Wilhelm Abel

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Wilhelm Abel (* 25. August 1904 in Bütow; † 27. April 1985 in Göttingen) war ein deutscher Wirtschaftshistoriker.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abel war ein Schüler des Kieler Agrarökonomen August Skalweit (1879–1960), von dem er 1929 zum Dr. rer pol. promoviert wurde. Er habilitierte sich 1935 für Volkswirtschaftslehre an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und wurde 1942 auf eine Professur in Königsberg berufen. 1947 übernahm er einen Lehrstuhl für Agrarpolitik an der Georg-August-Universität Göttingen. 1964 wurde er erster Direktor des neu gegründeten Göttinger Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. 1966 wurde er zum ordentlichen Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften gewählt.[1] Er beschäftigte sich vor allem mit Fragen der Agrargeschichte und -politik, der ländlichen Sozialpolitik und der Handwerkspolitik.

Zu Abels Schülern gehören Walter Achilles, Friedrich-Wilhelm Henning, Karl Heinrich Kaufhold und Diedrich Saalfeld.

Abel war seit 1933 mit Alice, geb. Perner, verheiratet.

Leistungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Methodik, Grundlagen und Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilhelm Abel gilt als einer der Begründer der quantitativen Methode in der wirtschaftshistorischen Forschung. Neben seinen umfangreichen und grundlegenden Arbeiten zur Agrargeschichte verdankt die Geschichtswissenschaft Abel entscheidende Impulse zur Interpretation wirtschaftshistorischer Themen, insbesondere zu den Agrar- und Hungerkrisen sowie eine Neuinterpretation des Pauperismus und seiner Ursachen.

Impulse in wissenschaftlichen Debatten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursachen des Pauperismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilhelm Abel formulierte eine Gegenthese zur Auffassung von Friedrich Engels, nach der die Industrialisierung die Ursache des Pauperismus (gewesen) sei. Nach Abels Ansicht war der Pauperismus lediglich Ausläufer der alten, vorindustriellen Armut, verschärft durch das schnelle Bevölkerungswachstum bei noch geringem Produktivitätszuwachs. Im Gegensatz zu Engels sah er die Industrialisierung als Lösung des Pauperismusproblems.

Ursachen der Hungerkrisen im 19. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Merkmale der vorkapitalistischen Wirtschaftskrisen gelten nach Abel und Ernest Labrousse (daher auch: Abel-Labrousse-Hypothese) naturgeschichtliche Ursachen, singuläre Ereignisse als auslösende Momente, die materielle Zerstörung der Elemente des Reproduktionsprozesses, die Transmission der Krise von der Landwirtschaft zum städtischen Gewerbe und die räumliche Begrenztheit der Krisen infolge fehlender Integration der Märkte.[2] Abel sah diese Merkmale bei der europaweiten Hungerkrise Mitte des 19. Jahrhunderts als erfüllt an und bezeichnete sie daher als letzte Krise vom Typ des ancien régime und argumentiert, dass „das Jahr 1847 noch ein Notjahr ‚alter Ordnung‘ in Deutschland war“.[3] Neuere Forschungen sehen dies differenzierter und argumentieren, dass es damals bereits Elemente des industriell-kapitalistischen Typs von Wirtschaftskrisen gegeben habe.[4]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Träger des deutschen Getreidehandels, Frankfurt am Main 1929.
  • Agrarkrisen und Agrarkonjunktur in Mitteleuropa vom 13. bis zum 19. Jahrhundert, Habilitationsschrift, Berlin–Hamburg 1935 (2. Auflage 1966, 3. Auflage 1978, japan. 1972, franz. 1973, ital. 1976, engl. 1980), ISBN 3-490-30415-2.
  • Die Wüstungen des ausgehenden Mittelalters (= Quellen und Forschungen zur Agrargeschichte, 1), Jena 1943 (2. Auflage 1955, 3. Auflage 1976), ISBN 3-437-50185-2.
  • Agrarpolitik, Göttingen 1951 (2. Auflage 1958, 3. Auflage 1967, span. 1960).
  • Geschichte der deutschen Landwirtschaft vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert, Stuttgart 1962 (= Deutsche Agrargeschichte, 2) (2. Auflage 1967, 3. Auflage 1978).
  • Der Pauperismus in Deutschland am Vorabend der industriellen Revolution, Dortmund 1966 (2. Auflage, Hannover 1970).
  • Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Europa. Versuch einer Synopsis, Hamburg–Berlin 1974 (2. Auflage 1977, 3. Auflage 1986), ISBN 3-490-04315-4.
  • Stufen der Ernährung. Eine historische Skizze, Göttingen 1981, ISBN 3-525-33453-2.
  • Strukturen und Krisen der spätmittelalterlichen Wirtschaft, Stuttgart–New York 1980 (= Quellen und Forschungen zur Agrargeschichte, 32).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Julien Demade: The Medieval Countryside in German-Language Historiography since the 1930s, in: Isabel Alfonso (Hrsg.): The Rural History of Medieval European Societies. Trends and Perspectives, 2007, p. 173-252.
  • Karl Heinrich Kaufhold u.a. (Hrsg.): Theorie und Empirie in Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsgeschichte. Wilhelm Abel zum 80. Geburtstag. Göttingen 1984.
  • Karl Heinrich Kaufhold: Der Beitrag Wilhelm Abels zur wirtschaftshistorischen Forschung im 20. Jahrhundert. In: Markus A. Denzel (Hrsg.): Wirtschaft – Politik – Geschichte. Beiträge zum Gedenkkolloquium anlässlich des 100. Geburtstages von Wilhelm Abel am 16. Oktober 2004 in Leipzig, Stuttgart 2004, ISBN 3-515-08633-1, S. 103–127.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Holger Krahnke: Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1751-2001. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-82516-1, S. 23.
  2. Hans-Heinrich Bass: Hungerkrisen in Preußen während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. St. Katharinen: Scripta Mercaturae 1991, ISBN 3922661904, S. 22 f.
  3. Wilhelm Abel: Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland. 2. Auflage. Göttingen 1972, S. 57.
  4. Hans H. Bass: Natürliche und sozioökomische Ursachen der Subsistenzkrise Mitte des 19. Jahrhunderts – eine Diskussion am Beispiel Preußens, in: Bernd Herrmann (Hrsg.): Berichte aus dem umwelthistorischen Kolloquium der Universität Göttingen, 2010, S. 141–156 (PDF; 591 kB).