Systematizität

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Systematizität bezeichnet im Strukturalismus einen generellen Aspekt des Theorems der Arbitrarität von Ferdinand de Saussure. Systematizität bedeutet, dass die relative Bedeutung eines Einzelelements (Morphem, Wort usw.) einer Sprache sich nicht aus diesem selbst heraus ergibt, sondern aus der Totalität der Relationen der Elemente der Sprache.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff der Systematizität verweise auf die Vorherrschaft der Struktur über die Elemente und bedinge eine „Dezentrierung des Subjekts“, wie Poststrukturalisten und Diskurstheoretiker wie Louis Althusser und Michel Foucault kritisch anmerken. Althusser weist die deduktive Systematizität zurück, die er im Marxismus (wie in anderen Ideologien) erkennt und die dieser mit dem deutschen Idealismus teile.[1] Dadurch könne das Individuum nicht als Zentrum seiner Aktivität begriffen werden, sondern erscheine determiniert durch Systeme wie Ökonomie, Sprache, Politik.

Systematizität als Begriff der Wissenschaftstheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paul Hoyningen-Huene benutzt den Begriff der Systematizität, um ein gemeinsames Merkmal aller Wissenschaften, also der Natur-, Sozial-, Geistes- und Formalwissenschaften zu benennen, das sie vom weitgehend unstrukturierten Alltagswissen abgrenzt und zugleich eine Reihe anderer (Teil-)Dimensionen umschließt, welche eine gewisse „Familienähnlichkeit“ aufweisen. Diese Dimensionen sind Beschreibung, Erklärung, Voraussage, Verteidigung von Wissensansprüchen, kritischer Diskurs, epistemische Vernetzung (also die erklärenden, definierenden, kommentierenden usw. Relationen zwischen verschiedenen aufeinander verweisenden Wissensebenen, Begriffen oder Texten), das Ideal von Vollständigkeit, die Genese von neuem Wissen und die Repräsentation von Wissen. Wissenschaft beschreibt, erklärt, prognostiziert, kritisiert usw. also systematischer als Alltagswissen. Allerdings muss nicht jede wissenschaftliche Disziplin, um als solche zu gelten, zwingend alle neun Dimensionen umfassen.

Mit diesem Ansatz grenzt sich Hoyningen-Huene ab von einem traditionellen Wissenschaftsverständnis, das Wissenschaft durch ihre Methodik definiert, aber heute nur noch das Auseinanderfallen der Einzelwissenschaften mit ihren je unterschiedlichen Methodiken konstatieren kann. Demgegenüber postuliert er, dass der Kern der heutigen Wissenschaften darin bestehe, vorhandenes Wissen systematisch zu nutzen, um neues Wissen zu generieren. Wissenschaftliche Arbeit werde wesentlich stärker durch systematische Aufarbeitung existierender wissenschaftlicher Arbeiten angestoßen als durch abstrakte methodische Regeln.[2]

Martin Carrier kritisiert den Versuch Hoyningen-Huenes zur Rettung der Idee einer nicht-fundamentalistischen Einheitswissenschaft, der vorher auch schon durch den Wiener Kreis mit sprachanalytischen Mitteln und durch Rudolf Carnap mit dem Konzept des Physikalismus unternommen worden war: Das Modell der Systematizität sei wegen der Überlappung mehrerer der Dimensionen und ihrer kausalen Abhängigkeit voneinander zu kritisieren. So hänge die Fähigkeit einer Theorie zur Vorhersage offenkundig von ihrer Erklärungsfähigkeit ab. Hochgradig systematisch konzipiert seien auch beispielsweise die mittelalterliche Theologie oder die Astrologie, die jedoch allgemein nicht als Wissenschaften angesehen werden. Carrier postuliert daher, dass die empirische Überprüfung und die kritische Diskussion weiterhin die Hauptmerkmale der Prüfung und Bestätigung von Wissensansprüchen darstellen.

Hoyningen-Huene repliziert darauf, dass die Dimension der Verteidigung von Wissensansprüchen auch in der Systematizitätstheorie unabdingbar sei und dieses Faktum von Carrier unterschätzt werde.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hoyningen-Huene, Paul: Systematicity: The Nature of Science. Oxford University Press 2013.
  • Carrier, Martin: Systematizität: Eine systematische Charakterisierung der Wissenschaft? Kommentar zu Paul Hoyningen-Huenes ‚Systematicity‘. In: Zeitschrift für philosophische Forschung. Heft 2 (69) 2015, S. 230–234.
  • Hoyningen-Huene, Paul: Repliken. In: Zeitschrift für philosophische Forschung. Heft 2 (69) 2015, S. 243–246.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kritisch dazu: Derriennic, Jean-Pierre: Lire Althusser. In: Revue française de science politique, Heft 2(18)1968, S. 376–384, hier: S. 381. online
  2. Paul Hoyningen-Huene: Die Systematizität von Wissenschaft. In: H. Franz u. a. (Hrsg.): Wissensgesellschaft. Tagung vom 13.–14. Juli 2000 an der Universität Bielefeld. IWT-Paper 25, Bielefeld 2001.