Vereinfachtes Ertragswertverfahren

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Das vereinfachte Ertragswertverfahren ist das nach § 199 des Bewertungsgesetzes für steuerliche Zwecke vorgesehen Verfahren zur Bewertung von Einzelunternehmen, Personengesellschaften, nicht notierten Anteilen von Kapitalgesellschaften und Betriebsvermögen der freien Berufe und ist ein wesentlicher Teil der Bewertung von Betriebsvermögen für Zwecke der Erbschaftsteuer.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Gesetzgeber musste zum 1. Januar 2009 sowohl das Bewertungsgesetz als auch das Erbschaftsteuer- und Schenkungssteuergesetz ändern[1]. Nach der bis dahin geltenden Rechtslage wurden Beteiligungen an Personengesellschaften mit den Steuerbilanzwerten und Anteile an Kapitalgesellschaften (soweit nicht an der Börse notiert) mit dem sogenannten Stuttgarter Verfahren bewertet.

Dieses Bewertungsverfahren führte jedoch zu einer Ungleichbehandlung bei der Bewertung von Vermögen und wurde deshalb vom Bundesverfassungsgericht mit Urteil vom 7. November 2006 gerügt. Das Gericht forderte eine Bewertung zu Verkehrswerten (steuerlich gemeinen Werten). Dem ist der Gesetzgeber mit Wirkung von 2009 nachgekommen.

Das vereinfachte Ertragswertverfahren kapitalisiert den durchschnittlichen vergangenheitsbezogenen Jahresertrag mit einem typisierten Kapitalisierungsfaktor. Es ist nicht zu verwechseln mit dem vereinfachten Ertragswertverfahren nach §§ 17 ff. ImmoWertV.

Methode[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Methodisch entspricht das Verfahren den Grundsätzen der Unternehmensbewertung, wenn auch mit Vergangenheitszahlen. In einem ersten Schritt werden die Betriebsergebnisse pro Jahr bereinigt, danach wird ein durchschnittlicher Jahresertrag ermittelt.

Ausgangswerte sind die Gewinne gemäß § 4 Abs. 1 und 3 EStG.

Diese Jahreserträge werden um Hinzurechnungen ergänzt (§ 202 Abs. 1 Nr. 1 BewG):

  • Investitionsabzugsbeträge,
  • Sonderabschreibungen,
  • Abschreibungen auf den Firmenwert,
  • einmalige Veräußerungsverluste,
  • außerordentliche Aufwendungen,
  • Ertragsteueraufwand und
  • Anderes.

Danach werden Abrechnungen gemäß § 202 Abs. 1 Nr. 2 BewG vorgenommen: Zum Beispiel einmalige Veräußerungsgewinne, außerordentliche Erträge, Erträge aus der Erstattung von Ertragsteuern, verschiedene andere Beträge und ein angemessener Unternehmerlohn.

Der Unternehmerlohn ist der einzige Wert, der sich nicht aus der Rechnungslegung ergibt, sondern individuell ermittelt werden muss. Halaczinsky bezeichnet den Unternehmerlohn als Hauptproblem, weil die Finanzverwaltung in ihren ErbSt-Richtlinien[2] den Unternehmen keine wesentlichen Hinweise zur richtigen Ermittlung eines angemessenen kalkulatorischen Unternehmerlohnes gibt.

Von den bereinigten Betriebsergebnissen der Geschäftsjahre wird dann ein typisierter pauschaler Ertragsteueraufwand von jeweils 30 % abgezogen, anschließend die so ermittelten Betriebsergebnisse der letzten 3 Jahre gemittelt. Der so bestimmte Betrag wird nun kapitalisiert.

Zinssatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entwicklung des Basiszinssatzes
Januar 2016[3] 1,10 %
Januar 2015[4] 0,99 %
Januar 2014[5] 2,59 %
Januar 2013[6] 2,04 %
Januar 2012 2,44 %
Januar 2011 3,43 %
Januar 2010 3,98 %
Januar 2009 3,61 %
Januar 2008 4,58 %
Januar 2007 4,02 %

Der Kapitalisierungsfaktor wird gemäß § 203 BewG für Bewertungsstichtage nach dem 31. Dezember 2015 auf 13,75 festgelegt. Das entspricht einem Zinssatz in Höhe von ca. 7,27 %. Die Neuregelung ist am 9. November 2016 rückwirkend in Kraft getreten und führt zu niedrigeren Bewertungen. Der niedrigere Unternehmenswert kann jedoch im Einzelfall nachteilig wegen einer damit einhergehenden schlechteren Verwaltungsvermögensquote und dem Wegfall von Verschonungsabschlägen sein. Nach Literaturmeinung handelt es sich in diesen Fällen zumindest bis zum 30. Juni 2016 (Frist zu Neuregelung durch das Verfassungsgericht) um eine unzulässige Rückwirkung.

Basiszinssatz für die Kapitalisierung war bis zum 31. Dezember 2015 ein einmal jährlich jeweils zum ersten Börsentag des Jahres durch die Bundesbank festgesetzter Zinssatz, der vom Bundesfinanzministerium im Bundessteuerblatt veröffentlicht wurde.

Dem Basiszinssatz wurde ein pauschalierter Zuschlag von 4,5 Prozentpunkten hinzugerechnet, sodass sich beispielsweise für 2013 bei einem Basiszins von 2,04 % ein Kapitalisierungszinssatz von 6,54 % ergibt, der als reziproker Wert zu einem Kapitalisierungsfaktor von 15,29 führt.[7]

Durchschnittsertrag nach § 202 BewG: 7.500,-- €
Basiszinssatz nach § 203 Abs. 2 BewG: 2,04 %
=> Kapitalisierungszinssatz = 2,04 % + 4,5 % 6,54 %
=> Kapitalisierungsfaktor = 1/6,54 % 15,2905
=> vereinfachter Ertragswert = 7.500 € × 15,2905 114.678,90 €

Anpassungen und Wertuntergrenze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anpassungen zum oben ermittelten vereinfachten Ertragswert können sich ergeben bei „jungem Vermögen“, nicht betriebsnotwendigem Vermögen, Unterbeteiligungen, Sonderbetriebsvermögen oder der Ermittlung von Verwaltungsvermögen.

Für steuerliche Zwecke muss immer auch der steuerliche Substanzwert ermittelt werden (§ 95 bis 97 BewG i. V. m. § 11 Abs. 2 BewG). Dieser Substanzwert ist eine Wertuntergrenze.

Führt das vereinfachte Ertragswertverfahren zu einem unangemessen hohen Wert, so kann der Steuerpflichtige versuchen, durch ein individuelles auf dem Ertragswertverfahren unter Berücksichtigung erwarteter zukünftiger Erträge basierendes Bewertungsgutachten (i. d. R. nach dem Wirtschaftsprüferstandard IdW S1) einen niedrigeren Wert zu erklären.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vereinzelt werden in der Literatur wieder verfassungsrechtliche Bedenken gegen die neuen Regelungen geäußert. Betriebswirtschaftlich ist eine Unternehmensbewertung aufbauend auf Vergangenheitswerten wenig sinnvoll, diskontiert werden richtigerweise Zukunftserträge. Die Diskontierung mit einem typisierten festen Zuschlag von 4,5 % berücksichtigt nicht immer alle Risiken der Zukunftsbetrachtungen. Die insbesondere für die freien Berufe festgestellten tendenziellen Überbewertungen erfordern zusätzlichen Aufwand für individuelle Gutachten.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Creutzmann, Unternehmensbewertung im Steuerrecht - Neuregelung des Bewertungsrechts ab 1. Januar 2009, DB 2008, S. 2784 ff. m.w.H.
  • Daragan/Halaczinsky/Riedel (Hrsg.), Praxiskommentar ErbStG und BewG, 2010
  • Halaczinsky, Die Erbschaftsteuer- und Schenkungssteuererklärung, 2. Auflage, Bonn 2010
  • Knief, Der kalkulatorische Unternehmerlohn für Einzelunternehmer und Personengesellschafter, Eine betriebswirtschaftliche Herausforderung durch den BGH und die Reform des BewG und des ErbStG, DB 2010, S. 289 ff.
  • Knief/Weipert, Erste praktische Erfahrungen mit dem vereinfachten Ertragswertverfahren gem. §§ 199 ff. BewG, in StBg 2010, S. 1 ff.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Erbschaftsteuerreformgesetz - ErbStRG
  2. vgl. Ländererlasse vom 25. Juni 2009, BStBl.I, S. 698
  3. BMF-Schreiben vom 4. Januar 2016. Abgerufen am 12. Februar 2017.
  4. [1]
  5. [2]
  6. [3]
  7. § 203
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