Wald von Rumbula

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Im Wald von Rumbula (auch Rumbuli, deutsch Rummel), einem Kiefernwäldchen im gleichnamigen Stadtteil von Riga, ermordeten Angehörige der SS Ende 1941 an nur zwei Tagen über 26.000 lettische sowie 1053 Berliner Juden.

Historischer Rahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Adolf Hitler hatte am 17. September 1941 entschieden, die deutschen Juden in den Osten zu deportieren.[1] Das zunächst als Zielort vorgesehene Ghetto Minsk konnte schon bald keine Verschleppten mehr aufnehmen. Darum wurden weitere Züge nach Riga umgeleitet.

Aber auch das kurz zuvor eingerichtete Ghetto von Riga war überfüllt und konnte die Deportierten aus Deutschland nicht aufnehmen. Heinrich Himmler beauftragte darum den Höheren SS- und Polizeiführer (HSSPF) und Führer des SS-Oberabschnitts Ostland, Friedrich Jeckeln, im Rigaer Ghetto „Platz zu schaffen“ und die dortigen jüdischen Insassen zu töten.[2]

Massenerschießung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Den Opfern des Faschismus gewidmetes Mahnmal, 1964 in der Sowjetunion von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Riga errichtet. Inschriften in lettisch, russisch und jiddisch.

Am 30. November 1941 wurden etwa 15.000 einheimische Juden des Ghettos in ausgehobenen Gruben in den nahen Wäldern von Rumbula unter Mitwirkung von 500 lettischen Hilfspolizisten und 300 deutschen Polizeikräften und SS-Männern erschossen. Am gleichen Tag erreichte morgens ein Transportzug aus Deutschland mit 1.053 Berliner Juden die Bahnstation Šķirotava bei Riga. Diese Personen waren die ersten Opfer, die im Wald von Rumbula ermordet wurden; für sein in diesem Fall eigenmächtiges Handeln wurde Jeckeln von Himmler gerügt.[3] Am 8./9. Dezember wurden noch einmal 12.500 Menschen aus dem Ghetto an ausgehobenen Gruben in den nahen Wäldern von Rumbula erschossen.[4] Unter den Opfern der Massenmorde vom November und Dezember waren 15.650 Juden, die als arbeitsfähig eingestuft waren.

Bei dieser Aktion war der Reichskommissar für das Ostland, Hinrich Lohse, anwesend; er war von Jeckeln dazu eingeladen worden.[5]

Tatschilderungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bekannt sind nur wenige Überlebende des Massakers; eine von ihnen, Frida Michelson, ließ sich in einem Moment, da das Wachpersonal unaufmerksam war, zu Boden fallen und stellte sich tot.[6] Zudem überlebten Ella Madalje, das Ehepaar Lutrins und die damals knapp zweiundzwanzigjährige Beila Hamburg.[7] Zwei weitere Berichte – einer von einem Täter – finden sich in der Quellenedition Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945.[8]

Russische Kriegsgefangene wurden gezwungen, mehrere 3 bis 4 Meter tiefe Gruben auszuheben. Männer und Frauen wurden in getrennten Kolonnen aufgestellt. Sie mussten sich bei den herrschenden eisigen Temperaturen entkleiden; Frauen durften die Unterwäsche anbehalten. Wertgegenstände sollten in einen Koffer geworfen werden. Dann wurde der Befehl erteilt, dass sich die Opfer in die Gruben zu legen hätten. Fünf oder sechs Schützen, die regelmäßig nach eineinhalb Stunden abgelöst wurden, schossen ihnen mit Maschinenpistolen ins Genick. Die nächste Gruppe musste sich auf die noch warmen Leichen legen und wurde auf dieselbe Art und Weise ermordet.[9]

Enterdungsaktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während des Holocaust wurden 90 Prozent der lettischen Juden ermordet. Als sich der Kriegsverlauf gegen die Deutschen wendete, sollten die Spuren der Massenverbrechen durch das „Sonderkommando 1005“ beseitigt werden.[10] Zweieinhalb Jahre nach den Massenmorden nahm ein Sonderkommando unter SS-Hauptsturmführer Walter Helfsgott seine Arbeit auch an diesem inzwischen von Pflanzen bewachsenen Tatort auf. Von Ende April bis Anfang Juni 1944 mussten rund 30 jüdische Gefangene die Massengräber öffnen; teils wurde auch ein Greifbagger herangezogen. Die Toten wurden mit Metallhaken aus den Gruben gezogen und auf Scheiterhaufen mit Lagen von Brennholz geschichtet, die vor dem Entzünden mit Dieselöl oder Benzin übergossen wurden. Später mussten die Zwangsarbeiter Wertgegenstände aus der Asche sieben, unverbrannte Knochen mit einer Knochenmühle zerkleinern und die Asche verstreuen. Sowohl tagsüber als auch während der Nacht waren die Arbeiter mit Fußketten gefesselt. In der Regel wurden diese Zwangsarbeiter anschließend umgebracht.[11]

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste Bemühungen um ein Gedenken gehen auf die 1960er Jahre zurück. Trotz einiger Widerstände seitens der Sowjetmacht brachten Juden 1963 eine Tafel an einem Baum im Wald von Rumbula an, die eine jiddische Inschrift trug. Zudem wurde ein großformatiges Poster des Künstlers Joseph Kuzkovsky in Sichtnähe der Eisenbahnlinie Moskau-Riga angebracht; es zeigte einen Mann, der sich anschickt, einem Grab zu entsteigen. Die beiden Tafeln verschwanden nach kurzer Zeit. Bald darauf, im Jahre 1964, erhielten jüdische Initiatoren die Genehmigung, einen Gedenkstein mit der Inschrift „Für die Opfer des Faschismus“ zu setzen. Diese Inschrift war zwar dreisprachig gefasst – russisch, lettisch, jiddisch – verschwieg aber, dass es sich bei den Opfern um rassisch verfolgte Juden handelt.

Im November 2002 wurde mit finanzieller Unterstützung aus den USA, aus Israel, aus Lettland und Deutschland eine Holocaustgedenkstätte fertiggestellt. Am Eingang steht eine Metallkonstruktion, die die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten symbolisiert, und es gibt mehrsprachige Erklärungen der Ereignisse. Im zentralen Platz, der nach einem Davidstern geformt ist, erhebt sich eine Menora über einer großen Ansammlung von Steinen, die teils die Namen von Opfern, teils die Straßennamen des Ghettos tragen. Zudem sind etliche der bekannten Massengräber mit Betonsteinen eingefasst und dadurch im Wald kenntlich gemacht.[12]

Holocaustgedenkstätte Rumbula

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dokumentarfilm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Rumbula – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dokument VEJ 3/223 in: Andrea Löw (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung), Band 3: Deutsches Reich und Protektorat Böhmen und Mähren, September 1939–September 1941, München 2012, ISBN 978-3-486-58524-7, S. 542: Himmler informiert am 18. September 1941, der Führer wünsche die Deportation der Juden aus dem „Altreich“ und dem Protektorat Böhmen und Mähren.
  2. Bert Hoppe, Hiltrud Glass (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Band 7: Sowjetunion mit annektierten Gebieten I – Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien. München 2011, ISBN 978-3-486-58911-5, S. 57.
  3. Alfred Gottwald, Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941–1945. Wiesbaden 2005, ISBN 3-86539-059-5, S. 111 / Zu den näheren Umständen siehe Christoph Dieckmann: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944. Göttingen 2011, Bd. 2, S. 960–967.
  4. Angrick, Klein: "Endlösung", S. 142–159 / Wolfgang Curilla: Schutzpolizei und Judenmord... in: Alfred Gottwaldt u. a. (Hrsg.): NS-Gewaltherrschaft. Berlin 2005, ISBN 3-89468-278-7, S. 253–259.
  5. Bert Hoppe, Hiltrud Glass (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung) Band 7: Sowjetunion mit annektierten Gebieten I – Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien. München 2011, ISBN 978-3-486-58911-5, S. 56 sowie Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. Durchgeseh. Sonderausgabe in einem Band, München 2007, ISBN 978-3-406-56681-3, S. 643.
  6. Frida Michelson: Ich überlebte Rumbula (Übersetzung der lettischen Übersetzung von Ilze Eris der zweiten, erweiterten Fassung der russischen Übersetzung und literarischen Bearbeitung der verschollenen jiddischen Originalaufzeichnungen von David Silberman unter Berücksichtigung der englischen Bearbeitung von Wolf Goodman von Matthias Knoll, unveröffentlichtes Typoskript)
  7. Jens Hoffmann: Die Aktion 1005 in Riga
  8. Dokumente VEJ 7/256 und VEJ 7/283 In:Bert Hoppe, Hiltrud Glass (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung), Band 7: Sowjetunion mit annektierten Gebieten I – Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien. München 2011, ISBN 978-3-486-58911-5
  9. Schilderung folgt Dokument VEJ 7/256, hier S. 671.
  10. Andrej Angrick: „Aktion 1005“ – Spurenbeseitigung von NS-Massenverbrechen 1942–1945. Göttingen 2018, ISBN 978-3-8353-3268-3, Bd. 2, S. 719f.
  11. Jens Hoffmann: Die Aktion 1005 in Riga
  12. Holocaust Memorial Places in Lativia

Koordinaten: 56° 53′ 4″ N, 24° 14′ 39″ O