt für den Hauptteil zu bilden. Ab jetzt nimmt sie schnell zu und erreicht einen Höhepunkt, in dem alles verloren scheint. Entweder fällt sie nun rasch ab, um im Schlussteil eine mehr oder weniger negative Endung zu finden oder sie bäumt sich nochmal zu einem kleinen Höhepunkt, dem retardierenden Moment, auf. Die Moral oder andere Schlussgedanken bilden einen kurzen horizontalen Abschluss der Kurve.

Eigenschaften von Spannungsbögen

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Spannungsbögen können nach ihrer Reichweite unterschieden werden. Kürzeren Spannungsbögen, die sich nur über einen Textausschnitt erstrecken, stehen lange Spannungsbögen gegenüber, die den gesamten Text umfassen. Die Spannungsforschung drückt diesen Unterschied in Begriffspaaren wie Detail- vs. Finalspannung[1], kurzbogige vs. weitbogige Spannung[2] oder Mikro- vs. Makrospannung[3] aus. In seriellen Texten, z. B. Fortsetzungsgeschichten oder Fernsehserien, besteht die zusätzliche Möglichkeit, dass Spannungsbögen über den Einzeltext hinausreichen. Wenn ein Spannungsbogen am Ende einer Folge gezielt unterbrochen wird, um das Publikum auf seine Auflösung in der Fortsetzung gespannt zu machen, spricht man von einem Cliffhanger.[4]

Spannungsbögen können in unterschiedliche schematische Phasen unterteilt werden. Da ein solches schematisches Verlaufsmodell einen Handlungsverlauf voraussetzt, betrifft das in erster Linie die „handlungsorientierten“,[5] also zielgerichtet über längere Handlungssequenzen aufgebauten Spannungsformen Suspense (Gefahrenspannung) und Mystery (Rätselspannung). In einem Modell des Anglisten Peter Wenzel teilen sich Suspense und Mystery eine abstrakte Grundstruktur, die sich aus den Phasen einer „spannungsauslösenden Ausgangssituation“, der „Spannungsintensivierung“, einem „Wechselspiel der Emotionen“, einer „Spannungsverzögerung“ und der „Spannungsauflösung“ zusammensetzt.[6] Die einzelnen Phasen sind dabei als Idealtypen zu verstehen, die in konkreten Texten auch kombiniert oder teilweise umgestellt werden können:

Tabellarische Darstellung des Suspense- und des Mystery-Schemas nach Wenzel[7]
Phase Suspense Mystery
Spannungsauslösende Ausgangssituation Vordisponierungsphase:

Phase von der Andeutung einer Gefahrensituation (Foreshadowing) bis zum auslösenden Ereignis, mit dem die Gefahrensituation beginnt

Wahrnehmungsphase:

Etablierung und Beschreibung des Rätsels, meist durch eine Betrachterfigur

Spannungsintensivierung Erweckung von Anteilnahme:

Emotionale Einbindung des Lesers durch Identifikation mit der bedrohten Figur

Reflexphase:

Reflexhafte Reaktion der Betrachterfigur auf das Rätsel, die beim Publikum Interesse weckt

Wechselspiel der Emotionen Wechselspiel von Aussichtslosigkeit und Hoffnung: Zentrale Phase des Wechsels von Aussichtslosigkeit (Niederlage) und Hoffnung (Sieg) für die bedrohte Figur Analytische Phase:

Äußerung von Hypothesen zur Aufklärung des Rätsels

Spannungsverzögerung Retardierung:

Aufschub der Entscheidung oder umgekehrt Ankündigung einer baldigen Entscheidung

Widerstandsphase:

Wechselspiel zwischen Hindernissen, die die Lösung des Rätsels blockieren, und der Aussicht auf Aufklärung

Spannungsauflösung Entscheidung:

Ende der Gefahrensituation

Klärungsphase:

Auflösung des Rätsels

Der Linguist Philip Hausenblas verwendet zur Beschreibung von Suspense, Mystery und Puzzle im Unterschied zu Wenzel ein dreigliedriges Modell: Der Spannungsbogen beginnt mit dem auslösenden Ereignis, das beim Publikum ein Spannungsempfinden hervorruft. Anschließend folgt eine retardierende Phase, in der die Auflösung des Spannungsbogens durch verschiedene Techniken, z. B. Beschreibungen, Erzählerkommentare oder Wechsel der Handlungsstränge, aufgeschoben wird. Die Auflösung bildet schließlich den Abschluss des Spannungsbogens.[8]

Spannungstexte sind in der Regel darum bemüht, möglichst viele Spannungsbögen miteinander zu kombinieren.[9] In Textanalysen zeigt sich z. B., dass die den gesamten Text umfassende Makrospannung mehrere kürzere Spannungsbögen enthält[10][11] oder dass Bögen vom Typ Mystery und Suspense miteinander verbunden werden.[9] Man kann in diesen Fällen zwischen drei Arten der Kombination unterscheiden: Eingelagerte Spannung, überkreuzende Spannung und aneinandergereihte Spannung.[12] Spannungsbögen sind außerdem rekursiv. Das bedeutet, dass die einzelnen Phasen eines Spannungsbogens selbst wieder als Spannungsbögen gestaltet sein können.[13]

In William Shakespeares Drama Romeo und Julia steigt die Spannung langsam an, indem die Probleme und Haltungen der Familien Montague und Capulet geschildert werden. Als sich Romeo und Julia verlieben, steigt die Kurve schneller. Der Höhepunkt wird erreicht, als Julia mit einem anderen Mann verheiratet werden soll und die beiden in einen verzweifelten, ausweglosen Zustand geraten. Das retardierende Moment entsteht durch den Plan, dass Julia einen Schlaftrunk einnehmen soll, und Romeo inzwischen zu ihr eilt. Als diese Idee scheitert und die Hauptfiguren nacheinander ums Leben kommen, baut sich die Spannung rasch ab. Es kommt zu einem tragischen Schluss.

  • Philip Hausenblas: Spannung und Textverstehen. Die kognitionslinguistische Perspektive auf ein textsemantisches Phänomen. Narr Francke Attempto, Tübingen 2017, ISBN 978-3-8233-9155-5.
  • Ingo Irsigler, Christoph Jürgensen, Daniela Langer (Hrsg.): Zwischen Text und Leser. Studien zu Begriff, Geschichte und Funktion literarischer Spannung. text+kritik, München 2008, ISBN 978-3-88377-915-7.
  • Gerrit Koehler: Drehbuch schreiben. Frankfurter Taschenbuchverlag, Frankfurt/M. 2007, ISBN 978-3-937909-71-4.
  • Peter Wenzel: Spannung in der Literatur: Grundformen, Ebenen, Phasen. In: Raimund Borgmeier, Peter Wenzel (Hrsg.): Spannung: Studien zur englischsprachigen Literatur. Für Ulrich Suerbaum zum 75. Geburtstag. WVT, Trier 2001, ISBN 3-88476-500-0.

Einzelnachweise

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  1. Manfred Pfister: Das Drama. Theorie und Analyse. 11. Auflage. Wilhelm Fink, Paderborn 2001, ISBN 978-3-8252-0580-5, S. 147.
  2. Volker Mertens: Spannungsstruktur. Ein erzählanalytisches Experiment am 'Walewein'. In: ZfdA. Band 127, Nr. 2, 1998, S. 150 f., JSTOR:20658970.
  3. Philip Hausenblas: Spannung und Textverstehen. Die kognitionslinguistische Perspektive auf ein textsemantisches Phänomen. Narr Francke Attempto, Tübingen 2017, ISBN 978-3-8233-9155-5, S. 114.
  4. Vincent Fröhlich: Der Cliffhanger und die serielle Narration. Analyse einer transmedialen Erzähltechnik. transcript, Bielefeld 2015, ISBN 978-3-8394-2976-1, S. 127.
  5. Daniela Langer: Literarische Spannung/en. Spannungsformen in erzählenden Texten und Möglichkeiten ihrer Analyse. In: Ingo Irsigler, Christoph Jürgensen, Daniela Langer (Hrsg.): Zwischen Text und Leser. Studien zu Begriff, Geschichte und Funktion literarischer Spannung. text+kritik, München 2008, ISBN 978-3-88377-915-7, S. 18.
  6. Peter Wenzel: Spannung in der Literatur: Grundformen, Ebenen, Phasen. In: Raimund Borgmeier, Peter Wenzel (Hrsg.): Spannung: Studien zur englischsprachigen Literatur. Für Ulrich Suerbaum zum 75. Geburtstag. WVT, Trier 2001, ISBN 3-88476-500-0, S. 28.
  7. Peter Wenzel: Spannung in der Literatur: Grundformen, Ebenen, Phasen. In: Raimund Borgmeier, Peter Wenzel (Hrsg.): Spannung: Studien zur englischsprachigen Literatur. Für Ulrich Suerbaum zum 75. Geburtstag. WVT, Trier 2001, ISBN 3-88476-500-0, S. 2832.
  8. Philip Hausenblas: Spannung und Textverstehen. Die kognitionslinguistische Perspektive auf ein textsemantisches Phänomen. Narr Francke Attempto, Tübingen 2017, ISBN 978-3-8233-9155-5, S. 111114.
  9. 1 2 Peter Wenzel: Spannung in der Literatur: Grundformen, Ebenen, Phasen. In: Raimund Borgmeier, Peter Wenzel (Hrsg.): Spannung: Studien zur englischsprachigen Literatur. Für Ulrich Suerbaum zum 75. Geburtstag. WVT, Trier 2001, ISBN 3-88476-500-0, S. 32 f.
  10. Volker Mertens: Spannungsstruktur. Ein erzählanalytisches Experiment am 'Walewein'. In: ZfdA. Band 127, Nr. 2, 1998, JSTOR:20658970.
  11. Mareen van Marwyck: Spannung als literarische Wirkungskategorie. In: Der Deutschunterricht. Nr. 3, 2024, S. 14.
  12. Philip Hausenblas: Spannung und Textverstehen. Die kognitionslinguistische Perspektive auf ein textsemantisches Phänomen. Narr Francke Attempto, Tübingen 2017, ISBN 978-3-8233-9155-5, S. 114 f.
  13. Philip Hausenblas: Spannung und Textverstehen. Die kognitionslinguistische Perspektive auf ein textsemantisches Phänomen. Narr Francke Attempto, Tübingen 2017, ISBN 978-3-8233-9155-5, S. 112.